Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 45.1931-1932

Page: 769
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart45/0870
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
2luch der Fremde verließ chn, nachdem er sem Geld in einer altmodischen ge-
strickten Börse verwahrt und diese wiederum in den Windungen seiner
Leibbinde untergebracht hatte, mit unbewegter Miene, als sei gar nichts
geschehen, während die andern sich vor Schadensreude kaum zu lassen
wnßten.

„Ulululu, Mammi, Pappi, bankerotto kaputt!" ries er schallend, und
wandte sich mit seiner Last in das Dunkel, aus dem er hervorgetaucht war.
Spät in der lbdacht sah ich ihn noch einmal wieder. Unter den steinernen
Lauben vor einer kleinen Trattoria saß er im Dämmerlicht als der einzige
Gast bei lauter leeren Tischen. Er hatte ein winziges Gläschen mit Schnaps
vor sich stehen, aus welchem er von Zeit zu Zeit eher zu riechen als zu trinken
schien. Mit steinernem Gesicht blickte er vor sich hin, oder vielleicht auch in
sich hinein. Ich hätte gerne gewußt, was er da sah.

Erzählungen

Von Ernst Wiechert
Der Mann im Osten

iese Geschichte ist geschehen, bevor Lch ein Kind war, und mein Vater

r-W'hat sie mir erzählt. Wir gruben ein paar Geviertmeter Heide um zu
einem Kindergarten, und als es mir nicht gelang, mit meinen Kinderhänden
eine Wurzel aus der Erde zu reißen, sagte ich lant, daß der Teufel sie holen
möge. Wie Kinder ja eine stolze Freude daran haben können, den Zorn
der Erwachsenen nachzuahmen. Drauf nahm mein Vater mir schwei-
gend den Spaten aus der Hand nnd fuhr fort, die Erde umzn-
graben, schwieg anch auf meine bestürzten Fragen nnd sah nur ernst vor sich
hin, so daß ich verwirrt und verstoßen herumstand und die Stunden des
Tages mühselig durch die ahnungsvolle Erkenntnis einer bösen Torheit
zum 2lbend hinschleppte.

Im Abendrot erst nahm er mich mit über die Heide bis zu der verfallenen
Schwedenschanze, wo wir oft über dem kärglichen und einsamen Land zu sitzen
pflegten. Er sagte nichts zur Einleitung. Er hob nur ein Stück Erde auf und
zerbröckelte sie langsam zwischen den Fingern.

Vor vielen Zahren, sagte er dann, hat hier in dieser Gegend ein Bauer
gelebt, auf einem ärmlichen Hof, wie die Erde ihn hier zubereitet für uns,
hat gesät und geerntet und in seinem harten Tagwerk seinen Frieden gehabt.
Er tat nicht unrecht, war kein Wirtshausgänger nnd kein Holzdieb, und was
als einziger matter Flecken anf seinem Nnmen lag, war sein wilder Iähzorn,
der mitunter über ihn fiel. Dann schlug er Meh und Knechte, wohl auch sein
eigen Fleisch und Blnt, verlor sich dann rn finsierer Traurigkeit in der
Heide oder in einem der vielen Wälder nnd kehrte nach Stunden, oft erß
nach einer ganzen I^acht als ein müder und gütiger Mensch an sein Tage-
werk zurück, so daß niemand ihm zn zürnen vermochte und jeder ihn um
diese Berwirrung seines Blutes beklagte.

Nnn geschah es einmal, daß er ein Stück Heide gerodet hatte, dicht an einem
sumpsigen und verwilderten Wald, und zum erstenmal den Pflng durch die
nnbebaute Erde zu ziehen begann. llnd um die Llbendzeit, als seine 2lrme

769
loading ...