Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Kunstliteratur.

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imiern. Nicht blvß technisch, sondern anch gcistig, wie
cinc dramatisch erregte Volksscene ans dem alten Jern-
salcm bcweist: der Aufruhr der Judcn um den Mörder
Barnabas, dcn ihnen der Landstflcgcr an Christi Stetlc
heransgiebt und der im Triuinsth davvngetragen wird.
Eine Fülle charakteristischer Tystcn, deren Vvrbilder
der Knnstler vffcnbar von seincr Reise mitgcbracht hat,
sesselt nns auf dem großcn Bilde, auf dem sich die
Volksmenge wie die Wogen deö aufgcregten Meercs
hin- und herzuwälzcn scheint. Ein zweites Bild,
Ivelches den Maler selbst darstellt, wie cr nnter einem
Sonnenschirm sitzend auf vffener Straße in Jcrusalem
einen Knaben malt, zeichnet sich dnrch dieselbe Breite
der Pinsclführung, durch diesclbe Energie der Charak-
teristik und dnrch die trefflich wiedergegebene Jntensität
des Sonnenlichtes aus.

Die schweizerische Malerei bewegt sich gleich
der norwegischen nnd schwedischen zwischen den beiden
Polcn Dcutschland nnd Frankrcich. Der franzvsischen
Richtung hnldigen die Oricntmaler dc Castrcs nnd
Girardct, der Genremalcr D n r a n d nnd der Landschaftcr
Corrvdi, der deutschen der in München ansässige Histo-
rienmaler Grob, dic Gcnrcmalcr Stückclbcrg und
R avcl. Mit dcr Aufzählnng dieser Namen sind zugleich
die bcstcn genannt, welche die schweizerische Kunst in ihrcm
Lande aiifznweiscn hat. Jhr grvßterMeister, Vanticr,
dcssen berühmtes „Zwcckcssen" den cdelsten Schmnek
der Schwcizer Abtheilung bildet, gehört mit allen
Fasern seines Wesens der deutschen Kunst än.

Rnßlands bedeutendster Maler, Henri Siemi-
radzki, ist cin geborener Polc, der seine künstlerische
Ausbildnng bekanntlich in München durch Pilotv cr-
fahrcn hat. „Die lebenden Fackcln des Nero", welche
den Mittelsinnkt der rnssischcn Ansstcllnng bildcn, sind
bereits genügend besprochcn Ivorden. Das kolossale
Bild gehört zn den Sensativnsgemälden, die Vvn
spekulativen Bilderkornaks durch die Hanptstädte von
Enropa gesührt werden. Ans diesem Grunde ist es
wohl anch von dcr Weltausstellungsjury, wclchc dcn
Werth der Bilder nach der Elle gcmcssen zn haben
scheint, mit dcm Ehrenpreise bcdacht Ivorden. Weniger
sensationell, aber ohnc Bcrgleich besser sind zwei ncucre
Bilder von Siemiradzki, die in das archäolvgische Ge-
biet von Alma-Tadema fallcn nnd wohl anch durch
dessen Gemälde inspirirt sind. Das eine dcrselben
zeigt nns eine vornehme stkömerin, dic im Begriff ist,
cine prächtig geschmückte Barke zn besteigen, welche an
dem marmorbekleideten Ufer eines Flusses hält. Ein
alter Mann tritt ihr in dcn Weg unv bietet ihr cin
Gemälde znm Kaufe an. Auf dcm andercn Bilde
schen wir den wohl assortirten Laden cines römischen
Kunsthändlers, der nebeilbci auch mit schönen Skla-
vinncn handelt. Eine solchc wird dem reichen Kunst-

liebhaber, der in dic Bndc dcs Antiqnars getrctcn ist
nnd sinnend einc kvstbare Vase betrachtct, in nnvcr-
hnltter Schönheit präscntirt.

Äns der Zahl der nativnalriissischen Maler, dic
znm großten Thcil in Paris gebildct sind, hebe ich als cr-
'vähncnSwcrth die Landschafter Kuindji. McchtchcnSki
nnd Orlvwski hervor, welchc die cigcnthümlichen Reizc
>.nei Heimath sehr fcsselnd nnd mit sichcrcr Bchcrr-
schnng der malerischen Mittel zn schildern wisscn. Dcr
('cnremaler Dmitrieff hat in chiem Bildc, welchcs
öcn Halt eines Eisenbahnzugcs an cincr cinsamctt
Stativn nnd daS Gctümmcl hcrbcicilcndcr Vcrkäufe-
rinnen vvn Erfrischungen darstellt, cinen liebenswürdigci'
Hnmor cntfaltet.

Von eincr nvrdamerikanischcn Kniist, svivcit
wir die Vereinigten Staatcn dabci im Ange haben,
ttinn man ebcnsvwcnig reden wie Vvn einer riissischen

^ Nlaler Nord-Ainerika^s sind in allen hervorragettden

ennilyadten Enrvpa's ansässig nnd reflektircn in ihrc»
-l>ciken vhne eine Spnr von Sclbstständigteit die Eigen-
ait des Uieistcrs vder dcr Schule, dcr sie sich angc-
Ichlvssen haben. Die besten vvn ihncn, wie der a»s-
gczeichnetc Marinemaler Dana, dcr daS pvesie- »»0
Mmmnngsvollste Secstück auf der ganzen Weltaus-
Ilellnng gemalt hat, nnd dic Genremaler Bacvn nnd
Bridgman sind in Paris nnd Londvn gebildct.

Daniit ist nnsere tritische Uebersicht über die Kn"st
an, der Pariser Wcltausstellung geschlvsse». Ei» Resuins
anS dem hier mitgctheilten Matcrial Ivird den BerichM
" Knnstindustrie Vvraufgeschickt werden, »»^

icnen wir im October-Hefte dcr Zcitschrift bcginncn.

Adols Moscnbtiü

Aunstliteratur.

Luca Sigiwrelli und die itnlienischc Nennissiuicc. E»»

knnsthistvrische Mvnographie Vvn Nvbcrt Bischo''

Leipzig, Vcit u. Cvmp. 1879. 388 S. 8°-

Jeder, dcr mit Vvrliebe das Stndinm dcr italic^
nischen Knnstgeschichte pflcgt, muß sich mit Befrenidc»
dic Frage aufgewvrfcn habcn, wie es kam, daß bc>
»große Lnea Vvn Cvrtvna", der Maler des erschüttcr»s
dcn „Jüngsten Gerichtes" in Orvietv, nicht nur bc'
seinen schreibcnden Zeitgenossen, svndern anch bei
chen späteren Schriftstellcrn nur so nebenbci crwähnt, s»
in den mcstten Fällen vvn bciden ganz übcrgangcn wü('
ll» den cinschlägigcn Schriften, die vor Basari er-
schienen, in Paolo Pinv, Benedettv Varchi, Gian-
francesco Doni wird cr ebenso wenig genannt, w>c
in dcn namhaftesten Traktatcn nach 1550, in Lvdovico
Dvlce, Gilio da Fabriano, G. P. Lomazzo. Dcr s»
breit ansgearbcitctc Dialog Raffaello Bvrghini's, Fr»»"
cesco Scnnnelli's geschwätziger Microcosmo sprechc»
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