Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Der Neubau der Kunstgcwerbeschule des österreichischeu MuseumS.

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dorfer Bokelmann. Er ist auf dcn glücklichcn Ge-
dankcn gekonimen, die turbulcnten Scenen zu schildcrn,
dic das Fallissement einer Bolksbank nian denkt
»atürlich an die Dachauer traurigen Angedenkens —
»iiter den zunächst Beiheiligtcn hervorruft. Es ist ein
talter, trüber Novclnberinorgcn. Die Knndc von dem
llnglück hat sich vcrbreitct: allcs stürzt die -vreppe zuin
Bankgebände hinauf, uni Nachrichten aus der Stuclle
»» schöpfen. Viele sind schon im Klaren. Sie stchen
traurig, verzweifelt, zornerfüllt auf deiu Trottoir, Ivie
tostgebannt an die Unglücksstätte. Aus allen Gesichtern
t»'sl man das traurige Nesultat: Nichts zu holen, und
z»»i Uebcrfluß hat der Maler, als ob er zu seincr
Kraft ini Charakterisiren kein allzu großes Bertrauen
hätte, diese trübe Wahrhcit noch kontrasignirt, indeni er
oinen Korb nüt Kehricht nnd Scherben auf der Straße
»nigestürzt hat. Abgesehcn von dieser bedenklichen und
übcrflüssigen Aufdringlichkeit darf man dicscn Griff in s
dollc Mcnschenleben als cinen wohlgelungencn bezeichnen.
Bie viclen Köpfe sind durchweg interessant charakterisirt;
t»st in jedeni spiegelt sich einc andre Stiinmnng', es
täßt sich so zienilich die ganze abwärts führendc Scala
öor nicnschkichen Gefühle verfolgcn. Auch das eiwas
trübselige Kolorit, das Bokelinann's Genrcbildern stets
^nhasiet, trägt hier nichl das Merkmal des Mangel-
hnften nnd Unzulänglichen, da es zu der Sliinmung des
3»»zen Bildes vortrcfflich paßt.

Einen ähnlichen glücklichcn Grisf in die Gegen-
tvarl hat Altmeister Benjaniin Bautier gethan, der
dieSnial alle seinc Rivalcn sicgreich aus dem Felde
Seschlagen hat. Er hat einmal zeigen wollen, wie
stch ein Gang zur Traiiung nach dcn Bestimmungeu
dcs neuen Civilstandsgesetzes ansnimmt. Die Pocsie
'jnd die ssiomantik bleiben da hübsch vor der Thür.
^>c habcn vor dem crnsten Standesbeamten keinen
Platz. Aber ^ rheinischen Bauern wollen sie sich
lrotzdeni nicht nehmen lassen. Auf dcm Korridor des
Anitsgebäudcs hat sich cin feicrlicher Zug arrangirt,
sich gegen eine Thür in Bewegnng setzt, wclchc der
-lnitsbiener öffnet. Die ungcwohnte Sitnation wird
den Betheiligten untcr kvmischcn Gesichtspunktcn
^Sesehcn, Neugierige giebt cs auch, und so ist ein
^nrcbild zu Stanbe gckommen, das vom köstlichsten,
nbenswürdigsten Hnmvr vurchwcht ist. U..

-Uiibciu der Aunstgewerbeschule des öster-

Wien

reichischeii Ziuseunis.

'st iim ein neues reizendes Gebäude ver-
'"chrt worven, das, am Ausgangspunkle dcr Ningstraßc
""hc a»i Donankanal gelegen, die Anfmerksamkeit dcr
^«"Nde dcr inoniimentalen Architektnr in hohem Grade
s'ch zieht. Es ist dics dcr Ncubau der Kunst-

gewerbeschule des ostcrreichischcn Museums, welcher mit
dem Museum selbst durch einen Vcrbindungsgang ver-
einigt ist, so daß Museuni und Schule ein Ganzes
bilden. Wie das Museum sclbst, so ist auck, der Neuban
der Kunstgewerbeschule das Wcrk dcs Oberbaurathcs
Heiurich von Ferstcl. Der Bau ist cin regelmäßiges
Parallclogramm, von allen Seiten vollständig frei und
wie das Musenm in den Formcn der italienischen
Renaissance durchgeführt. Er ist ein zwcistöckigcr Zicgel-
rohbau mit Terracottaverkleidung an den Gesimsen so-
wohl als um die Fenster iinb die Thüre. Die schönen
Bcrhältnisse, dic klare Disposition der Znnenräume, des
Vcstibules und des Stiegcnhauses gebcn bem Ban
cinen schlichten und doch vornehmcn Charaktcr. Die
Ornamentatioii ist in maßvoller Weise durchgeführt,
desto bedeutsamer ist dic architcklonische Gesammtwirkung.
Unter den drei in italieuischem Renaissanccstil ausge-
führten Ziegelrohbauten des genaiinleii Architckten, dem
chemisckicn Laboratorium, dem vsterreichischen Mnseuin
nnd dcr Kunstgewerbcschulc, gcbührt der lctzteren die
Palme. Es ist keine Frage, daß unter allen in
Wien lebenden Architektcn Fcrstel die italienischc Re-
naissance am stilvollsten nnd am rcinsten behandclt. Der
Bau ist dnrch das Untcrrichtsministerinm vom Staate
durchgcführt mit cincm Kostcnaufwande von 450,000 sl.

Der Künstler hat anch Beranlassung geiiommen, an
dem Gebände einige technische Neucrungcn mit Glück
anznbringen: wir ineincn die vicr Kvpfe, in Kosch'schen
Emailfarbcn von Prvf. Laufbcrger auf Thon gcmalt,
als Medaillons am Acnßercn nnd im Jnncren, fcrner dcr
Fußbodcn der Gängc, welcher mit Fließen in der Art der
Mettlacher belegt ist, ansgeführl in der Drasche'schen
Ziegelei am Wienerberge. Es wird wohl nicht langc
dauern, so wcrdcn diese Flicßcn und die erwähntc
malerischc Dekoration sich ebensv schnell einbürgern, wie
die Sgraffikten, wclche Laufberger am östcrrcichischen
Muscilin in so erfolgreicher Wcise znr Anwcndnng ge-
bracht hat.

Jn dcm neuen Gebäude sind gegenwärtig dic
Fachschnlen der Kunstgewci beschulc nnd der
Zeichenlehrkurs untergcbracht. Außerdcm bcfindct
sich in dcmselben die cheinisch-tcchnische Bcrsnchsanstalt
des Museums, dcren Leitcr der Rcgierungsrath Kosch
ist. Es ist von größtem Belange, daß diesc Anstalt
direkt mit der Kunstgewerbeschnle verbunden ist, so zwar,
daß die Wissenschaft und die Knnst, die Thcorie nnd
die Praxis sich im selben Hanse gewissermaßcn die Hand
rcichen können. Än dem Parterrelokale befindct sich dic
Fachschule für Bildhauerei (Professor O. König) mit
derSchnitzschule, derCisclirabtheiliing desHrn.Schwarz,
ver Vorlesesaal für Stillehre, Kunstgeschichte u. s. f.,'
das Atclier des Herrn Macht, besscn Aufgabe es ist,'
dic chemischen Präparate künstlerisch zu verwerthen nnd
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