Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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^lunstliterntur.

sich aus summarische Andeutungen beschränkt, die den
Fachnnimi geradc dann verlassen müssen, wcnn er behufS
ciner Vergleichung oder Richtigstellung das Detail am
dringendsten benvthigt. Manche Abstriche sind vollends nicht
zu billigcn. So gibt Villot zu dcm männlichcn Portrait
von Paris Bordone, das cr untcr Nr. 89 verzeichnet,
ein Facsimile des Wappens; Tauzia (Nr. 82) ersetzt
dieses Facsimile durch eine dnrftige heraldische Beschrei-
bung. Daß ein solches Facsimile unter Umständeii znr
Agnoscirung dcr dargestelllen Persönlichkeit führen känn,
währcnd die Beschreibung des Wappens lange nicht so
wirksam ist, brauchen wir nicht erst hcrvorzuhebcn. Eine
Neuerung, über deren Werth sich strciten läßt, hat
Tanzia damit eingeführt, daß er Lei jedem Meister eine
Uebcrsicht seiner Hanptbilder gibt. Wir bczweifcln den
Nutzen dieser Citate für das Publiknm nnd auch für
den Fachmann; für dcn lctzteren umsomchr, als ihm die
trockene Aufzählung der Hauptwerke, die nicht iminer
komplet nnd auch nicht iiuiner tadellos ist, bei scincii
Arbeiten kanm viel hclfen kann. Dagegen ist es ent-
schicdcn ein Uebelstand des ncuen Kataloges, daß er die
Replikcn und alten Kopicn einzelner Bildcr nicht an-
gibt, obschon er hierzu regelmäßig nur das Villot'sche
Wcrk abzuschreiben gcbraucht hätte. Um nur ein anf-
fallendes Beispiel anzuführen, citiren wir Raffael's
Portrait der Johanna von Aragon. Tauzia verschweigt,
daß Raffael, nach Vasari's Angabe, bloß den Kopf,
Giulio Rvmano abcr dcn Rest malte nnd gibt auch die
altcn Kopien dieses Bildcs nicht an, währcnd Villot
alle diese Umstände aufführte, die selbst dcm großen
Publiknm interessant erscheinen inüssen. Das Gleiche ist
auch bei dem Pvrtrait der Mona Lisa Gioconda dcr
Fall, bei welchcm Tauzia nicht eininal die schvne
Kopic in Madrid (6ntLIc>§o ckol Llnsso äsl Urnckc»
zior O. Uockro cko Unärn^o 1876, i^o. 550) anführt,
wclche lange Zeit für cin Original angesehcn wurdc.

Die Anzahl dieser Beispiele ließc sich lcicht vermehrcn,
da Tauzia grnndsätzlich die Kürzc der Genauigkeit vor-
gezogen hat. Unscres Erachtcns mit Unrecht. Der Kata-
log cincr Sanimlung von dem Range des französischen
Nalional-Musenms soll im gewisscn Sinne 'auch ein
Lehrbuch für das intelligcnte Publiklim sein, welchcs die
Sammlung bcsucht, und diescm dic Künstlcrlcxika er-
sctzen. Auf den Umfang des Katalogcs kommt es wcit
weniger an; dcnn wcr 300 Seiten nach Hause trägt,
oder in's Museum mitbringt, dcm sind 400 keine Last,
die ihn von der Benutzuiig des Kataloges abhaltcn
würde. Und daß dem Fachmann kcin Katalvg zu aus-
führlich sein känn, daß dicser jcde Detailnotiz über ein
Bild mit Frcuden begrüßt, braucht nicht crst bemerkt
zu werden.

Wir glaubcn demnach, daß Tauzia's Arbeit dic
Villot'sche nicht außer Gebranch sctzcn und daß ins-

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bcsondcre vcr Fachmaun gut thun wird, sein Exempl^
des alten Kataloges sorgfältig aufzuheben und cs i>»»"j
neben dem ueuen zu benutzen. Bedanerlich ist »ur, des
-vauzia auch dic von scinem Vorgängcr noch uicht i'O'
zeichnetcn Bilder, z. B. das 1877 erworbeue sch-»"'
"Abcndmahl" vou Giambattista Ticpolo"), welchck
eine Lücke des Museums ergänzt, das früher keiu
des Mcisters besaß, so summarisch ablhut. Da s-»-^
uian keine Vorarbeit und muß die Beschreibuug do'
Bildes mühsam an den Nand des Katalogcs schreibc»'
wenn man sich nicht mit dessen dürftiger Noliz begnnge»'
oder auf Publilätionen in dcn Pariser Kuustblatte>»
verlassen will.

Die Herausgabe der' Fortsctzung des iicuen Kab'-
loges soll, wie man uns im Louvre mittheilte,
lauge auf sich warten lasscu; der zwcite Baud diirstd
schon im Fcbruar erscheiuen und dcr letzte vor
nung der Wcltausstellung.

Paris, im Januar 1878. Oskar Bcrggruc».

. Auiistliteratur.

Ilutcr den Veröffentlichungcn der neuercn Z»>l ""l
kunstwissenschaftlichem Gebiete ist uns kaum etwas z»
Gesicht gclomnien von so crfrischender, gesundcr Gedicgc»
heit wie deudolf Nedtenbacher's Beiträge zur Ke>»b
uiß der Architektur des Mittelalters in Deutschl»"°

(9 Hcfte Foliv in Lithographie mit erklärendeiu ^cl'O
Frankfurt, Verlag von Klimsch L Cv.). Der Lcrfasst"
hat unser Vaterland nach aüen Seitcu durchwainO
und die Denkmälcr des Mittelalters, von den
romanischcii Lis zn den spätgothischen, mit tief cindr'"'
gcndcm Verständniß studirt. Von dicscn Studieu g>-"'
er in vorliegendem Werk nach seincn Originalaufnah»"'"
auf 54 Tafeln eiue wahrhast überrascheude Füllc
Einzelheitcn, indem er diesclben uach techuischen Gestcho
punktcu ordnet uud alle charakteristischcn Fornien
dcn Sockeln und Basen bis zu deu Krcuzblumen, Wasst^
spciern, Kaniinen und Windfahnen in übersichtlw"'
Ordnung vorführt. Dabei ist durchweg der Maßl^'
so gcwählt, daß dic charakteristischen Forinen in
konstruktiven Gefüge und ihrer dekorativen Auspi'i-g»"^
völlig ktar zu Tage treteu. Hicr herrscht uicht st'"^
flüchtige Skizzircn unsercr älteren Schulen, dic unr »»l
uialerischcn Motivchen naschcnd die Läuder diirchfwib'"'
sondern ein markiges Erfassen nnd Ausprägen der Fw'
men, wahrhaft herzcrfrcuend und belehrcnd für
und Alt. Publikativncn wie dicse siud ein erfrculich^
Bewcis dafür, daß unsere Architcktur in einer gcs»»")"
Umbilduug begriffen ist, und daß namentlich jenc l""'

s) Der bckannte Pariscr Aquafortist Lalauze hat k»-^'
ieses Bild sehv geistreich in der Maniev Tiepolo'§

,___ ^guasortt^t auze ^

lich dieses Bild sehr geistreich in der Manier Tiepolo's
einer Publikation in der Zeitschrift „l.'Xrt" 1876, 2a>»
S. 272 radirt.
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