Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Kunstliteratur.

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icr discutiren will, ob es sich übert-aupt ziemt, dic Gc-
heinmissc der Atelicrs in solcher Weise den Augen dcs
prvfancn Publikums preiszugebcn.

Eine bedenkliche Neigung zum Krankhaften hat auch
dcr elegante Salonmaler F.A. Kanlbach, dcr sich wohl
mchr durch seine gleißende Technik als durch weltbe-
wegcnde Jdeen schnell beim großen Publikum beliebt ge-
macht hat. Bc'an weiß, daß das Schwärmerische, Schmach-
lende, Krankhafte stets ein großes Publikum sindet. Sv
h»t es auch der todesblasseu jungcn Dame im wcißen
Ätlasklcide, die über dem Lautespiel in Gott weiß welchc
Träumerei versunken ist, nicht an Bewundercn gcfchlt.
^as Atlaskleid, die Marmorftiesen des Fußbodens, der
Kamin, die Zimmergeräthc — das ist allcs so blitzblank,
daß sich cincs im andern spiegelt. blnd dic Dame sclbst!
Acbesgram nagt an ihrem Hcrzcu! Ein Arzt wird je-
^'ch sagen: Sic ist nur bleichsüchtig.

Ganz andcrs hat Wilhclm Gcntz solche odcr

"huliche KrankheitSshmptomc an einer jungcn Eghpteriu

^argestellt, die iu die phantastisch ausgeputzte Bude

riner schwarzcn Hexe gekommen ist, um ihre Hilfe an-

zusprechen. Ein Helfershelfer der Hexc pinselt ihr cinen

Koranspruch auf die Hand, der soll hclfen, während die

-tMlberin Beschwörungsformeln murmelt. Die Augen

krankcn Maid starren erloschen in's Lcere, die Glie-

sinp schlaff, käum hält sie die Hand aufrecht, die sie

*"M> Manne varbietet. Und das allcs — die drci

8'guren und die seltsamc Umgebung mit den wunder-

iichen, sinnverwirrendcn Geräthschaftcn — ist in einem

icuchtkräftigcn, sattcn Ton gemalt, dcr wenigstens für die

"^e geistige Gesundheit unb Kraft nuscres ersten Orient-
Malers.

^ugt. Zn rein malerischer Hinsicht gehört dieses
^ Z» den Spjtzen der Ausstelluug. Gentz hat seine
'eiitcchnik zn einer Höhe herangebildct, die kaum noch
^'irvffen werden kanu.

^ei liebenswürdiges Genrebild von A. v.

- ehden zn erwähnen, das cincn Taufgang aus dem
uhrhundert darstellt. Dcr Zug bewegt sich cinc
endeltrep^ hcrab. Vorauf schreitcn zwci vornehm ge-
, ^ ^^'uuen, vvn denen die cinc den Täufling trägt,

Par""- »uderc sich lächclnd aus ihn herabbeugt.

^^gmi die andern Pathcu, allc in der reichen,
Äiiri ^ ^ Tracht, die vvrzugsweise an dem Hvfe von

-2»g ungesuchter Noblesse eizen, de z ^ ^
rakter uiisercs Malers gehört.

Jtnlil

Auiistliteratur.

"'ichc Flnchvriiamcntc, hcrausgegcben von M.
"urer. Karlsruhc, Veilh. 1877. Fol.

i» ^unircr, Lehrer am deulschen Gcwcrbemusenm
b Vcbt in diescm Werke eine große Sammlung

italicnischer Flachvrnamcnte aus der Zcit der Reuaissanec
heraus, Jntarsien, Flachreliefs, eingelegtc Marmvr-
arbeiten rc., znm Gebrauche für Architekten und Hand-
werker sowie als Vorlagen für kunstgewerbliche und
Zcichenschulen.

Die Ornamcnte sind in natürlicher Größc nach
den Originalen wicdergegebcn, und vvn dcu 8—10
Heftcii zu je 12 Blatt sind socbcn die 4. bis 0. Lic-
ferung crschienen.

Der Zweck, welchen der Autor im Augc hattc,
uicht nur dem Architekten und Handwcrkcr cin muster-
giltiges Matcrial von Flachornamentcu dcr Renaissance-
zeil zur Anregung für Kompositionen oder zu dircktcr
Benutzung zn bieteu, sondern auch praktische und gute
Vorlagen für kunstgcwerbliche Schulcn zu briugcn, be-
stimmte dic Art der Herausgabe dieser Blättcr. Der
Autvr hättc känm besonderc Gründc anzugeben brancheii,
warum er die Ornamente in natürlichcr Größe wieder-
gab; diese schöncn Motivc sind nntcr allen Umstäiidcn
am lehrreichsten, wenn der Maßstab der Darstellung
uns zugleich die Grenzen dcs in einem bestiinmtcn
Material Zulässigcn und Bivglichcn crkcnuen läßt.

Der Herausgeber hat uns mit Rccht die Muster
in einfachem Tondrnck vorgcführt; crziclte cr dadurch
cinen nicdrigen Anschaffungspreis anf dcr cincn Seite,
was im Jntcresse der möglichstenVcrbreitung diescs werth-
vollcn Lehrmaterials nöthig war, so gcwinnen andrerscits
die gebotenen Gcgcnständc dadurch sehr an Lehrwerth,
indem sic die Wirkung, die Schönheit in dcr Masseu-
vcrtheilung, die Gesetzmäßigkeit dieser frcien Kompo-
sitionen außerordcntlich klar machen.

Dcr Jnhalt der vorliegcndcn scchs Hcftc ist eben-
so reich und mannigfaltig wie gewählt; entzücken unö
dicse Ornanicnte durch die cigenthümlichc unv uuvcr-
siechlichc Phantasie ihrer Schöpfcr und deren hohes
Schönhcitsgefühl, das sich in Zeichnung und Kompositivn
äußert, so vcrrathen sie nicht minder cinc nngewöhnliche
Naturbcobachtung und zcugen von dcm ernstesten Streben
der Meister, auch den klcinsten Gedankcn in vollcndctcr
Form auszudrücken. Das ist die wahre Kniist im
Ornament; wie anmuthig vcrtheilen sich dicse Lvrbeer-
zwcige, wie fein entwick'clt sich jcdes Blättchen, cntspringt
jede Ranke aus dem Stiel, wie wohlthätig snr das
Augc ist cs, den Wcchscl allcr Fvrmen zu verfolgen,
welche nach cinheitlichem Gesetz aus einem Blättcrk'elch
cntspringen, Naturgebilden gleich, trotzdem die Phantasie
sic schuf!

Nicht.^alle dicse Koinpositioiien frcilich sinp von
gleichem Wcrthe, nicht iinmer stießen die Ranken in
schönster Linie, vertheilt sich Hell nnd Dunkcl gleich
g»t; Lisweile» sind dic Ornamentc nicht kvmponirt,
sondern blos gcschick't arrangirt; aber kanm cin Blait
ist zu finden, welches nicht im Einzelnen die schönsten
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