Pfälzer Bote für Stadt und Land — 1866

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Baden.
Heidelberg, 30. Aug. Die Capelle der kathol. Volks-
schule, die der Ausbesserung in hohem Grade bedürftig war, ist
jetzt in einer sehr geschmackvollen Weise renovirt nnd bereits
dem Schulgottesdienst übergeben. Es ist dies das Werk des
Herrn Caplan Weindel, der durch Privatmittel hiesiger Katho-
liken, wobei er selbst die namhaftesten Opfer brachte, in Stand
gesetzt wurde, zur Ausführung dieses langjährigen Projektes zu
schreiten. Die hiesige katholische Gemeinde wird sich gewiß we-
gen eines so anerkennenswerthen Wirkens Herrn Weindel zu
innigem Dank verpflichtet fühlen. -— Wie wir hören, wird der
Thurmbau der hiesigen kathol. Hauptkirche bald in Angriff ge-
nommen werden und so neben dem bereits zu stattlicher Höhe
herangewachsenen, eleganten Thurme der Peterskirche eine wei-
tere Zierde unserer Stadt bilden.
* Heidelberg, 30. Aug. Alan höre und staune! Sogar
das Mannheimer Journal, eines der verbissensten gothaischen
Blätter läßt sich von seinem Correspoudenten von hier schreiben:
„Die Nachricht auswärtiger Blätter, Professor v. Treitsche solle
an unsere Universität berusen werden, hat hier nicht sehr ange-
nehm berührt. Dian würde in der Berufung dieses politischen
Parteigängers keinen Gewinn für unsere Hochschule finden."
* Heidelberg, 29. Aug. Die Landesbase fährt fort, in
bübischer Weise die Katholiken der schändlichsten und albern-
sten Dinge anzuklagen. Wir theilen unfern Lesern zur Erhei-
terung folgende Stelle aus der heutigen Nummer der Base in
'einem Artikel ihres fanatisch-wüthenden Heidelberger Correspon-
denten mit: „Zu uns selbst", sagt der Edle, „kamen mehr als
ein Dutzend meist Leute vom Lande, sich Raths und Trost zu
erholen, denn man hatte ihnen von Seiten ihrer katholischen Mit-
bürger offen gesagt, nun käme bald die Zeit, wo es ihnen mit
dein Messer an den Hals gehe, ja man hatte sich schon ihre
Aecker, Wiesen, Weinberge bei der nahen Abschlachtung zur Ver-
theilung ausersehen." Es wäre unter der Würde eines anstän-
digen Mannes, hiegegen noch ein Wort der Vertheidigung ein-
legen zu wollen; wir müssen vielmehr durch Anführung derartiger
Stellen nur den Katholiken Badens zeiget!, wie man in gewissen
Kreisen von Karlsruhe uud Heidelberg über sie zu urtheilen pflegt
uud wie matt alles daran setzt, sie und ihre Kirche auf's Schnö-
deste herabzusetzen. Wir erlauben uns aber die Frage an die
Staatsbehörde, ob dies nicht offenbar „Erregung zu Haß und

Verachtung gegen andre Confessionsangehörige" im höchsten Grade
bedeutet? Wir stimmen daher auch dem Schluffe des Landesbas-
artikels vollkommen bei, insofern derselbe die Spitze gegen die
eigene Partei des Macklotschen Blattes wendet: „eZ ist eine un-
abweisbare Pflicht der Regierung und aller Bessern, solchen Schä-
digungen der Moral, Humanität und des friedlichen Beisammen-
wohnens mit aller Kraft entgegenzutreten."
X Heidelberg, 30. Aug. Eine herrliche Indemnität, die
der König von Preußen für die verfassungswidrigen Thaten sei-
nes Ministeriums fordert! Denn um gar keinen Zweifel dar-
über zu lassen, daß man nicht entfernt daran denke, ein —
selbst auch nur formelles — Unrecht einzugestehen oder gar eine
Indemnität nach englischen Begriffen zu erbitten, wird sogleich
trotzig beigefügt: „Im wieder eintretenden Fall wird der König
sich genothigt sehen, wieder so zu handeln." Und das läßt sich
die Volksvertretung in Berlin ohne Bemerkung bieten, ja, sie
tobt und rast noch sogar gegen Jakoby, den alten Verfechter
der Freiheit, und ist unzufrieden mit einigen gemäßigten Ein-
wendungen Reichenspergers, des alterprobten Führers der
j katholischen Fraclion! „Der Constitutionnel", sagt die N. D.Z.,
„zieht aus den preußischen Adreßverhandlungen den Schluß, daß
die Fortschrittspartei in Preußen hinfort von der Tagesordnung
verschwinde und König Wilhelm in der That als absoluter Kö-
nig regiere. Die Auflösung der Fortschrittspartei gebe überdies
j ihren Gegnern, soweit es die Partei selbst betreffe, vollkommen
Recht. Das haben auch wir längst schon gesagt." Und wir
schließen uns gleichfalls an. Wir bedauern keineswegs den Un-
tergang der bekannten Schwätzercoterie, die morgen das Gegen-
theil von dem thut, was sie am Abend zuvor noch mit den
hochtrabendsten Worten verurtheilt hat. Man muß einen Eckel
an der Menschheit bekommen und der elenden Charakterlosigkeit,
die in der Politik sich breit macht, fluchen, wenn man daran
denkt, mit welchen Verwünschungen und Bosheiten diese näm-
liche Fortschrittspartei gegen Bismarck, seine Genossen und seine
Pläne zu Felde gezogen ist, die sich jetzt nicht schämt, sich ihm
demüthig zu Füßen zu werfen und ihm den Staub von den
Füßen zu lecken. Welche Menschenverachtung muß da nicht einen
Mann, wie Bismarck — denn ein Mann in der vollen Be-
deutung des Wortes ist er — beschleichen, ja, muß er nicht
mit dem römischen Imperator ausrufen:
0 IrovaiasZ! aä 86i-vitut6va parako8 !

