Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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und Beschreiben, ganz unmerklich, analysiert er sie psycho-
logisch und schildert mit sicherstem Instinkt ihr Aussehen,
ihre Farben, ihren Strich, ihren Aufbau, so leidenschaftlich
und so lebendig, daß man glaubt, man wäre dabei gewesen,
wie das Bild entstand. Jedlickas Gefühl für Kunst und
Malerei, für das einzelne Bild ist so feinfühlig und so hin-
gegeben, daß man diese Art, ohne zu übertreiben, dem
Besten zur Seite stellen kann, was in deutscher Sprache

Zusammenhang, nachdem er sie eingehend gedeutet hat.
Er wertet, er wägt ab, er vergleicht Bild gegen Bild, Periode
gegen Periode. Aber auch den Künstler in seiner und gegen
seine Zeit und seine Zeitgenossen. Als vor zwanzig Jahren
jemand die Frage erhob, ob nicht am Ende Lautrec, der
unheimliche Kronprinz neben Degas, größer wäre, wegen
Ursprünglichkeit und Leidenschaft, als der König Degas
selber, galt dies als Paradox. Renoir hat sie, nach Vollard,

HENRI DE TOULOUSE-LAUTREC, BILDNIS MR. BOILEAU

MIT ERLAUBNIS DER D. D. A.

überhaupt je über Malerei und Bilder gesagt wurde. Und
natürlich schreibt er, weil er ganz neue Dinge sieht, frisch
und original; seine Sprache ist äußerst biegsam und verfügt
über eine Fülle von überraschenden Ausdrucksmöglichkeiten.
Er schreibt vom Leben und vom Bild aus. Das Leben er-
zählt er, hierbei immer die Quellen, besonders den Joyant
benutzend, aber auch unter Verwertung eigener Forschungen
und Feststellungen, schlicht, aber sehr anschaulich, als kulti-
vierter Chroniqueur. Die Bilder stellt er dann in den großen

schroff verneint. Wer aber das Kapitel bei Jedlicka liest,
in dem Lautrec gegen Degas gestellt wird, wundert sich
heute nachträglich, daß man die Frage überhaupt jemals
hat diskutieren können.

(Eine Frage in Klammern: Jedlicka berichtet, Duret,
der für Lautrec und gegen Degas stand, hätte ihm einmal
von Degas' „mauvais caractere" gesprochen? Wie soll man
das übersetzen? Das Wörtliche führt irre, mauvais caractere
heißt nicht „schlechter Charakter". Sondern eher: ein Mann

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