Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 10.1875

Page: 387-388
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Georg Brew.

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fahrten hochverdienten Grafen Hans Wilczek, Abschied
nehmen. Das Meer ist schon mit Eismassen erfüllt,
aber das Eis ist noch durchsichtig und läßt zur Durch-
fahrt „Waken" frei, in denen die niedrig stehende Sonne
sich spiegelt. — Das zweite Bild zeigt uns das Ex-
peditionsschiff bereits in einem unübersehbarcn Eisfelde
eingefroren und die Mannschaft beschäftigt, die ausge-
setzten Boote und Schlitten über die ewig berstenden
und sich emporbäumenden Schollen in Sicherheit zu
bringen. — Einen ergreifenden Moment schildert das
dritte Bild: den ersten Sonnenaufgang nach viermonat-
licher Nacht! Die Reisenden haben, um das himmlische
Licht, das täglich um 10 Minuten der Sichtbarkeit
näher rückt, früher begrüßen zu können, die Anhöhen
des Eises erklommen: da taucht die riesige Scheibe
glühend empor, das goldgelbe leichte Gewölk und die
Spitzen der Eismassen mit einem rosigen Schimmer an-
hauchend. Ein Jubelruf! Doch bald, nach wenigen
Minuten, sinkt die Sonne schon wieder, um am folgen-
den Tage ihren Lauf in einem elwas größeren Kreis-
segment von Neuem zu beginnen. — Das vielleicht am
wenigsten dankbare, aber malerisch feinstgestimmte der
Bildcr ist das vierte. Da liegt der „Tegetthoff" im
wcit sich dchnenden Packeisc, das rechts im Vordergrunde
wic eine Thalmulde sich vertieft, links zu einem Höhen-
kamme aufgebaut ist. Die ganze, meilenweite Masse
fluthet mit der Strömung langsam weiter. Die an dem
eisig grauen Himmel aufsteigenden Wolkemnassen kün-
digen in der Ferne Vas ossene Meer an. — Aber dahin
war mit dem rettungslos eingefrorenen Schifse kein Pfad
mehr zu brechen! Nun folgen die Zeiten des Winters
1873—74: ein Schneesturm während der Verfolgung
eines Bären, der eincn treuen Hund zerfleischte (Bild 5),
das Begräbniß des Maschinisten Krisch im einsamen
Fclscngrab anf der Wilczek-Jnsel (Bild 6), dann Payer's
kühne Schlittenreisen zum Säulenkap auf Kronprinz-
Rudolph's-Land (Bild 7) und zu dem änßersten Punkte,
den früher noch nie ein europäischer Fuß betrat, zu
den mit Flechten und Moosen spärlich bewachsenen
Doleritfelsen dcs Kap Fligely, von dessen Höhe der
Blick noch in weitere Fernen bis zu dem „Kap
Wicn" vorzudringen vcrmag (Bild 8), endlich die
Rückkehr der Schlittenreisenden zum „Tegetthoff", von
dcm sie sich zwei Tage lang durch einen offcnen Mceres-
thcil gctrennt sahen (Bild 9). Jm Frühling 1874
wurde der schwere Entschluß gefaßt, das Schiff zu ver-
lassen. An einem hellen Mai-Abend sehen wir die er-
greifende Scene sich abspielen: die Flaggen werden an
das Schiff genagelt, die Bärenfelle gegen eine kärgliche
leichte Aüsrüstung vertauscht, und fort geht es der fernen
Heimat zu (Bild 10). Aber tausend Gefahren drohen noch
auf dicsem beschwerlichcn Wcgc. Die Schlitten müssen
über die Sprünge des Eises behutsam hinübergeschoben,

die Böte durch die Waken hindurchgelenkt werden
(Bild 11); oft rückt man in 10 Stunden nnr um eine
Luftlinie von 200 Schritt von der Stelle. Da naht
endlich am Ausgange des Eismeers die Rettung durch
russische Schiffer, deren Nähe das auf einer Küstenhölfi
von Nowaja - Semlja aufgerichtete Andreaskreuz an-
kündigt. Untcr Freudenrufen sehen wir die Boote, mit
denen des Kapitäns Voronin vereinigt, dem in dtr'
Dnnenbucht ankernden „Nikolaj" znsteuern (Bild 12).

Wir finden es sehr erklärlich, daß an den Eigen-
thümer der Obermüllncr'schen Nordpol-Bilder, Herrn
Capellen in Wien, schon zahlreiche Einladungen ergangen
sind, den Cyklus in den österreichischen und deutschen
Städten eine Rundreise machen zu lassen. Und wie
wir hören, sollen diese Wander-Ausstellungen demnächfi
beginnen. Wir dürfen ihnen einen großen Erfolg vor-
aussagen. Außerdem ist eine photographische Publi-
kation der Bilder im Zuge.

Ein noch tiefer gehendes Jnteresse als dieser Cyklus
erwcckt die drei Säle dcs Künstlerhauses füllenvc
Führich-Ausstellnng. Joseph v. Führich fcicrtc
am 9. Februar seinen 75. Geburtstag. Die Künstler-
genossenschaft erinnerte sich des Tages und sandte dem
Meister eine Adresse; die Akademie, aus deren Mitte
Führich vor drei Jahren geschieden war, schloß sich
^mit der gleichen Huldigung an; die Stadt Wien
verlieh ihm das Ehrenbürgerrecht; auch von auswärts
kamen zahlreiche Glückwünsche; der Papst ertheilte dem
treuen und geistvollen Verherrlicher der Kirche seinen
Segen. Aber in der ganzen Festveranstaltung dürfte die
Ausstellung der Führich'schen Werke das dem Meister wie
dem Publikum Erwünschteste gewesen sein. Sie giebt,
wenn auch kein ganz vollständiges, so doch ein völlig
genügendes Bild seiner künstlerischen Entwickelung und
bezeugt in erfreulichster Weise, daß die schöpferische Kraft
des Meisters durchaus nicht in Abnahme begriffen, und
daß es dadurch leicht erklärlich ist, wenn seine Werke
gerade in den letzten Jahren sich einer großen Populari-
tät zu erfreuen haben.

Die Ausstellung umfaßt 181 Werke, von denen
14 Kartons zu den Fresken der Altlerchenfclder Kirchc
in Wien, 138 Zeichnungen, Skizzen, Aquarelle und
Reproductionen, 29 Oelbilder sind. Zahlreiche dieser
Werke waren bisher niemals ausgestellt, sehr viele ge-
hören dem Künstler selbst und sind verkäuflich.

(Schluß folgt.)

Georg Srew.

Dcr Künstlername IOL6- LLLVV wird auf einem
Gemälde der Münchener Pinakothek (I, 26) gelesen,
welches den Sieg Scipio's über Hannibal bei Zama
darstellt. Außer dem Namen sindet man auf dem Bilde
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