Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Die akademische Kunstausstellung zu Berlin.

3.

Gemälde auf Holz. H- 0,815, Br. 0,45 Meter.
Maria mit dem Kinde auf dem Schooß sitzt auf
k>ncm prächtigen Throne mit durchbrochenen geomctrischen
Ornamenten. Der Thron steht anf blumigem Rasen
einem Earten oor einem früchtebeladenen Drangen-
bauni, über welchem beiderseits dic Halbfigur je cines
hiopheten mil Sckriftrolle emporsteigt. Zu beiden Seiten
Thrones steht je ein anbctender Engel. Maria neigt
den Kopf leicht nach rechts und spricht zu dem auf ihrem
^echlen Knie sitzcnden nackten, nur um die Hüften mit
d'eipem durchstchtigen Stoffe umwundencn Kinde, das
uiit seineni rechten Händchen einen Faden hält, an
^'clchem ein Schmetterling zappelt. Jhre linke Hand
'/t wie zur Markirung der Bemerkung, die sie zu dem
Ü-'ielendcn Kinde macht, crhoben. Das Gesicht mit dcr
istwden Nasc, dcn dunklen Augcn und hochgeschwungenen
icincn Brancn, dcr hohen Stirn und dcm vollen runden
'iuiin jst von meißem Kopftuch umrahmt, welches die
^Abraunen gewelltcn Haare noch ein wenig sehen
^llfend, fjch pjx Schultern ausbreitet und dic

^'ere Panie des rothcn Kleides sowie den grünblauen,
ichwarzgerändcrten und mit Hermelin gefütterten Mantel
^cctt. Das blondhaarige Kindchen schaut gegen den
'"'ks stehcnden Engel hinüber, der trotz seincr anbetend
ichanimengclegtcn Händc dem Spiele des Kindes lächelnd
jllfchant, während dcr rechts stchende in Andacht ver-
''""ken zu Boden blickt. Bcide Engel haben weißc
"»terkleider, rothe bis unter die Kniee rcichende Ober-
kkeider mit schmalen branncn Krägen über der weißcn
'Mskrause und grüne Flügel. Beide sind schwarzäugig
"'w blond gelockt wic das Kind. Von den Propheten
ch"k der eine rothen Rock und Hut und grüncn Mantel,
andere grünc Bkütze und Tunika und rothen Mantel.
Grund ist golden. Das Bild ist im Wcsentlichcn gut
"halten. Es gehört ebenfalls der älternSchulc vonSiena
und erinnert namentlich an Ambrogio Lorenzetti.

(Schluß solgt.)

akademische Runstausstellung zu Bcrlin.

Bei

IV.

kov Genrebilder

einer weitercn Musterung G^anke

'wdet sich aoch cin drittes, von cincm

;» Grunde liegt: die "W'"hshai s Wirths-

Wcimarer Maler Namcns Hcnseler ,

hausstene sist nichts anderes, als Bolke".

^S'tatwn. Der Mann aus dem ,

da im Schurzsell Tische M -d MjS ans zim
ameraveu ciurrdcl, welchc ihm ha BolkS-

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Mitteln genialt, aber es vcrräth doch eine frischc, na-
türliche Beobachtnngsgabe. Unv das ist einc sehr schätz-
bare Eigcnschaft für dcn, der nach nenen Zügen iu der
allgemeinen Physiognomic unscrer Kuust sucht.

Wer eine Chronik der wichtigsten Kunsterciguisse
sciner Zeit schreibcn will, hat dicse Pflicht. Darum
könneu wir getrost au der Schaar der Spezialisten vor-
übcrgehen, dic in Jahresfrist nicht schlcchtcr und anch
nicht besscr geworden siud. Amberg variirt mit gc-
wohnter Liebcnswürdigkeit das Thema „Frcudvoll und
leidvoll" an gcstillter und uugcstillter Sehnsucht, iu der
Sonue und im Schattcn, Arons malt nach wie vor
seine Rocococavaliere in geschmackvoll meublirten Jntc-
rieurs, Breling (München) scine porzellanartigen Fi-
gürchen auf schummrigem Hintergrunde aus dcm drcißig-
jährigcn Kricge und Ehrentraut scine derbcn Lands-
knechte aus dcm 16. Jahrhuudert, dic immer kräfligcr
und origineller werdcn, je weiter sie sich von Mcissonier
entfernen. Die Geschichten aüs dem Mönchslcben, die
Grützner seit geraumer Zeit zum Besten giebt, habcn
auch nicht au Jnteresse zugenommen, zumal ihn dicsmal
ein Jüngerer, Namens Stade in Königsbcrg, mit
einer komischen Episode aus dem Lebcn eines Patcr
Kellermeisters übertroffen hat. Wcitaus glllcklichcr ist
Grützner mit eincm Cyklus von Cartonzeichniingcn nach
Shakespeare's Falstaffiade, die zwar bcdcnklich an dic
Kaulbach'sche Eleganz und Hohlheit crinncrn, abcr doch
von frischem, wohlthucndcn Humor und eincm fcincu

Schönhcitssinn gesättigt sind.

Da Dcfregger fchlt, mußMathias Schmid die
Ehre der Münchencr Gcnrcmaler retten. Er zeigt uns
cine protestantischc Gcmeinde von Zillerthalcru, dic aus
ihrer Heimath vertricbcn sind, auf ihrcr frcudloscn Wan-
dcrung, im Begriff den geliebten Bcrgeu das letzte Lebcwohl
zuzuriifeu. Mit rührcndcr Einfachhcit vorgetragen, verfchlt
das Bilb, trotz des dem Maler eigenen, vcrschlcierten
Kolorits, seine Wirkung nicht. Der Eindruck ist ein
ganz ungetrübter, da dem Bilde, gegen dic Gewohnhcit
Schmid's, dcr bittere .Beigcschmack religiös-pvlitischer
Tendcnz fehlt. Jhm zunächst koinmt der Münchener
Gab l mit eincr Scene ans dem Lebcn dcr tirolischeu
Bauern: Hochwürden als Schiedsrichtcr. Es ist da in
ciner Dorfscheuke ein hcftiger Strcit untcr eiuigen Schützen
übcr dcn besten Schuß cntbrannt, die Parteien sind an-
einander gerathcn und der pnstor lovi, dcm man die
Scheibe weist, soll die Entschcidung fälleu. Mit dicsen
beiden Bilderu ist auch das sonst so reichhaltige Kapitel
aus dcm Leben der malerischer Ausbeutung fähigen
Bauern erschöpft. Zwar haben anch noch viele auderc
Maler dcm Verbrauch von farbigen Busentücher», kurzen
Fliesröcken und blauen Strümpfen gchuldigt ; doch siuv
dabci keinerlei Symptome zu Tage getretcn, dic Anlaß
zu Besorgnissen gebeu könnten.
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