Heidelberger Zeitung — 47.1905 (Januar bis Juni)

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47. Zahrgang. — Nr. 1

Montag, 2. Zanuar 19Ü5.

Erstes Blatt.

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6 Zum neuen Jahre!

Viele Methoden hat der Volksgeist ausgesonnen, wn
einem neuen Jahr seine Gcheimnissc abzufordern; leider
ftnd sie für den Politikec nicht verwendbar. Bleigießen,
Kohlenschwemmen,Pantoffelwerfenkonnen wohl angewen-
det tverden, um zu ennitteln, ob der Freiersmann fich
bald einstellen werdc — und da trügt das Orat'el leider
fo oft.— aber wenn wir wisfen wollen, wie die nächsten
badischen Landtagswahlen ausfallen werden, wie lange
Vort 'Archur sich noch halten wird, wanu und wie der
russisch-japanische Krieg ausgeht, ob der republikanisch-
foziäldenwkratifche Block in Frantreich das Jahr hindurch
sufammenihAt nnd die Trennung von Staat und Kirche
bort sicherstellt — dann versagen die volkstiimlichen
Uuskunstsmittel. Wir können fragen, aber dic Feit läßt
pck nicht vorgreifen und gibt die Antwort erft, wenn bie
.Fukunst gur iKcgenwart geworden ist.

Die Reil)e der Jragcn an das neue Iahr läßt sich noch
fehr vermehren. ohne daß die Neugier erschöpst wird.
Wird Deutschland Handelsverträge zustande bringen?
Wird die deutsche Sozialdemokratie anfangen praktisch zu
benken? Welches Schicksal stcht dem Schulkompromiß-
Anrrag in Preußen bevoc? Werden dic Frecheitsblnten
in Rußland erfrieren oder werden sie Früchte bringen?
Wird die Zersetzung der Habsburgischen Monarchie fort-
fchreiten? Wird der Papst fich mit Jtalien ausföhnen?
Wird Marokko frnnzösisches Schntzgebiet werden? Wird
England den Weg der Schutzzollpölitik betreten?

Eine Jrage an das Schicksal will Ler Dichter dem
Wenfchen gestatten, aber zwanzirs für eine drängen sich
vnf. Dies lehrt, daß wir in einer interessanten Zeit leben.
Vielerlei Wichtiges bereitet sich im Vülkerleben vor, das
auf Entscheidung drängt. Es ift gar nicht nötig, Klatsch
breitzutreteu oder nach Tagessensattonen zu haschen, die
«norgen vergcssen sind, wie der Schnee vom vorigen Win-
ter; die Zeit birgt in ihrem Schoße wichtige Probleme von
twhem Jnteresse, deren Lösnng mitbesnmmend ist stir die
snkünfrige Entwicklung der Menschheit.

So rst dies neue Jahr 1905 herangekommen. schwer
»Md gesättigt mit Schicksalsgaben, wie eine RegenwoUe.
'die der Wesiwind hcranträgt, ohne zu vcrraten, ob und
tvann und wo sie sich enlladen, ob sie als besruchtender Re-
«en herniederträuseln, oder im gewaltigen Wolkenbruch
Felder und Fluren vernichten wird.

Und doch, wie die Wolke nur wiedergibt, was sie von
ber Erde aufgesogen, so bringt auch die Zukunst nur,
tvas sts aus der Vergangenheit und Gegenwart geschöpft
dat. So ist im Grnnde die Menschheit ihr cigener Weih-
nachtsmann. Was sie erspart hat, wird rhr beschert, was
fie erarbeitet hat, wird ihr geschenkt, was sie versäumt
k>at, wird ihr genonrmen werden. Wie der Mensch sich
siettet, so wird cr liegen; wie die Völker streben, so wer-
ben sie vorwärts kcnnmen. Tarunr fort mit den müßigen
Nrageu an das Schicksal! Jn deiner Brust sind deines
Schicksals Sternc. TXrs gilt von dem EinZelnen, das gilt
von den VÄkern, das gilt von 'der Menschheit.

Die Sterne der Deutschen sind die Frerheit, die Ord-
nung, das werktätig-e Schaffen, die Liebe zur Heimat unb
die Pflicht gegen das eigene Wolkstum. Nicht immer und
nicht überall treten sie so deutlich hervor, wie sie sollten.
Mügen sie in diesem Jcchre in vollem Glanze im Herzen
eines jeden guten Dcmtschen erstrahlen, dann mag da
kommen, was wolle, dann lassen wir das Jahr 1905 nicht
vorüberziehen, es segnet uns denn.

