Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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wird nun von dem Kunsthändler, der
Eigentümer der Sammlung geworden
ist, erneut aufgenommen werden. Wich-
tige Stücke Alt-Wiener Kunst, die eine
eigene bedeutende Sammlung inner-
halb der Sammlung Figdor bildeten,
werden den Museen als Entgelt für die
Freigabe der übrigen Teile angeboten,
die wohl unvermeidlich ist. Es nützt
nichts, darüber zu klagen, daß uner-
setzliche Kulturwerte den deutschen
Landen entzogen werden. Es fehlt an
Mitteln, sie zu halten, und nichts ist
bedenklicher als Anwendung von ge-
setzlicher Gewalt, die alle Keime neuer
Sammeltätigkeit ersticken muß.

Es ist traurig genug, zu sehen, wie
bei uns Jahr um Jahr eine nach der
anderen die alten Sammlungen der
Auflösung verfallen — im Frühjahr
werden bei Boerner die Farbenstiche
der Sammlung Model versteigert wer-
den — und man hört nicht ohne Neid,
wie im Gegensatz amerikanischen Mu-
seen immer neue Legate von uner-
hörtem Ausmaße zufallen. Aber man
muß sich damit abfinden, daß nach
dem Kriege in dem eigentlichen Sie-
gerlande sich ungeheure Beuteschätze
häufen. Man darf zufrieden sein, daß
Europa in den unveräußerlichen Samm-
lungen seiner Museen einen Vorsprung besitzt, der ihm den
Vorrang für alle Zukunft sichern wird, — es sollte diese
Schätze darum doppelt eifersüchtig hüten — aber der Abfluß
des beweglichen Kunstbesitzes nach Amerika ist durch die
Lage der Weltfinanzen begründet und leider unaufhaltbar.

Eben jetzt hat durch die Stiftung der am 5. Januar ver-
storbenen Mrs. H. O. Havemeyer das Metropolitan-Museum
einen großartigen Zuwachs an Kunstwerken höchsten Ranges
erhalten. Niemand hatte dieses Legat erwartet, da Mrs.
Havemeyer mit der Museumsverwaltung keine sonderlich
nahen Beziehungen unterhalten hat. In der Tat hatte die
Verstorbene in einem vor zehn Jahren errichteten Testa-
ment ihre drei Kinder zu alleinigen Erben eingesetzt.
Aber was in Europa gefährliche Sondergesetze vergeblich
zu erzwingen versuchen, scheint in Amerika mehr und
mehr zu einem ungeschriebenen Gesetz der sozialen Ethik
zu werden, daß die von den Dollarkönigen angehäuften
Kunstschätze nach ihrem Tode in den Besitz der Nation
übergehen.

So hat Mrs. Havemeyer in einem ersten Nachtrag zu
ihtem Testament eine kleinere Zahl von Gemälden, in einem
zweiten die wichtigsten Teile ihrer hervorragenden Kunst-
sammlung dem Metropolitan-Museum hinterlassen, das nun
einen Zuwachs von fast zweihundert bedeutenden Werken
alter und neuer Meister empfängt. Mrs. Havemeyer ist seit
ihrer Jugend mit der Malerin Mary Cassatt befreundet
gewesen, die im Jahre 1875 nach Paris kam und als ein-

MAHASTAMAPRAPTA, CHINA. UM 1200

AUS DER SAMMLUNG DR. A. BREUER, BERLIN
VERSTEIGERUNG AM 14. UND 15. MAI BEI
FAUL CASSIRER — HUGO HELBING, BERLIN

zige Schülerin des Meisters zu Degas
in nahe Beziehungen trat. Durch die
Freundin in die Kunst des Impressio-
nismus eingeführt, wurde sie eine der
ersten Käuferinnen von Bildern der
großen Franzosen, sie besaß sechs Ge-
mälde und zwei Pastelle von Manet,
fünfzehn Bilder von Courbet, drei
Figurenbilder von Corot, zwölf Pastelle
und sieben Gemälde von Degas, vier
Bilder von Cezanne, Werke von Renoir,
Monet, Pissarro. Fast ausnahmslos wer-
den diese Kunstschätze nun dem Metro-
politan-Museum zufallen, zusammen mit
einer nicht minder kostbaren und ge-
wählten Galerie alter Meister. Sechs be-
deutende Werke von Rembrandt, zwei
Porträts von Frans Hals, zwei Bilder von
Rubens gehörten der Sammlung.

Von Greco besitzt sie das berühmte
Porträt des Cardinal Nino de Guevera
und die wunderbare Landschaft von To-
ledo, die vor fünfundzwanzig Jahren im
Salon Cassirer zum Verkauf stand, ehe
sie nach Amerika wanderte, damals noch
um einen recht bescheidenen Preis. Auch
Goya ist in der Sammlung Havemeyer
mit sechs Werken, darunter den Majas
auf dem Balkon und dem Bildnis der
Königin Maria Luise in gelbem Kleid
hervorragend vertreten.
Es ist ein Legat, das man in der Sprache der alten Welt
als fürstlich bezeichnen würde, weil es in der Tat nur den
Sammlungen vergleichbar ist, die ehemals Landesfürsten der
Öffentlichkeit übergaben, während heute fürstlicher Kunst-
besitz bei uns zumeist in den Verkaufslisten der Auktions-
häuser und Kunsthandlungen erscheint. Um den Weifenschatz
ist es wieder still geworden. Man wird von ihm wohl erst
hören, wenn die Hauptstücke in amerikanischen Sammlungen
ihren Platz gefunden haben. Nachrichten über den Verkauf
bedeutender Kunstwerke aus ehemals kaiserlichem Besitz
haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Aber es ist
erstaunlich, wie viele bedeutende Kunstwerke in letzter Zeit
im Berliner Kunsthandel aufgetaucht sind. Man erzählte von
einem Porträt von Dürer, das Duveen kaufte, der Dürer aus
ehemals Schwabachschem Besitz steht noch in einer Berliner
Kunsthandlung. Nicht weniger als drei bisher unbekannte
Werke Altdorfers waren oder sind noch in Berlin. Eine kleine
Tafel, die von Bode und Venturi als Jugendwerk Raffaels
bezeichnet wurde, ist ebenfalls in Berlin verkauft worden.
Eine große Sammlung altitalienischer Kunst, die Sammlung
Spiridon, ist von Paris nach Berlin gebracht worden, um hier
bei Paul Cassirer versteigert zu werden. Der Berliner Kunst-
markt ist lebendiger als je, aber er lebt in der Hauptsache vom
Ausfuhrhandel, und der Aufbau neuer Sammlungen hält keines-
wegs Schritt mit dem Angebot hervorragender Kunstwerke
in den Häusern des alten Westens, die heute mehr Kunst-
handlungen als ehemals Privatsammlungen beherbergen.

G—

SIEBENUNDZWANZIGSTER JAHRGANG, SECHSTES HEFT. REDAKTIONSSCHLUSS AM 15. FEBRUAR, AUSGABE AM 1. MÄRZ
NEUNZEHNHUNDERTNEUNUNDZWANZIG. REDAKTION KARL SCHEFFLER, BERLIN; VERLAG VON BRUNO CASSIRER, BERLIN
GEDRUCKT IN DER OFFIZIN VON FR. RICHTER G.M.B.H., LEIPZIG
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