Ein Gesuch ans den Kriegsschauplätzen am Main.

(Pfälzer Zeitung.)

(Fortsetzung.)
Nachdem ich mich in der Stadt zur Genüge umgesehen und das Nöthigste
besorgt hatte, ging ich wieder zurück über die Mainbrücke und wanderte
durch das Burkharder Thor auf's „Käppele." Ich habe in meinem Leben
noch keine Uniform und keinen Säbel getragen, auch noch keine Kanone ge-
richtet und keinen Reisemarsch gemacht, verstehe überhaupt von militärischen
Dingen so viel wie nichts: hier aber, Angesichts dieser Höhen rings um die
prächtige Stadt und der überaus günstigen Positionen, zum Ueberschuß noch
mit einem starken Stützpunkt in der Veste, vollgepfropft von wackeren,
schneidigen Kanonieren, hier hätte ich gar zu gern so ein wenig ins (Kom-
mando dreinreden mögen. Wer je einmal auf diesen Höhen gewandert ist,
wird wohl beim Lesen dieser Zeilen ähnliche Lust verspüren. Sagt ja doch
auch der Bericht eines preußischen Offiziers in der Kölnischen Zeitung,
datirt aus Reichender«, 3. August, daß die von den Bayern auf dem Käp-
pele angefangene, den Preußen aber bald überlassene Schanze „durch ihre
dominirende Lage und gute, sachgemäße Anordnung für die Preußen eine
harte Nuß geworden wäre", wenn — . Doch der Krieg ist ja jetzt vorüber,
die Schanze liegt nun verödet da, leer und todt, cko mortuis ui! nist dena,
also genug hievon. Die Kartoffel- und Getreidefelder auf der Hohe des
Berges haben natürlich bedeutend Noth gelitten, halbverbrannte Hecken, zu-
sammengetretene Fruchthaime und vertrocknetes Kartoffelkraut liegen noch
überall umher; der erwähnte preußische Osfizier in der Kölnischen Zeitung
sagt: „Die Kartoffelfelder sind sprechende Zeugen unseres ziemlich unver-
pflegten Biwak's ; was hinderte uns, die freilich noch etwas frischen Früchte
recht reichlich zu genießen? sie wurden denn auch in solchem Maße genossen,
daß der Stabsarzt ausschließlich vor dem Uebermaß warnte." Die Warnung
des Stabsarztes bezüglich der halbreifen Früchte scheint jedoch nicht sehr

gefruchtet zu haben, die häufigen Cholerafälle, die unter den preußischen
Truppen vorkommen und jetzt noch das arme Unterfranken mit der
schwersten aller Geißeln bedrohen, sind traurige Beweise hievon. Ich stöberte
lange unter den Herumliegenden Steinen und Balken herum und fand da
noch ein ziemlich großes Granatstück, das ich mitgenommen habe in xoi've-
tuam rei Einoriam. Lange schweifte mein schwelgendes Auge über die
lieblichen Gefilde und Rebenhügel den Main hinauf und hinunter, und
ruhte endlich mit trüber Wehmuth über der stolzen Stadt, in welcher auf
so vielen Gebäuden die weiße Fahne flatterte, Schonung und Hilfe heischend
für die Dulder darinnen. Waren ja doch noch an Tausend Verwundete
in den Lazarethen und Spitälern der Stadt, im Seminar, in der Schran-
nenhalle, im alten Bahnhöfe, im Ehehaltenhaus, en der Wiesenbau- und
der Stiftangerschule, in der Residenz, sowie in dem geräumigen Julius-
spital, überall bluteten Opfer des Krieges.
Dazu kamen noch viele Kranke und Verwundete, die in Privathäusern
Aufnahme gefunden hatten und daselbst die sorglichste Pflege genossen. Die
liebevolle Ausnahme, welche viele unserer wackeren Krieger in den Familien
Würzburgs gefunden haben, wird denselben auch noch im Gedächtnis) bleiben,
wenn die jetzige schwere Zeit des deutschen Vaterlandes vorüber ist und die
vielen Wunden vernarbt sind, die der Krieg geschlagen.
In den Spitälern und Gebäuden, die zu Lazarethen eingerichtet sind,
herrscht eine so musterhafte Ordnung und eine so aufopfernde Thätigkeit,
daß nichts zu wünschen übrig bleibt. Wir Süddeutsche fühlen im Allge-
meinen mehr als wir handeln, deßwegen ist auch unsere Oberleitung und
Organisation im Wundenheilen viel besser eingerichtet als im Wundenschla-
gen. Es mag dies vom allgemein menschlichen Standpunkt aus ein Vorzug
sein, aber er kostet zuweilen Provinzen. So habe ich jedesmal gedacht, als
ich beim Eintritt in die Lazarethsääle gleich beim ersten Tisch die Vorräthe
sah von Binden, Charpie, Leinwand und Verbandzeug aller Art, von weib-
licher Hand gespendet aus allen Gauen. Wie bin ich da stolz geworden
; auf die herrlichen Frauen und Mädchen des Vaterlandes, und wie habe
! ich ihnen im Herzen gedankt im Namen der Opfer, die hier eingebettet
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