Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Hans Wilhelm Krcß von Krcssenstein über Dürer,

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Rciz dcs Bilces. Man macht scincm Schvpfer oft den
Borwurf dcs Dilettantismus. l.lnd doch haftct allcn
seincn Arbeiten ein großartiger Z»g an, den wir bei
viclcn Kiinstlern „von Profession" nur zn vft vcrmisscn.

Die belgisckien Historienmaler fehlen scltcn anf cincr
Berliner Ausstellung. De Biöfve schafft noch uncr-
miidlich wcitcr. Aber von dem glänzcndcn Kolorit, das
cinst halb Enropa blcndete, ist hcute nichts mehr zu
sinden, nnd der Gcist dcr Langenweilc geht auch in seinen
Echvpfnngen um. Nur dcr noble Zug, der an v. Dhck
crinnert, ist ihm vvn dem alten Glanze noch geblieben.
^mc figurenreichc Komposilion von Emilc Wantcrs,
„Maria von Burgund schwört, die Privilcgien der
Stadt Brnssel zu rcspektiren", wclche sür das Nathhaus
>n Brüssel bcstimmt ist, zcichnct sich cbenfalls durch
cincn gewissen Adel dcr Ansdrucksweise aus. Anch ist,
wie dicses Bild leyrt, untcr den Belgiern noch das
Gefühl fnr historischen Stil lcbendig, das in Dentschland
nllgciiiach zu verschwinden beginnt.

Die Ncnaissancc ist selbstvcrständlich der Haupt-
tuininelplatz für unsere sogenannlcn Historienmalcr, be-
sonders scildem das Kostümsludium mit eincm wahrcn
Feuereifcr bctrieben wird. Aber nur wenigen cnthüllt
sich das Mhsterium, Mensch und Kostüm zu cincm cin-
hcillichen Ganzen zn vcrbindcn. Die meistcn dicser
Prächijg ausstaffirten Renaissancebilder nehmen sich wie
Btaskeraden aus. Obenan stcht leider Karl Becker,
^cr sich in jüngster Zeit in erschreckcndster Wcise ver-
siacht hat. Seine Malwcisc ist im schlimmstcn Sinne
lickoratio gewordcn, scine Figuren glcichen ausgestopflcn
-sinppen ohne Knochengcrüst: cs ist die dcnkbar trivialste
Mache, dic auf deu rohcstcn Effekt hinarbcitct. Dagcgen
lM Ioscph Flüggcn cin äußerst licbenswürdigcs
l^cnrebild aus jener glücklicheu Zeit gemalt, an der
»nserc Schnsucht hängt, eine Sccne aus dem Lunten
Lcben der Fugger: „Ncgiua Jmhof, späterc Gcmahlin
^org Fugger's, cmpfängt die Brautgeschcuke." So
l«crlich auch dcr Vorgang, so wcihevoll die Stimniiing
^cr Anwescnden ist, cs ruht auf dcr ganzen Scene cin
Bug echt dculschcr Geinüthlichkeit nnd Jnnigkeit uud
lcncs unbeschreibliche Elwas, das cin Historienbild von
dcin lceren Kostümbild unterschcidet. H-

ksans wilhelnr Rreß v°n Rressenstein üb-r Dürer.
Im königl. Knpserstichkabinct z»

siä> cin Folioband. den Hclns Wilhclm von Kremnst n
»»Sclegt hat, um darin Notizcn übcr Durer
lcicht auch uoch übcr andcre Künstler cuNzu c
sind nur einige Blättcr beschriebcn, nn rr -
dw'cr Schrist dürste nnmerhin sür K»»stlr^-nn rmd

Fvrschn ciuiges Jutcrcssc bcsitzen, da sw cm i

16. Jahrhunderts angehvrt und der Antor noch aus
lcbcndig fließenden Qucllcn schvpfen konntc.

Zuerst begcgncn wir cincni Verzeichniß dcr Kupfer-
stichc niid Holzschnitte A. Dürcr's. Dcr sogenannte
Dcgcnknopf Maximilian's konimt darin als „kleines
Crncifix" vor, dagegcn schlcn dic andcren Niellen
(Veronica, Hicronhmus und Urthcil dcs Paris); sie
müsscn bereits damals nnauffindbar gcwcsen scin.
Hubertns kommt als Enstachins vor, Genovcfa als
Joh. Chrhsostomns. Bci dcr grvßcn Fortnna steht dic
Bemcrkiing: Dürer's Hansfrau, Dcr Ziaub der Amhmone
hcißt: Ncptun mit eim wcib. Dic vier nackten Francn
hcißcn: die vicr nakcnden weiblcin odcr Shbillen.
Nittcr, Tod und Tenfel wird also angeführt: Philippus
Rhink, Einspcnnigcr, Als Er sich Nächtlichcr Wcil ver-
irrt, der Todt vnd Teufel Jhme crschicnen ist ^° 1504.

Die Holzschnitte heil. Katharina, heil. Barbara,
die Bartsch im Appendix zu den zwcifelhaften Wcrkcn
Dürer's zählt, gcltcn hicr als zweifcllosc Originalc,
cbcnso dcr „Mumereh-Tanz", desscn Holzstock Dcrschan
besaß nnd in scinem bekanntcn Werkc aborucktc.

Nach dicscm Berzeichniß steht Folgcndes, was ich
wörtlich, mit Beibehaltung der Orthographie, her-
sctzen will:

„Diescs oberzehltes allcs hab Jch Hanns Wilhclm
Krcß von Krcsscnstain dcß Juneren Rhats znc Nürm-
berg ans dcn Rcchten vriginalibns, mit vlcis viind
gueter nachrichtung außgcschrieben, vnnd hierin in diß
Buch zu Thnn. Dieseö großcn Künstlcrs vnnd dcs-
selbcn Nahmcns nnsterblichkcit, wcilcn cr incincr Licbcn
Vor Eltcrn Sceligcn gnetcr Frcnnd vnnd Bekanter
gcwest ist, scinc gctrnckhtc Knpferstückc vnd Holzschnitt,
so viel Ich davon von mcincn gcliebtcn Eltern, wie
anch andern Meincn gucten Frcnnden, vnd sonsten zu-
kauffcu bekommen mögen, nebcn deiiselben nachstichen
zucsammcn gcbracht vnnd solchcs mcincr Lieben posteritet,
dcm Gcschlccht dcr Kresscn, weilc» man dersclbcn kiinff-
tig ctwan nit wohl mchrs darvon wird bekommen könuen,
Also hiemit wohlmeincnd, alß cin kleines gcdechliins vf-
zuLehalltcn, wisscntlich hintcrlassen wollcn Acluin.
Nürmberg dcn scchstcn Monatstag Septb. dcs Scchs-
zehnhundcrt füiif vnd zwanzigstcn Jahrs."

Daranf folgt umnittclbar einc Nachricht übcr cin-
zelne Gcmälde Dürcr's, die hicr gleichfalls fvlgen möge,
da Dürcrfrcnnde jedc noch sv kleine Notiz über dcn
großen Künstler intercssircn dürftc.

„Was Albrecht Dürer von Farbcn alhie gemahlct,
wo cines vnd das Anderc dicscr Zcit hinkvimucn ist:

Vf dem Rhathanß In Eincr Stuebcn ist Kayser
Maximilianil Cvnterfait, so Er Anno 1512 von Wasscr-
farben gcmahlct, welchcs Ein E. Zkhat hernacher ver-
schcuckt.

1500 hat Er Dürer sich selbstcn Abcontcrfait,
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