Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Rasfael's „Madvima Lei Candelabri".

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cines Zlqnarclls in Oclfarben wicdcrgebcin Burne
^vnes und Spencer Stanhvpe sind zwei andere
Arckaisten, die sich in gleichcr Nichtnng bcwegen.

Diescr archävlvgische Zug, dcr sich sonst in direk-
tcm Widerspruch mit dem gcsundcn nnd lcbcnsfrischen
Charaktcr der cnglisck'en Knnst bcfindet, bckundet sich
"nch in der Wahl der Stvffe. Der berllhmteste nnter
diesen Zlrchävlogen ist Alma Tadema, der, wenngleich
ein Nicdcrländcr von Gcbnrt, in tcchnischcr Hinsicht
Wnz anf dcm Boden der cnglischen Malerei steht. Da-
dnrch daß Alma Tadema scine Bildcr fleißig in allcn
Hnnptstädten des Kontincnts hernmgeschickt hat, hat er
Eei» dcn Rnhm cinkassirt, welcher einem grvßcn Theile
der englischen Maler gebührt, die in ihrcn Mcistcr-
werkcn dcm eurvpäischcn Pnbliknm bis heute sv gnt wic
mibckannt warcn. Jch ncnncnnr Hcrkvmcr, Bvngh-
'rni, Leighton, Leslie, Watts, die dem gcseicrten
'-iiiedcrländer hinsichtlich ihrer malerischen F-ähigtcitcn
cbenbllrtig sind. Von Alma Tadcma sind zehn Bildcr
t'vihanden, untcr ihnen scinc ausgezeichnctsten Wcrke:
mis Bildhaner- und das Maleratclicr. Alle dicsc Bildcr
i>lngcn neben einander, wodurch natürlich ein glanzcn-
dii Effckt crziclt wordcn ist. Die Franzvsen habcn
b'cses Princip llbrigens kvnscguent durchgefiihrt. In
'hrcn Sälen hängen siebzehn Blcissonnicr's, zehn Ge-
U-'ine's, ncnn Bretvn's n. s. >v. ncben cinander. Vvn
b'M Bildcrn Alma Tadcma's waren mir vier »nbe-
^nnlj: cin pyrrhichischer Tanz, ein rvmischer Garten,
s">c Bncchantin, die vvm Tanz crmlldet, cingeschlafcn
M, iind cine Mvrgciivisitc vvn Hvflingen bci dem blvd-
"nnigen Clandins, der vvn cinem seincr Gllnstlingc ge-
"'nltsam vvr den Vorhang geschvben wird. Trvtz man-
chcr intcressantcn Dctails errcicht kcines diescr Bilder
sn Wirkung scncr vben genannten, die bis setzt die
^rvnc dcr tnnstlcrischen Thätigkcit dcs Bleisters bilden.

ilcbcr diesclben archävlvgischen Kcnnlnisse, aber
llbcr dcnsclbcn gvldig ktarcn Fm-bcntvn gebictet
^ ' Pvpnter. Vvn ihm sind zwci Bildcr vvr-
l bie schvn n»i ihrer nngewvhnlichen Stvsfe

^ Jnteressc crrcgcn. Das eine schildcrt in leb-
Mlin Farbcn dcn Frohndicnst dcr Kindcr Jsraels in
^"llst'ten, ihrc Beihilfc an dcn kvlvssalen Tempelanlagen,
'I"st'ichtnng dcr Sphinxallcen. Während ein
^^"I'bolvß ans rvthem Granit eben in die Pfvrte
^oinpclunifricdignng eingefahrcn Ivird, nimmt der
eines zwei'tcn Kvlvsses den Vvrderen Plan
Bildcs ein. Dcr Wagen wird Vvn Jsraeliten ge-
^ B", ,velchc vin Aufseher cinc Hetzpeitsche schwingt.
sm'^o Ilnglllcklichen sind crschvpft am Wege zn-
nniengebrvchcn; mitlcidige Francn spendcn ihncn eincn
'elnink, während dic Anfschcr schvn znm Anfbrnch
dcx Den Abschlnß der langen Fignrcnreihc bildct
Jl'Mizende Z»g ciner ägyptischcn Prinzesfin, wetche