Der Mmisterwechsel in Oesterreich.

'Die „Wiener Ztg." vom 31. Dez. veröffentlicht folgen-
des Handschreiben des Kaisers a.r den bis-
herigen Ministerpräsidenten K oerber-

Zu meinem lebhafteu Bedauern finde ich mich be-
stimmtAhrcnr durch erNste Gesundheitsrücksichten ver-
anlaßten Ansuchen um Enthsbung von Jhren derinaligen
Funktionen zu willfahren. Jndem ich Sie sonach von
der Stelle als Ministerpräsident, sowie von der Leitung
meiner Mnisterien 'des Jnnern und der Justiz in
'Gnaden enthebe, kann ich nicht nnterlassen, Nnen für
die ausgezeichneten Dienste, die Sie in diesen Stellungen
durch sast sünf Fahre in aufopfernder und hingebungs-
voller Weise mir und deM Staate geleistet -hvben, meine
vollc Anerkcnnung und meinen aufrichtigen Dattk aus-
zusprechen. Jch gebe zugleich ber Hoffnung Ausdruck,
auf Jhre ferneren Dienste in Zukunst zählen zu können.

Zum Ministei-Prästdenten ist Frhr. v. G auts ch er-
nannt worden.

IFreiherr' Gautsch von Frankenthurn, geboren 1851 zu
Wieu, war vou 1886—93 Unterrichtsminister. Fm
November 1893 trat er mit Taaffe zurück und überuahm
im Oktobcr 1896 im Kabinett Bad-eni wieder das Unter-
richtsministerium und bildete uach dessen Rücktntt, 29.
November 1897, ein ueues Kabinett, in dem er das Mi-
nisterium des Innern verwaltete. Trotzdem er die viel-
berufenen Sprachverordnungen fiir Böhmen aufhob und
durch andere ersetzte, vermochte er die Opposition der
Deutschen nicht zn bcruhigen und trat schon am 5. März
1898 mit seincm ganzen Kabinett zurück. Jn der ersten
Zeit seiner Tätigkeit als Unterrichtsminister erweckte
Gautsch die besten Hoffnungen bei den Dsutschen. Als er
dann aber, als gelehriger Schüler Taaffes, diesern jahre-
lang half das Deutschtum zu crdrosseln, sammelte sich
viel Unwille gegen iyn Lei den Deutschen an. Auch heute
ist die Abneigung gegen ihn in deutschcn Kreisen nicht
geschwunden. Sein Ministerium soll kein Uebergangs-
ministeriuni scin, indessen es ist kaum zu erwarten, daß
Herr v. IGautsch niinmehr die Frage kösen wird, an
der er damäls nnd der viel feinere Kör'ber jetzt gesckieitert
ist. Der neuc Kab-iiwttschef ist 54 Jahre alt uttd ein ge-
borener Wiencr. Jm beften Falle wird er nach öster-
reichischer Art ein paar Jahre fortwursteln. Bemerkens-
wert ist, daß die Czeä)en seine Ernennung günstig auf-
ncknnen. Die andern Minister bleiben.

Deutsches Reich.

Wnrttemberg.

Stuttgart, 30. Dez. Wie die hiesigen Zeitun-
gen melden, wird im kommenden Sommer auch in Würt-
teniberg mit der Einfichrnng der B a h n st e i g s P e r r e
bogonnen werden. Zun-ächst sollen die größeren Stattonen
der Hauptbahnlinien die Einrichtung erhälten.

Stuttgart, 3l. Dez. Bci der gestrigen Wahl zum
Bürgerausschuß in Cannstatt, bti der die Sozial-
demokratie, wie in Stuttgart mit einem sogenannten remen
Stimmzettel aufkam, wurden die sämtlichen Kandidaten der
vereinigten bürgerlichcn Parteien gewählt. Die Differenz
zwischen den an erster Stelle stehendcn sozialdemokratischen
und den an letzter Stelle gewählten Kandidaten der anderen
Partei betrug 330 Stimmen.

Preußen.

B erli n, 31. Dez. Trotz aller Schwierigkeiten ist es
dem Grafen Pückler doch gelun-gen, bei einer Weih-
nachtsseier seiner Anhän-ger eine Rede anzubringen. Jn
seinem Vortrage über das schlasende Berlin prophez-eite
Graf Pückler sür das kominende Jahr einen Kriog mit
England. Graf Pückler erklärte dann, er sei ein über-
zeugter Sogiälist und sorderte seine roten Brüder auf, bei
den reichen Jud-en ein kleines Revolutiönchen zu veranstal-
ten uttd sich die Tasch-en mit deren Gslde voll zu stecken.

