Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 45.1931-1932

Seite: 624
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wenn es legiürnistlsche Kräste mobilisieren sollte, nicht bereit noch das radikale
fähig ist. Die tadnla rssa ist kein Rezept sür Deutschland, sie würde zuviel
Weserrkliches zerstören. Dre Annäherung der Extreme bis zu einer engen Po-
larität (etwa im Stil des englischen Gegensahes zwischen konservativ und libe-
ral) ist durch die Zersetzung des Bürgertums erschwert. Es bleibt nichts übrig,
als immer wieder den Versuch zu machen, die immer wieder emporsteigende, aus
die Dolksganzheit drängende Bewegung (für die es bezeichnenderweise keinen
umsassenden Namen gibt, obwohl sie schon eine Geschichte hat) golitisch zu
gestalten. Der nächste aktuelle Ansatz dazu ist unzweiselhaft in der Unruhe
der Iugend und in der daraus sließenden Bewegung gegeben. Das Bild des
deutschen Volkes von sich selbst, nach dem es seine künstige Gestalt schassen
kann, kann nur aus den Wirklichkeiten seiner Lage und seines geschichtlich ge-
wordenen Wesens ausbanen. Es dars aber kein bloßes Sich-einrichten in diesen
Gegebenheiten bedenten, sondern mnß die Ansätze, die aus die Gestaltung des
Ganzen zielen, bewußt weiterentwickeln, ans Kosten jener ins Allzu-Proble-
matische sührenden Unterströmnngen und Einseitigkeiten, die der Gestalt end-
gültig widerstreben. Genau so wie man nicht alle Anlagen eines begabten
Menschen gleichzeitig entwickeln kann, soll er zum Charakter werden, der das
Leben meistert und sich behauptet.

Das bedeutet eine vollkommen nene Wertung im Gesamtleben der Nation.
Es bedeutet, daß selbst die stärkste Individualleistung nicht nur nach ihrem spe-
zialistischen Eigenwert gilt, sondern daß sie sich einer Wertung in Bezng auf
die künstige Gestalt des Gesamtvolkes unterwirst. Es bedeutet, daß politische
Parteien, soziale und Wirtschasts-Mächte, landschastliche und kommunale
Kräste, geistige Strömungen und Einzelleistnngen sich einer nationalen Rang-
ordnung, einer starken össentlichen Wertung, einer (nicht rationalen, sondern
schöpserischen) Planung, einer obersten Ausgabe einsügen.

Wäre das nur eine idealistische Forderung oder ein romantischer Traum, so
lohnte es nicht, darüber zu sprechen. Aber es scheint, als ob uns die Rkot, die
uns zunächst hinter Mauern zusammendrängt, eine solche Ökonomie der Kräste,
eine solche Beschränkung aus das Wesentliche auszwingen wollte, daß wir
nur ihrer düsteren Führung zu solgen brauchen, um zur Gestalt zu gelangen.
Verstehen wir (im Staat, in unserer sozialen Struktur, unserer Wirt-
schast, nnserer europäischen Lage) ihre Weisnngen so, dann sind sie nicht
mehr tödlicher Zwang und Anlaß zur Berzweislung, sondern ein erster An-
fang zu neuem Gestalten.

Das Tier

Von N'ikolai Ljeßkow

T^eutsch von Henry von Heiseler

„Auch die Tiere vernahmen das heilige Wort"

I

M

ein Vater war ein zu seiner Zeit sehr bekannter Untersuchungsrichter.
Viele wichtige Strassälle wurden ihm anvertraut, so daß er häusig aus

Reisen war und Mutter, mich und die Dienstboten allein zu Hause ließ.
Meine Mutter war damals noch sehr jnng, und ich ein kleiner Knabe.
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