Die Gartenkunst — 15.1913

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DIE GARTENKUNST.

XV, 22

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man bald allerlei Fragen zu beantworten, wie man diese oder
jene schöne Blume vermehrt, wie sie nachher behandelt wer-
den müfien, ob man sie jedes Jahr „neu“ machen muß usw.
Besonders sind es. Arbeiterfamilien, die so wissensdurstig sind,
denn um blühende Blumen zu kaufen, müßten sie sich das
Geld vom Munde absparen, ein eigenes Gärtchen haben nur
die wenigsten, und so stehen ihnen nur ein paar Töpfe und
die Fensterbank zur Verfügung, die sie aber auch nicht einmal
auszunützen verstehen. Vom Straßenpflaster und der Miets-
kaserne hinweg sehnen. sich diese Menschen geradezu nach
dem freundlichen Grün der Pflanze und der Schönheit der
Blumen, und es ist recht bezeichnendwenn man oft den
Seufzer hört: „Könnt ich doch von jener schönen Blume einen
„Ableger“ bekommen!“

Hier sollte der soziale Gartengedanke einsetzen, um wenn
möglich das zu geben, „wonach der wahrnehmeüde Sinn ver-

Freilich müssen dann jungePflanzen, Stecklinge undSämlinge oder
Samen für mäßige Preise, an Unbemittelte kostenlos abgegeben
werden auf Rechnung des Etats für soziale Volksfürsorge. Auf
diese Weise könnten sich die Blumen als Volksblumen'' bei der
Bevölkerung einen ähnlichen Platz erobern wie das Volkslied.

Diese. Anzuchtgärten können gewiß auch dasBepflanzungs-
material für die öffentlichen Anlagen liefern und ließe sich in
manchen Fällen die Stadtgärtnerei dementsprechend einrichten.
An ein Beschädigen der Blumen durch die Besucher glaube
ich nicht, wie man sie auch in blumengeschmückten öffent-
lichen Schmuckanlagen schont; dafür denkt das Volk viel zu edel
von der Blume. Ob die Angliederung eines Gemüse- und Obstgar-
tens zweckmäßig ist, müßen die örtlichen Verhältnisse anzeigen.

Eine Stadtbevölkerung, die so sieht wie man ihr Ver-
langen erkennt und zu befriedigen sucht, wird sich der An-
erkennung und des Dankes nicht enthalten können, und das übt

einen großen erzieherischen
Einfluß aus.

Mancher Gärtner oder
Gärtnereibesitzer wird diese
Ideen verdammen wollen, weil
sie ihn scheinbar schädigen.
Doch mitUnrecht,dennje mehr
in der großen Volksmasse, be-
sonders in der heranwachsen-
den Generation die Liebe zur
Pflanze, zur Blume gefördert
wird, desto größereOpfer wird
man selbst bei bescheidenem
Einkommen für seine Lieblinge
bringen. Aufgabe der Garten-
bauvereine wäre es, solche Ge-
danken zur Verwirklichung zu
bringen und in Gemeinschaft
mit den städtischen Gartenver-
waltungen derartige Einrich-
tungen zu treffen.

Der neue Märchen-
brunnen in Berlin.

Von Hans Martin, Berlin.

Der Märchenbrunnen in Berlin. Hauptzugäng. Architekt: Ludwig Hoftmann.

Bildhauer: Josef Rauch.

langt“; diese Worte des Herrn Boeck klangen mir entgegen
wie eine zarte Musik aus dem tiefsten Quell der Wahrheit.
In den großen Volksmassen, die in bescheidenen Verhältnissen
leben, ist ein Sehnen vorhanden nach Schönheit, nach Wissen
und nach Leben, nach dem Edlen, was allein Seele und Ge-
müt befriedigen kann. Gehört zu diesem nicht in erster Linie
die Blume? — Wenn das Verlangen äußerlich nicht so in die
Erscheinung tritt, so hat das seinen Grund darin, daß viele
gar nicht darüber zum Bewußtsein kommen, was sie suchen,
anderen aber ihre berechtigten Wünsche sehr beschnitten
werden. In beiden Fällen; ist aber leicht Abhilfe zu schaffen
durch die Verbindung von. Blumenanzuchtgärten mit den Volks-
gärten und Spielwiesen, derer uns die letzte Zeit so zahlreiche
und schöne hervorgebracht hat. In diesen Änzuchtgärten muß
die Kultur der allgemein beliebten Pflanzen in einfachster,
zweckmäßigster Weise vorgeführt und durch kleine Schriften
erläutert werden *), worin anzugeben wäre, wo und wann man
fragen kann, wenn man sich über einen Punkt nicht klar ist.

*) Das ist eine Übung im nachdenkenden und vergleichen-
den Lesen.

Bildstöcke aus der ,,BerliuerArchi-
tekturwelt" mit Genehmigung des
Verlages Ernst Wasmuth, A.-G.,
Berlin.

Mit dem Tage des Re-
gierungsjubiläums des Kai-
sers ist der Stadt Berlin endlich nach 16 Jahren der viel be-
sprochene Märchenbrunnen aus der Hand des Stadtbau-
rats, Geheimrats Dr.-Ing. Ludwig Hoffmann übergeben
worden. Dieser Märchenbrunnen, den die Berliner selbst
schon als Märchen betrachteten, zeigt sich nun als ein
vollendetes Werk künstlerischer Reife, als ein Ergebnis
vieler Erwägungen und Versuche. Er führt die Kinder
einer äußerst kinderreichen Gegend wieder zurück zu
den schönen Märchen, . gibt ihnen einen Anhalt ihres
Denkens und Fühlens, und läßt sie beim Anschauen
der Märchenfiguren ihre . kindliche Freude empfinden.

Leicht ist es der städtischen Kunstdeputation nicht
geworden, den jährlichen Kunstfond zur Bestreitung
der gewaltigen Kosten von 960000 Mark aufzustapeln.
Für Berlin galt es zunächst wichtigere Dinge zu fördern
und zu schaffen, als solche Kunstwerke. Jedoch ist
es sehr erfreulich, wenn neben all der vielen Arbeit,
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