Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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dieren ihre reich illustrierten Bände immer wieder neu. Dona-
tello erlebt eine Neubearbeitung durch Max Semrau, nach
dem jetzigen Stand an Kenntnissen und Abbildungen. Fra
Angelico ist nach Wingenroths Text von Frida Schott-
müller aus ihren exakten Forschungen, denen wir schon den
roten Band verdanken, neu herausgegeben. Fritz Knapps
Perugino schenkt dem Meister das stärkere Relief seiner
früheren Zeit wieder, da er in Florenz und nicht bloß in
Umbrien Führer war. Wohlgelungene farbige Reproduktionen
nach den immer nicht genügend gewürdigten Handzeich-
nungen des Meisters bieten einen besonderen Reiz. Dazu
kommt noch Michelangelos Leben, von Schubring neu
redigiert. Alle diese Bände leisten in der Abbildung längst
bekannt Vorzügliches. Nur das Hinzukommen mancher Farben-
tafel nach Gemälden begrüßt man mit geteilten Empfindungen.

Neben diesen Monographien über die bekanntesten Meister
wird ein Buch besonders willkommen sein, das Franz Drey
dem Lieblingsmaler einer starken Minorität gewidmet hat,
Carlo Crivelli. (Verlag F. Bruckmann, München.) Für ihn
scheint uns heute nicht mehr das Lob des „wahrsten Künst-
lers" genügend, das Berenson ihm vor dreißig Jahren gab.
Wir sehen ihn jetzt in der Reihe der „wieder gotischen",
mit Schongauer und dem Bartholomäus-Meister, Perugino
und Botticelli, und freuen uns seiner Frömmigkeit im Hand-
werk, das die heiligen altertümlichen Gestalten mit edel-
stem Zierat zu umgeben liebt. Wo Lebensdaten und Ur-
kunden versagen, hat der Autor ein Recht, sich seinem
kundigen Auge anzuvertrauen. Er verfolgt den Meister durch
die Akademie Squarciones in Padua, vorüber an den Viva-
rini, bis er in den Marken klar mit eigenem Stil hervortritt
und von dort auf das benachbarte Umbrien wirkr, wo vieles
bei den Primitiven sich aus seiner Nähe erklärt. Der Bilder-
kenntnis des Autors blieb kaum ein Werk verborgen von
Baltimore und Detroit bis, was vielleicht mehr sagen will,
Massa Fermana und Sant' Elpidio a Marc und Ripatransone.
Autor und Verlag haben ihre Verpflichtung gegeneinander
und vor der Öffentlichkeit mustergültig erfüllt.

Wer heute an die Großen des Cinquecento heranführen
will, hat mit dem Odium des Ancien regime, ihrer Verdamm-
nis in der impressionistischen Ästhetik und ihrer verdächtigen
Prägung zu „Klassikern" zu kämpfen. Gegen alle diese feind-
lichen Schemen hilft nur das Glück der Persönlichkeit und des
nachschaffenden Erlebens. Dies ist Edmund Hildebrandt
bei seinem Lionardo-Buch (Verlag G. Grote, Berlin) zu-
teil geworden. Er fand die beiden in dem Wort „Kunst-
Wissenschaft" fast gedankenlos verkoppelten Lebensmächte
zum ehrfurchtgebietenden Phänomen geeint in einem der
bewegendsten Genien aller Zeiten. Von Forschung nicht
belastet, sondern erhoben, deutet er den Weg in das laby-
rinthische Wunder dieser Produktivität und erzeugt, statt der
Einbildung des Sehens und Verstehens, eine Atmosphäre
des musischen Beglücktseins durch das Gefühl der Einheit
von Schöpfer und Geschaffenem. Er darf sich auf die Kritik
der nur sich selbst Beglückenden gefaßt machen, aber er

überzeugt, daß nach dem einsamen Meister der Mona Lisa
allein Rembrandt diese Ruhe und Erschütterung zugleich zu
gewähren hat, dieses strömende Klingen der Bewegung, in
dem nur der wahrhaft Schaffende seine Gebilde zu beleben
weiß. Willkommen als Ergänzung zu diesem Band bieten
sich die Zeichnungen Lionardos (Verlag Piper & Co.,
München). Aus der großen, nur Eingeweihten zugänglichen
Fülle an Studien, die in den Manuskripten der Ambrosiana,
in Windsor Castle, Holkham Hall ruhen, hat Anny F.. Popp
fast hundert herausgehoben, um über die künstlerische Wer-
tung hinaus, das tief ins Geheimnis der schaffenden Natur
dringende Erkennen des Meisters daran aufzudeuten. Neben
den bekannten dämonisch schönen und wilden Köpfen,
Schlachten, Pferdestudien, Pflanzen stehen, hier wohl zum
erstenmal vielen zugänglich, die pflügenden Ochsen, die
Regenlandschaften, die Allegorien, um die seltene kosmische
Einheit des Allseitigen zu zeigen. Sein Sfumato ersteht aus
der Offenbarung der Atmosphäre zwischen den Dingen, von
der seine Welt erfüllt ist. Auch diese Darstellung, in bewußt
gewählten Bildern und Worten, führt also zum gleichen Ziel
wie Hildebrandts Buch: zum Gefühl des Staunens vor der Un-
begreiflichkeit des echten Schöpfers.

Schließlich hat der Anreger aller dieser Studien nun auch
innerhalb der deutschen Kunstwissenschaft sein würdiges
Denkmal gefunden. Die große deutsche Vasari-Ausgabe
(im Verlag I. H. Ed. Heitz, Straßburg) ist mit dem jetzt vor-
liegenden zweiten Teil des siebenten Bandes abgeschlossen.
Damit haben die „Lebensbeschreibungen" des redseligen
Aretiners nicht nur eine neue Übersetzung, sondern geradezu
eine, ja die nach fast fünfzigjähriger Pause durchgreifende,
kritische und erläuternde Bearbeitung erfahren. Mit gerecht-
fertigtem Selbstbewußtsein können die ersten Herausgeber
Adolf Gottschewski und Georg Gronau jetzt für sich und ihre
Mitarbeiter Paul Schubring, Martin Wackernagel, Frida Schott-
müller und Hiltgart Vielhaber in dem Schlußwort von Ziel
und Umfang der Aufgabe noch einmal sprechen.

Die unvergängliche Frische unserer besten Quelle für die
große italienische Kunst kostet man auch in diesem letzten
Band, der manche entsagungsvolle Arbeit verlangte. Die Ka-
pitel mit Vasaris Zeitgenossen und Freunden, den Akademi-
kern und den Meistern der mediceischen Kunst- und Schatz-
kammer sind mit gleicher Sorgfalt bearbeitet und kommen-
tiert, wie die der großzügigen Architekten Fra Giocondo,
San Michele, der beiden jüngeren Sangalli, um schließlich
den mächtigen Schlußstein darauf zu setzen: die an intimen
Zügen reiche Michelangelo-Biographie, sie nimmt tund zwei-
hundert Seiten ein. Hiltgart Vielhaber hat die ersten vier
Biographien und die letzte bearbeitet, die andern sieben Frida
Schottmüller, die damit das ganze schöne und verdienstvolle
Werk würdig ausleitet.

Man weiß es wieder einmal ganz deutlich trotz aller not-
wendiger Kritik: jede Beschäftigung mit italienischer Kunst
hat von Vasari auszugehen. Diese große Ausgabe schafft den
festen Grund.

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