Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 45.1931-1932

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eö im Bestand seiner Blöcke und Wände, seiner GewichtigS-Verteilungen und Span-
nungen; er allein drängt sich mit seiner Plastik nicht vor und nicht auf, er allein
bleibt innerhalb der Architektur, ihr dienend und gerade dadurch sie beschenkend, be-
reichernd. Es ist nicht zufällig, daß Knappe für diese seine Tätigkeit das edle
Wort oom „Sich-Einschweigen" der Plastik in die Architektur geprägt hat. —- Un-
sere sonstige Bauplastik redet, redet zu viel und oiel zu laut; außerdem wirkt sie meist
nicht anders alö die Tücher, Bilder, Girlanden, die zur Fronleichnamsprozession als
vorübergehende, abnehmbare, also keineswegs notwendige oder organische Zier an
die Fassaden gehängt werden. Unzählige Neubauten auch neuester Art sind dessen
ein trauriger Erweis. Darum läßt Knappe auch der Türe ihre abschließende Funk-
tion, macht aber einen Unterschied zwischen Bronze und Holz, schwererem und leichte-
rem Material; nie wird die Türe ihm eine Gelegenheit zum Geschichtenerzählen vder
irgendwelchen Jllustrationen, weil dergleichen ihre Funktion vernichtet: ein klassisches
Beispiel dafür die berüihmte Paradiespforte des Ghiberti am Baptisterium zu Florenz.
Knappes Tür hat ihre nächsten Verwandten in den monumentalen Bronzetüren deö
Hildesheimer DomeS; wie dort sprechen hier die Darstellungen als SpannungSträger
und Gewichtigs-Verteilllng innerhalb des Ganzen und der einzelnen Felder, die durch-
aus Felder bleiben. Weil sie aber Oberfläche schwerer Massen, zeigen sich andere
Lebensällßerungen als auS getriebenem Blech. Man betrachte unter solchen GesichkS-
punkten deS Gegeneinander von links und rechts, oben und unten, die Auswägung
der Massen und Flächen. Und man verweile betrachtend im einzelnen Feld, wie eö
zum Weidefeld wird, wie es sich entfaltet in Baum, Brunnen und Rind, wie dort
der Stall aus der Draufsicht eine in sich gedrängte Welt gibt, die melkende Magd
mit dem Gehöft, wie der Hirte daS störrifche Rind angeht, die Jdylle von Magd und
Kuh. Und wie das alles herauöquillt — einem Gewächs gleich, daS den Boden
sprengt und doch in ihm bleibt. Das Wuchtige, Gefchlossene, Unerfchütterliche >des
StühblockeS, wie seinen Anteil an einem weihevollen Mal kündet der monumentale
Cherub; Halt, Ehrfurcht, Sammlung gebietend — und doch nur wie der Geist dieseS
PfeilerS selbst. Elastische.r spannt sich der Türladen, in dem die Darstellung wie
saftiges Gequelle junger Formen sich entfaltet.

Jst die Eindruckskraft solcher Gebilde nicht unvergleichlich stärker, weil gedrängter
und gespannter alö die naturgetreuer, akademisch geschönter Bilder, Abziehbilder
der Wirklichkeit? Jst ihre Wirklichkeit nicht tiefer und packender, weil sie geistiger

I. Popp

und erfühlter ist?

Bücherbrief zu WeihnachLen

ie haben mich aufgefordert, meine liebe Freundin, Sie bei der Auswahl der

V_> Bücher, die Sie zu Weihnachten verschenken wollen, auch in diesem ^yahre wie-

der zu beraten. Es versteht sich, daß ich mich nicht weigere, aber ich darf Ihnen
zugleich bekennen, daß ich mich jetzt fchon auf den Empfang einiger unliebenöwürdi-
diger und erboster Briefe gleich nach Nsujahr vorzubereiten und zu fassen suche;
um diese Zeit bedankten sich im Vorjahre die ersten der von Ihnen Beschenkten bei
mir persönlich für meinen Nat, und noch ziehe ich zuweilen den Brief Jhres Herrn
Onkels, des Stadtpfarrers zu T. hervor, den unglücklicherweise daS Deutsche Anek-
dotenbuch und HegemannS Geretteter Christus getrosfen hatte. fga, er sollte Ärgev-
nis nehmen, aber nur an der zweiten Gabe, mit der ich ihn vüstiger rmd streitbarer
m seinem Glauben hatte machen wollen. Statt dessen geriet er in der ersten gleich
über den Abschnitt .Tvelie, oder das Zufällige", in welchem ich, um ein vollstän-
diges Bild der deutfchen Anekdote zu geben, auch einige von den Schwänken >aus
Schumanns Nachtbüchlein nacherzählt habe. Wie kann ich eS wieder gutmachen,
dem würdigen Manne so viel Abfcheu eingeflößt und ihn genötigt zu haben, das

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