B e r l i n, 31. Dez. Die heute zu Ende gegangene
sozialdemokratische preußische Konferen^
wird von den Blättern verschiedenster Richtung als ein
Spektakelstück voll starker Worte abgetan, das der prak-
tischen Politischen Bodeutung entbehrt und das durch die
Ausstellun-g von Forderungen, die in absehbarer Zeit un-
m-öglich erfüllt werden können, die notwendigen und be-
rechtigten Forderungen, wie sie in dicser Beziehung von
anderen Parteicn längst vertreten werden, nicht sördert,
sondcrn hindert.

Sachsen.

D r e s d e n, 31. Dez. Das „Dresdener Journcrl"
schreibt: Die in verschiedene Tagesblätter übergegangene
Nach-richt, nach der d-ev Gräsin Montignoso von dem
sächsischen Hofe in feierlicher Weise das Versprechen gege-
ben wor-den sei, ihre Kinder von Zeit zu Zeit schen zu
dürfen, ist, wie wir von zuverlässiger Seite erfahren, als
in jeder Beziehnng imzutreffend zu bezeichnen.

Ausland.

Frankreich,

Paris, 31. -D^. Dr. Potel erklärte in einem Jn-
terviiw, das Drama Syveton sei einzig nd allein
durch Lie Eifersucht uird den dlbscheu, welche Madame
Syvcton gegen ihreu Gatten gehabt, verursacht worben.
Syveton sei zum Selbstmord gpzwungen worden, wefi
seine Gattin begonnen hatte; mehrere Freundinnen des
Hauses über die Macheuschasten ihres Gatten und dessen
sittliche Verkoinmenheit aufzuklären. Unter -den betres
fettden Frenndinnen besand sich Mndame Marcel, bekannt
uitter deni Namen Mädame Gyp und Madame Lebaudy,

StadttheaLer.

Heidelberg, 2. Januar.

„Wa rrha", Opcr in 4 Aktcn,-Mn'sik von Fricd-rich v. Flo-
iom.

Von FlotowS Opern ist „Martha", wic cs schcint, noch imnicr
sie zugkräftigste. Die grotze Mehrheit ber Theaterbcsncher hat
Freüde ari einer Musit, welche wenig Ansprüche niachi unb so
leicht n, das Ohr geht. Dicses mag wohl der Grund scin, datz
anberc Opern von Flotow, u. a. „Der Schatten" (cine allcr-
iiebsic kleine Oper ohne Chor, wohl cincs semcr bcsten Werke),
fo se-lten gegebcn werdcu. Jn der „Martha" ist cine sehr dank-
Ibare Rollc, -dic vmi Lyoncll, welche Herr Gottfricd inne-
kiatte. Dcr junge Sänger hat sich vicl Mühe gegcben, um nach
cifrigen Studien in Gesang und Spie-l Tüchtiges zu leisten.
Seinc Stimmc ist in höherer Lage noch ctwas schwach und läßt
eine bcfvicdigen-de Vokalisierung nicht herauskommen. Durch
mehr Uebnng könnte Abhilfe goschafsen wcrdcn. Als Nancy
tvar Frl. Alsen gut bei Stimme und vcrstand cs durch ihre
radcUose Gesangsmethode, wohl am mcisten im 3. und 4. Akt,
vielen Beifall zu erzielen. Auch Frl. Wismann als Lady
Durham verwcndcte ihrc Stimmittel durchaus zufriedenstcl-
Kmd. Herr Becker fand sich als Lord Tristan durchaus
in dieser Partic zurecht. Scine kräfiige Batzstimme 'hatte cine
imposante Wirkung und kam am meistcn im Zusammenfpicl
»lir den zuerst genannten Dermcn u. Hrn. Gottfricd im I.
und 8. Akt zu voller Geltung. Hcrr Langc hat als Pächtcr
Plumkett eine ziemlich umfangreiche Roll«, urid könnte darauS
noch mchr maö^n, immerhin leistete cr auch im komischen Genre
rls Spieler und Sänger vi-el Gutes. Jm 1. und 8. Akt ivar cr
ä .usdczeichnet und erntete mit den Dcrmen vielen Beifall. Dic
tt-enig bodeuteNden Partien des Richters von Richmond unL
deZ Gerichtsschrcibers waren durch Lie Herrrn Wrenncr und
Echmi >dt gut besetzt. Beide kcisteten äls Komiker Amüsantcs.

