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Pauli, Johannes; Bolte, Johannes [Editor]
Schimpf und Ernst (1. Theil): Die älteste Ausgabe von 1522 — Berlin: Herbert Stubenrauch Verlagsbuchhandlung, 1924

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https://doi.org/10.11588/diglit.57346#0118
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Johannes Pauli

7S

XI.
Von Urteil undUrteilsprechern^onRotarien und Richtern.
Von Ernst das 113.
Ste Witfrau soll soo Gulden keim on den andern geben.
s waren uf einmal zwen Gesellen, die hatten ein Güt ge//
mein uff 500 Guldin. Das Gelt legten sie hinder ein arme Witwen,
und solt inen das behalten, und das Gelt solt sie keinem allein geben,
sie sollen beid bei einander sein, wan sie das Gelt von ir geb, und ich glob, das
sie ir ein erliche Schencks auch gaben, das sie inen semlich Gelt behielt. Sar//
nach füren sie hinweg irem Gewerb nach.
Sa ein halb Jar herumbkam, da kam der ein zü der Witwen und sprach:
^Mein Gesel ist leider von diser Zeit gescheiden. Geben mir das Gelt, das wir
hinder euch gelegt haben, die fünffhundert Guldin!' Sie güt Krau was so ein//
faltig und nam nit Rat von andern weisen Lüten und gab es im. Sa schier
aber ein halb Jar hinkam, da kam der ander auch und sagt, sein Gesel wer
gestorben, sie solt im das Gelt geben. Sie Witwen sprach zü im, wie sein Gesel
das Gelt hinweg het, der het auch gesaget, wie er gestorben wer. Ser Gesel
sprach: ^2Mr nit also. Ich wil mein Teil haben.' Sie kamen mit einander an
das Gericht. Sie erber Lüt kunten nit darauß kumen, und man was daruff,
das man solt die Krawen gefangen legen. Sa was ein weiser gelerter Man
und ein gelerter Philosophus, der hieß Semostenes, der erbarmpt sich über
die Krawen, der gieng mit ir an das Gericht und bat, man solt im vergünnen,
der Krawen das Wort zü thün. Sie Rät waren fro und sprachen Ja. Sa sprach
er also: ^SiseKrau gestot des Gedings, sie sol das Gelt keinem allein hinweg//
geben. Er gang hin und süch sein Gesellen und bring in her. Wan sie beid da
sein bei einander, so wil sie inen das Gelt geben und das verloren haben, das
sie voruß hat geben.' Sas ward auch erkent mit dem Urteil.
Sas kunten sie nit finden, biß das der Redner Semostenes inen das zü
verston gab. Wan das ist ein Rmpt des Kürsprechen, das er die Richter bericht
der Urteil mit der warheit. Wan der Kürsprech sol güt, frum und warhafstig
sein, als Tullius spricht: sOrator est vir bonus, arte dicendi peritus.s Wan
wen er ein Lügner wer, so wer kein Kürsprech, kein Redener geheissen, er hieß
ein Llaperer, ein Schweizer. Wan ein Redner ist ein frumer Man, der reden
kan, wan er nur lügt, so ist er unfrum und des Namen Redner nit wert.
 
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