Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Kunstliteratur.

45N

34lippo's des süngeren gegen Cvjimv vvn Mcdici nns
Flvrenz vcrbannt war. Erst in diesem Jahrhundert ist
das liebliche Bild aus dem Palaste der Strozzi in Rvin
»ach Florenz gekommen. Die eminenten künstlerischen
Aorzüge des köstlichen Bildes haben Crowc und Caval-
caselle Tizian D. A. 4l. 429 ff. nach Verdienst gcwür-
digt- Jhre Beschreibung enthält jcdoch einige Unge-
nauigkeiten. Das blondgclockte Kind ist nur mit eincm
glatten wcißen Atlasröckchen angethan. Dcsto reicher
^sl es mit kostbarem Geschmcide gcziert. Den Hals
schinückt ein Perlenband mit Diamantschloß, den rcchtcn
Arm gleichfalls ein Perlenband und den Zeigefinger
der rechten Hand ein Ring. Um die Taille ist eine
goldene, reich mit farbigen Edelsteinen besetzte Kette gc-
schlungen, von der nach vorn eine zwcite, gleichartige
slette herabfällt, an deren untcrem Endc eine goldene,
ouch mit Edelsteinen besctzte Kapsel hängt, viclleicht
^ue Klapper oder ein ähnliches Spielzeug. Denn das
K'nd ist mcht zehn Jahre alt, wie Crowe und Caval-
caselle angcben, sondern höchstens drei oder vicr. teinks
sl'en an der Wand des Zimmers, in welchem die Kleine
llcht, ist oiir Täselchen angebracht mit einer Inschrtft,
von der jetzt nur folgendes lesbar ist: L. II und

darunter NDXlll. Es ist möglich, daß noch cin Zahl-
leichen ursprünglich vorhanden gewesen ist. Aber erstlich
deuten keine Spuren darauf hin und zweitenS spricht das
^lcußere des klcinen Wescns keineswegs gcgen die An-
"chiiie, daß wir ein unter glücklichen Verhältnissen kör-
pcrlich entwickeltes Kind, das im dritten Jahre
l'cht, vor uns haben Zehnjährige Kinder aus den
^ornehmen italienischcn Familien des Ncnaissancezeit-
ulters pflegm ^ den Familicnbildern viel crnster und
»achdenklicher drein zu schauen, als dicses heitere und
uubefangene Wesen, das eben von seinem Hündchen auf-
^uut, als zeigte ihm Jemand ein neucs Spiclzeug. Der
^und, ein zierlicher Bologneser, hockt auf dcr oberen
^latte einer Console, die als Brüstung cines offenen
^«sters dient. Das Kind hat seinen Spielgefährtcn

"ul der linken Hand um dcn Leib gefaßt und bietet
>hm ' ^

Aus occhten ein Stück von einer großen Bretzel

Ä

deni Fenster blickt man auf eine üppig bewaldcte
eoglandschaft, über die sich ein lachender Himmcl
^l'unnt. und im Vordergrunde auf einen Teich mit
Jn die Vorderseite der Brüstung ist eiu

^chwanen

lend Holz umrahmtes Hochrelief mit zwei tan-

. ocn Genien eingelassen. Ganz rechts sieht

man ernen

. von einer röthen Saminetgardine, dic III schwcren
Tulten auf die Console herabfällt. Au der vorderen
lhrer oberen Platte liest man: 'I'I'I'I^XVK^ 1.

Se,te

tzild, ^uolv Bronzino ist der Maler dcs dritten
deai tz' Portraits Sinione Martelli's. Es fchlt in
tzd r ulaloge seiner Bilder, den Meyer's Künstlcrlepikon

I. S.

499 ff. enthält. Der junge Mann, mit

schwarzcm Tuchwammö und schwarzcn, mil Allas ge-
schlitzten, cng anlicgendcn Beinklcidern angethan, sitzt
im Hofe eincs Palastes auf einer Holzbank rcchts von
eincm Tische, dessen röthliche Marmvrplatte mit eincr
grüncn, halb zurückgeschlagcnen Dccke belegt ist. Die
rechle Hand legt dcr Jüngling auf eine aufgcschlagene
Handschrift der Jlias. Dic Schriftzüge, die uicht dem
Dargestellten, sondern dcm Beschauer zugckchrt sind,
sind vom Künstler mit cincr svlchen Dcutlichkeit und
Sorgfalt nachgebildet, daß nian jcdes Wort lcscn kann.
Bcim Beginn des ncunten Gesanges schcint Simone
seine Lectüre unterbrochen zu habcn. Nebcn der Jlias
liegt cin Birgil in blauem Einband. Mit der linkcn
Hand stützt er cin drittcs Buch auf seinc Knie. Die
Jnschrift zeigt, daß cs ein Werk des P. Bcmbo ist.
Das Haupt des jungcn Mannes ist mit eineni schwar-
zen Barett bedeckt. An der vordcren Kante des Tischcs
liest man die Inschrift: LL0X20. lOOLLXI'IXO.
Hinsichtlich des Adels der Auffassung, dcr Neinhcit
der Zeichnung und der Delikatesse der Fvrmengcbung
wetteifert dieses Bildniß mit den besten Portraits Bron-
zino's in dcn Ufsizien und im Palazzo Pitti.

Jm Laufe der letzten Iahre ist einc Anzahl von
Gemälden angekauft wordcn, die bei der gcgenwärtig im
Gange befindlichen Nenordnung der Galeric cinrangirt
worden sind. Das demnächst bevorstehende lang crwar-
tetc Erschcinen eines neuen Katalogs wird Gclegenheit
bieten, auf die hervorragendstcn dieser neucn Erwerbuugen
zurückzukommen. Jm westlichen Flügel der Galcrie ist
kürzlich auch cin gcräumigcr Obcrlichtsaal eingerichtet
worden, in welchem die Hauptbilder dcr flamändischeu
nnd holländischcn Schulc bei sehr günstigcr Beleuchtung
Aufnahme gefundcn habcn.

Die Sammlnng von Abgüsscn plastischcr Werkc
dcr Ncnaissance hat in jüngster Zeit cbcnfalls schr in-
teressante Bereicherungcn erfahren. Darunter stehen

obcnan die Abgüssc der Reitcrstatncn dcs Gattamelata
von Donatcllo und dcs Colleoni von Verrocchio, die
ersten, die überhaupt nach Deutschland gekoinmen sind.
Die deutschc Negicrung hat vor einiger Zcit mit der
italienischen ein Abkommcn dahin getroffcn, daß ihr eine
Abformung dcr hervorragendsten Werke in italicnischeni
Besitze gestattet wcrde. Die beiden bcrühmten Bild-
wcrkc sind nun in Folge diescs Abkommcns abgcformt
I worden. Leidcr gcstatten dic bcschränkten Näumlichkeiten
unseres GhpSmiiscums nicht eine dcrartige Aufstellung
der beiden Kolosse, daß man sich einen annäherndcn Be-
griff von ihrer Wirkung an Ort und Stelle machen kann.
_ X. L.

Aunstliteratur.

Hiiths FonncnschM; dcr Ncnaissancc",
desscn erstes Heft semer Zeit auch m diesen Blättern anae-
zeigt niorden ist, ist jetzt der erste Band nnt tO Hcftcn,
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