Die drei lusti-gcn Mägde, welche auf dem Markt sich um erne
Stclle bernühten, waren durch die Damen Pilna, -Nago-
schin und Wagner gut vcrtreten.

Bci den Chören fchlte es auch diesmal nicht an Unsicherheit
an cinzelnen Stellen, und ein genauer Einfatz sollte künftig
nicht autzer Acht gelasscn Iverden. Das Orchcster tat in dcr
Ouverture und -der Beglcitung durchaus seine Schuldigkeit. Ka-
pcllmeistcr Radig's Direktion Ivar, wie man es von ihm gewohnt
ist, sicher nnd gelvandt. Die viel gefpielte Ouvertüve wurde
vortrcfflich ausgefühtt. Die Ausstattung, welche wenig Schwic-
rigkeiten bictet, stelltc uns tni allgeineinen zufric>den. M. v. G.

Kleine ZeiLung.

- Hochschulnachrichten. Aus Marburg, 80. Dez., wird
dcr „Frankf. Ztg." geschrieben: Jn der heute abgehaltenen
Stadtverordneten-Bersammlung wurdc beschlossen, dem Pro-
fessor dcr Medizin, Dr. Opitz, ein städtischcs Gebäüde auhcr-
halb der Stadt zur Behandlung unheil-barcr Krebskranker mir
cinem ncucn Hcilvcrfahrcn, dessen eventucllc Heilkraft erprobt
Iverden soll, unentge-ltlich zu überlassen. — Tübingen, 30.
Dez. Gegcn das Ueberhandnehmen der Mensnrcn
unter den Studenten hat, wic dic „Brcisg. Ztg." bcrichtet,
die hiesige akademische Disgiplinarbchörde folgenden Nnfchlag
am schwarzen Wrett erlassen: „Wcr einen anderen üurch Belei-
digun-gen oder durch Handlungen, welchc allgemein als Provo-
kation angesehcn werden, odcr durch Lirekte oder durch ver-
schleierte Bezcigung oder Androhungen von Werachtung zu einem
Zweikampf zu 'beftimtmen fucht, hat die strengsten Disziplinar-
strafen zu gewärtigen."

— Wagners Fiasko in Jtalien. Die Jtnliener sind
undankbare Leute! Wir haben ihren L-eoncavallo — ein
bißchen ift er jetzt eigentlich anch/s'k nuseui , Sen ge-

UdilVL«8irxrs

»isbiorttLlr

«LIOSk.LLLQ

wichtigsten aller lebenden Komponisten, wie einen HaD-
gott gefeiert, und wie revanchieren sie sich? Sie lassen
unseren Richard Wagner, der doch auch nicht „ganz ohne"
ist — spricht ihm doch selbst der Shakespeare der Mustk,
der in heißem Ringen den „Roland" gölvorfen hat, nicht
alle Fähigkeit ab —, jämmerlich durchsallen und zischen
i'hn nieder w-ie nur irgend einen Strauß, Weingartner,
Humperdinck und andere kleinere Propheten. Am Ste-
phanstage (26. Dezember) wird in Jtalien, nach alter
Sitte, die Karnevals-Stagioiie eröffn-et, und es grbt dann
regelmäßig noch einige Bühneii, die so verblendet sind,
denr an Mäscagni und Leoncavallo erzogenen Pnblikuin
init einem Mdusikdrama von Richard Wagner
konnnen Zu wollen. So was muß jich natürlich bitter
rächen. Jm Massiino-Theater zu Genua häben sie dies-
mal die „Meistevsinger" gesungen; im Mailänder „Se-
colo", dem Organ des Herrn Sonzogno, der als Manager
der jnngitalienisch-en Musiksterne auch aus Deutscksland
schon ein hüibsches Stück Geld herausgeholt hat, wird das
mit lebhafter Genugtuung konstatiert. Das Publikum
blieb während der ganzen lobenswerten Anfführung Mhl
bis ans Herz hinan, und da nach dem dritten Mte die
Parole lautete: „Rette sich, wer kann!" spielte man den
vierten Akt vor leeren Bänken. Also erging es den „Mei-
stersmgern". Noch schlirmner aber spielte man im Fenice-
Theater zu Venedig dem „Siegfried" mit, woniit nicht
etwa der auch von Leoncavallo nicht sonderlich hochge-
schätzte Siegfried Wagner gemeiitt fft. Das Theater war
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