die stvlzcn Banten bcsichtigcn ivill. DaS andcre Bild
Pvynter's fiihrt nns hinter dic Biancrn eincr bclager-
tcn Stadt dcs Zlltcrthnms, in einc Bianernischc, >vv cin
Katapnlt anfgcrichtet ist, Vvn dei» ebcn ein grvßeS,
gliihend gemachtcs Wnrfgeschvß geschlendcrt Ivcrdcn svll.
Diesc klassischen sticsnrrektivncn machen denselben lebcns-
Ivahren üindrnck Ivie die Bilder Alma Tadcma's, aber
das Kvlvrit ist Ivcniger Vvrnehm nnd charaktcrvvll. Es
leidct stcllenlveise an ciner nnrnhigen Bnnthcit, die
kcincn harmvnischen Gesammteindrnck aiifkvmmen läßt.

Adolf Noscnbeig.

Raffael's „Ülladonna dei Landelabri".

Am 1. Jnni kamcn bci Christie, Mansvn und
Wvvds in Lvndvn >53 Bildcr alter Meister ans dcr
Sammlnng des verstvrbencn Hngh A. I. Mnnrv, Esg.
nnter dcn Hanimer, darunter stiaffael's bcriihmte „Ma-
dvnna dei Candelabri". Das crste Gebvt war 15,500
Gninccn, das lctzte l9,500Gninecn(400,500 Bi'ark), Ivv-
ranf das Bild Vvn den Erben zurllckgenvminen ivnrde.
Das Gcmälde ist ein Rnndbild, anf Hvlz gemalt nnd
mißt im Dnrchmcsscr 00 Centimetcr. Jm Schvvße dcr
sitzenden Madvnna, einer »nterlebensgrvßen Halbfignr,
steht daS Christnskind, Ivelcheö scinc rechte Hand nach
dcr Schnlter seiner Mntter streckt, bcide Kvpfc sind
on t'noo gesehen. Untcrhalb deS fackelartigen Lichtcs
zlveier Candclabcr znr Seitc erscheinen zwci Engcls-
köpfe. Mnnrv kanstc das Bild 1841 aus der bei
Philips in Lvndvn vcrsteigerten Sammlnng des.Herzvgs
vvn Lncca, frllher besaß es Lneian Bvnaparte, in dessen
Hand cs ans dem Palast Bvrghese i» Rvm gelangt
war. Dvrt war cs am Ende des vvrigcn Jahrhnndcrts
allgemein bekannt; aber Iveiter znriick tann seinc Ge-
schichte nicht Verfvlgt werden. Waagen sagt richtig llber
das Bild, 1'ron8urv8 vt'M'l, in Orizm Uritni'u 11, 132:

„Dicscs Gemälde zeigt grvße Ungleichhcitcn in der
Ausfllhrung dcr cinzclnen Thcile. Dcr Kvps der
Jnngsran ist sv edcl nnd zart in der Fvrm nnd im
Ansdrnck, Vvn sv grvßer Transparcnz dcr Farbc und
Schvnheit der Mvdellirnng, daß ihn nnr Naffael
gemalt habcn kann. Jndesscn das Kind, vbivvhl schvn,
crschcint in seinem Lächeln etwaö asscctirt »nd ist
schwercr im Kvlvrit. Dics allein genllgt, »n, die Bei-
hilse des Ginliv Nvmanv zn bewcisen, währcnd
die Eugcl sv viel weniger lebcndig behandelt und
schwcrer im Tvne sind, daß sie wahrscheinlich ganz
vvn dcr Hand dcs Ginliv Rvmanv herriihrcn." Aber
Waagcn nrthcilt hier sehr nachsichtig. Die Engcls-
kvpfe sind sv hvlzern mvdcllirt, daß sie mir auch sllr
Giuliv Rvmano vicl zn gering erscheinen, ivährcnd
Passavant in seiner Bchanptnng, die Engel seien später
vvn einem mittelniäßigcn Kiinstlcr hinzngefllgt, ivvhl zn
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