Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 45.1931-1932

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isL es heute nicht mehr. Es wird sich in ZukunsL der bewußLen MiLarbeiL des
Menschen immer mehr erschließen. Es zeigL ihm heuLe mindestens zwei PunkLe
der gestellLen Aufgabe ganz klar; daß real ins Neue hinübergegangen wer-
den muß — und daß dabei doch die Fühlung miL bekannLen Grundlatzen
menschlichen Seins nichL verlorengehen dars.

Gewiß ist es nichL der beLrachLende, sondern der handelnde Mensch, der die
Veränderungen bewirkL. Mer BeLrachLung, Besinnung bieten die einzige Ge-
währ dasür, daß im Handeln auch wirklich der ganze, der Latsächliche Mensch
zugegen ist — nicht nur ein AbstrakLnm von ihm, eine abgeblendete GeLrieben-
heiL, die im Endersolg alles falsch und schies machL. Deshalb ist es eine enL-
scheidende Verbessernng der SiLuation, daß henLe der Kulturkrise gegenüber
eLwas RückLriLL, einiges Rkeue an Besinnung möglich geworden ist.

Das ist eine TaLsache, die heute vielen geistigen Menschen DenLschlands im Be-
wußtsein stehL. Man sehe sich um, so wird man da und dorL ihr WorL hören.

ProleLariaL

Bon Clemens Bauer

I.

(P<roleLariaL bezeichneL in erster Linie einen ziemlich verwickelten, nichL völlig
^f^klar begrifslich abgrenzbaren soziologischen TaLbestand. Aber ab-
grenzbar sind die ökonomischen BorausseHungen, die als Dauererschei-
nung zur ProleLariLäL sühren. Eine soziologische Begrifssbestimmnng wird
immer an die elemenLaren ökonomischen VorausseHungen anzuknüpsen haben.
ProleLariLäL entstehL aus einem Verhältnis der dauernden und erblichen Lohn-
arbeit ohne die Mvglichkeit der Vermögensbildung und damit sozialen 2luf-
stiegs. Ükonomische individuelle Lebensgrundlage ist die dauernde Lohnarbeit,
das heißL: die Veräußernng der eigenen LlrbeiLskrasL zum Zwecke des Erwerbs
und der Zwang zur danernden Veräußerung ohne entsgrechende SicherheiL
des ArbeiLsplaHes. Das Spezisische an der ProleLariLäL, das heißL an ihren
objektiven VoransseHungen ist also weder Armnt noch Verelendung — sie
können das Ergebnis individuellen Schicksals oder gesamtgesellschastlicher wirt-
schaftlicher KaLastrophen und „lVaturereignisse" sür jede soziale SchichL
sein —, sondern liegt in der SLellung innerhalb der ProdukLionsordnuvg,
näherhin in der Arbeitsversassnng. ProleLarier entstehen in WirLschafLs-
zweigen, in denen die ArbeiLsversassung der freien LohnarbeiL vorherrschL,
sosern eine Ansbruchs- bzw. AusstiegsmöglichkeiL aus dem danernden und
lebenslänglichen LohnarbeiLsverhältnis nnmöglich ist. DamiL aber die Pro-
letarität selbst zu einer dauernden und charakteristischen Erscheinung innerhalb
einer Wirtschast werde, muß die ArbeiLsversassung in überwiegenden und
entscheidenden Teilen des WirLschasLsraumes die freier LohnarbeiL sein, das
heißL: eine durch alle WirLschasLszweige gehende Trennung von KapiLal und
ArbeiL muß eingetreten sein. ITur wo die gesamte ProdnkLionsordnung
dnrch diese Trennung bestimmL ist, also im System des KapiLalismus, sind
dauernd die VorausseHungen der ProleLarität gegeben und damiL das soziale
PoLenLial des ProleLariers.
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