Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

Page: 641_642
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1878/0326
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
641

Kunstliteratur.

612

lvsen, Zcug, darunter einc lebcnsgroße anspruchsvolle
dogelschcuche, „Wirbelwind" bcnanist, von Hartlcy.

0.

Aunstliteratur.

g 6rttion Ikäosoa. Osskrviuiioiii
6 I4ot6 äi Lki'Äl'ina Lotto l'nssnru. 1?i-
rsii2s, 8noosssori l.v Uonnisr, 1878. 8.

3m dritten Bande dcr „Jtalia" (1876, S. 155—
crschien aus der Feder Zldolf Bayersdorfer's ein
^ssny über die nivdcrne Kunst in Flvrend Mit gei>t-
doller, dabei rücksichtslvser Schärfc wnrdcn darin die
gegentvärtigen Knnstznstände vvn Flvrcnz cincr die
'dealstcn Jntentivncn vcrfvlgcnden Kritik nnterw'vrfcn.
Itun jst es eine liebenswürdige Eigcnschast der Franen,
principiellen Abstraktivnen nnzugänglich zu sein; sie
sassen Alles persönlich nnd stcllcn sich svfvrt in Pvsi-
Frau Bvtto Tassara ist cine gcistvvlle Fran —
"ber sie sst eben Frau, das ist zn ihrcm Lvbe gesagt;
'hr erschcint alsv Baycrsdvrfer's Essay als cine Belei-
dignng jhrer jehigen Heiinath Flvrcnz (sie ist Vvn Gc-
burt Gennesin) nnd wohl anch ihres Gatten, dcS Bild-
hauers Tassara, der vvn Bayersdvrfcr gar nicht er-
^ühnt wird; Letzteres meine ich, init Nnrecht, daTassara
unter den Bildhauern vonFlorenz eincn hervorragen-
Rang einninimt. Svlch edle Mvtive machcn
"^ffenlos; ich würde daher anch kanm der klcincn Schrift
Tassara's gedcnken, wüßte ich nicht, eine wie
beifällige Anfnahme dicselbe in Jtalien gcfnndcn hat.

Dcn Verfasscr des Essay's branche ich nicht zu
vertheidigcn; ich wünschte im Jntei-csse Vvn Ftvrenz,
^U' ich mit aller Liebe anhänge, daß Bayersdvrfer's
hartes Urtheil über die dortige Malerei durch daö Ur-
iheil der J„ry der Pariscr Ansstellniig widcrlegt Ivürde.

die florentinische Architektnr betrifft, sv stehe ich
^u Frau Tassara in ihrer Vcrtheidignng der stlnstika,
°'e von, Verfasscr des Essay's angcgriffen wird. Zn herbe
M)eint niir anch Bayersdvrfer's Urthcil über die
iivrentinische Plastik; gerade anf dicscm Gebiete wirken
"°ch gute Traditionen fvrt, und der Jtaliener fängt
^eder an, der Natur gegenüber größere geistige Sclb-
Itändigkeit zu zeigen.

Doch das Urthcil des Vcrfassers des Essay mag
urenge s^. ljegt nnr daran, einige allgemeine
^nklagen Fran Tassara's znrück zu weiscn. — Frau
^ussara nieint: ivie früher die Franzosen, sv schcinen
t"tzt die Deutschen die Wclt lehren zu wollen, daß
"°vrts8ia« ein eminent italicnisches Wvrt sci. Dann
"uerdings, wenu eine in rnhigcm Tvn gehaltcnc Kri-
" «ne Berletzung „höfischer Art" ist. Aber Frau
^ussara sst „icht dieser Mcinnng; sie selbstj übt ja

Kritik in weiterem Umsang nnd herbcrcr Weise als
dcr Verfasser des Essay's.

Die Dentschcn, sagt sie, „gewöhncn nns schvn da-
ran mit ihren vberflächlichen („nborrnooints") Urtbeilcn
über nnsere Angclegenhcitcn, die alte Meinung, die ivir
vvn ihnen hatten, nmznändcrn: daß sie nämlich ein
wenig schwerfällige, aber im Uebrigcn gnte (bonnooi)
Lcnte seien; wir miißen zn dcr Erkenntniß tvmmen,
daß Schiverfälligkeit die Obcrflachlichkeit nickck ans-
schlicßt" (pax. 20). Wv begegnet nns da mehr -
Prätensivn: in jcnem Urthcilc übcr mvdcrne Knnstver.
bältnissc einer einzclnen Stadt, vder in dem allgenieinen
mvralischen Verdikt über cine ganzc Nativn? Wv-
hcr weiß denn Fra» Tassara, daß Ivir Dcutsche der
Meinnng sind, „dic Knnst sei in Italien für inimer
lintergcgangen,nm in trinmphirendei» Glanze inDcntsch-
land zn erstchcn" (pnx. 7)? Wir frenen nns, daß anch
nns trvtz „nvrdischcm Dämmerlicht" dic Svnne dev
Schönen lcuchtete, »nd hvffen, daß sie uns Ivieder lench-
ten wcrde; aber ebcnsv läßt nnS die warme Theilnahmc
an allen trüben nnd srvhen Schicksalcn des italienischen
Vvlkes innig hvffen nnd ivünschc», daß der nene Gcistes-
frühling, der, Ivcnn dic Anzeichen nicht trügen, sür
Jtalien heraufznkvminen scheint, anch ein Frühling nene»
künstlerischen Lebens scin möge. Iene dentsche Bc-
scheidcnheit, für die nnser Landsmann Börnc sv bitter-
bösc Wvrte hatte, ist zum Gliick verschivnnden; aber
die Grvßsprecherci, die platte Sclbstznfriedenbeit ist deß-
halb nicht an deren Stelle getrcten —' sie ist höchstens
Eigenthnm ciniger Pfahlbürger in Süd nnd stkvrd.
Die bittersten Wahrheiten sagcn Ivir nns nvch inimer
selbst — zn nnserem Heile; sagen Ivir sie dann anch
hier nnd da einem andcren Vvlke, sv ist dies ja nnr
ein Zcugniß nnscrer Objektivität. — Damit bin ich
zn Endc. Fra» Tassara's Jrrthümer über nnsere Be-
griffe vvn Renaissanee nndRvcevev zn berichtigen, sie zn
kvrrigiren, wenn sie das Barvckdenkmal am Graben in
Wien mit dcn mvdernsten Werken der Bildhancrei zn-
sammenwirft, ihre wnnderliche» Aenßernngen über
Biichelangelv zn kvntrollircn, hätte an dieser,)Stelte
kcinen Sinn; anch dic böseSchreibweise dentscher Wörter
bleibe unbcmerkt! Bettina's naivcs Geständniß i» der
Widmiing ihrcr an Fürsi Pückler gerichteten „Briefe
eines Kindes an Göthc", die Setznng des Kvmma nnd
Semikvlon betrcffend, muß weiblichcn Schriftstelleriiineii
gcgenüber zn ivcit tiberalercn Kvnzessivncn bestimmen.
Und das Ivird mir nm sv leichter, Ivcnn ich der Geistes-
anmnth gedenke, welche ich im persönlichen Verkehre mit
Fran Tassara kcnncn zn lerncn Gelegenhcit hattc.

Hubert Janitschck.
loading ...