Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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Kunst, aber es wucherte nicht mit dem Pfund,
es drängte nicht vorwärts wie die klassische Zeit
es getan hatte, sondern es bewahrte und hegte die
alten Formen wie ein überkommenes Kapital, von
dem man lebt, oder wie Konserven, von denen
man sich ernährt. Nicht neue Beobachtungen kamen
hinzu, sondern alle künstlerischen Motive der
menschlichen Bewegungen, der Gewanddraperien,
der Komposition, ja auch der landschaftlichen und
architektonischen Hintergründe wurden festgelegt
in der Form, wie sie als Endresultat klassischer
Entwicklung gelten konnten, und in dieser Form
wurden sie unendlich wiederholt.

Dabei ergaben sich zweierlei Veränderungen.
Durch die Festlegung der Formen trat eine Be-
stimmtheit der Umrisse des Ganzen und der ein-
zelnen Teile ein; gegenüber dem malerischen
Farbenübergang eine Verschärfung der Linien, die
eben ein Lehren und Lernen dieser determinierten
Gestaltungen erleichterte. Ferner aber führte der
Mangel an individueller Erfindung zugleich mit
dem Druck des feierlich Hieratischen der Kirche
zu einer Symmetrisierung der Kompositionen, die
auch ihrerseits den Konservatismus erleichterte und
zugleich die ornamentale Wirkung steigerte.

Was die Künstler des neuen mittelalterlichen
Abendlandes in dieser byzantinischen Kunst fanden,
das war eben der aus der Antike ererbte Reich-
tum an Motiven und an technischen Ausdrucks-
mitteln. Ihrer sehr geringen eigenen Fähigkeit,
aus der Natur-Nachahmung heraus zu gestalten,
standen hier die in langen Jahrhunderten ausge-
bildeten Beobachtungen gegenüber, mittels derer
man künstlerisch fixiert hatte, was in der beweg-
lichen Natur schwer zu fassen war. Die abend-
ländischen Maler holten aus dieser Fixierung die
Wiedergabe des Lebens leichter heraus als aus dem
Leben selbst, und immer und immer wieder sehen
wir die westeuropäische Kunst, wenn sie ermattet,
zu diesen Vorbildern greifen, und Gewandmotive,
Kopftypen und Kompositionen übernehmen.

Aber sie bleibt nicht dabei stehen, sondern
die byzantinischen Quellen flössen nur dem eigenen
naturalistischen Bestreben zu, man belebte diese
versteinerten Formen aufs neue und baute auf
ihnen weiter, wandelte sie ab durch eigene Be-
obachtung, eine jede Generation brachte Neues,
und die Malerei des fünfzehnten, sechzehnten und
siebzehnten Jahrhunderts umfaßte schließlich die

ganze Außenwelt und zeigte unsere irdische Um-
gebung in überzeugender Wahrhaftigkeit.

Daß erst recht die russische Kunst sich von der
byzantinischen ableitet, zugleich mit der Religion,
ist allgemein bekannt, und so wurde die Kunst
des westlichen wie des östlichen Europas aus ganz
denselben Quellen gespeist. Die große Verschieden-
heit aber liegt in der Art, wie aus diesen Quellen
geschöpft wurde. Als Rußland das Christentum
annahm, fanden zahlreiche byzantinische Andachts-
bilder der Madonna, Christi und seiner Heiligen
ihren Weg dorthin. Aber hier diente der alte, aus
der Antike stammende Motivenschatz nicht zur
Nahrung der lebendigen Kräfte, die der Erschei-
nung der Dinge in der Natur näherzukommen
suchten, sondern sie wurden als etwas Feststehendes,
Sakrosanktes, Unwandelbares aufgenommen. In der
russischen Malerei (ich sehe ab von der modernen,
vom Westen übernommenen Kunst) scheint nie
der Wille geherrscht zu haben, eine überzeugende
Illusion der Wirklichkeit zu geben, sondern das
Reich der Bilder bleibt ein völlig getrenntes von
dem des realen optischen Erlebnisses. Im westlichen
Europa ist die Kunst ein Spiegel des Lebens, in
Rußland stehen getrennt auf der einen Seite das
reale irdische Leben, auf der andern die Sphäre
der auf das Göttliche gerichteten Vorstellungen,
und diese sind festgelegt. Derselbe Typus der
Madonna, des Christuskopfes, der evangelischen
Szenen der verschiedenen Feste des Jahres herrscht
durch die Jahrhunderte. Zwar machen sich leichte
Variationen geltend und besonders seit dem fünf-
zehnten Jahrhundert, vielfach wohl unter west-
lichem Einfluß, ändern sich die Typen zuweilen
leise und neue Kombinationen werden hinzu er-
funden, es bleibt aber doch eine darüber waltende,
zwingende Einheitlichkeit, die im achtzehnten Jahr-
hundert noch Szenen produziert, die denen des
byzantinischen elften Jahrhunderts in ihrer Zu-
sammensetzung völlig gleichen. Die Madonna be-
hielt das gleiche große Kopftuch, die hohe runde
Kopfform und die gleichen Züge, so daß auch
jeder Bauer sofort den göttlichen Typus erkennt.
Es liegt in dieser Einprägsamkeit des Gleichbleiben-
den eine gewaltige Kraft des religiösen Symbols.
Das Bild bekommt Wunderkraft, Maler, die ein
berühmtes Bild geschaffen, werden Wundertäter.

Es gibt zwei Arten, diese Bilder anzuschauen.
Die eine ist die des Volkes, das nur den Gegen-

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