Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Dio Todesbilder in Chur.

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marck vmb, vnnd suchtcn die seyl, auch dic, so es gethan
hetten. Inn derselbigcn weilen waren die Studcnten,
in des Goldschniids hauß, wider heym kommen. Da
er das vermercket, name er vrlaub vonn dcn Scharwäch-
tern, gicnge heym, sie danckten jym vleissig das er so
guten ernst, mit jnen gebrauchct hctte, hetten sic dic
rechtc warheit gcwnßt, würdcn sich ohne zwcyucl anders
gegen jhme gehalten, vnnd den armen Judas anff der
borkirchcn jhm gcsungcn haben. —

Augsburg. A. F. Butsch.

Die Todesbilder in (Lhur.

(Schluß.)

Anf Tafel II sind durch das Zusammendrängen
bei dem Papst- und Kaiserbild cinige Nebcnsiguren weg-
gefallen; bcide haben cinen gemcinsamen landschaftlichcn
Hintcrgrnnd erhalten. Beim Papst sind, wie wir sahcn,
zunächst die Teufel wcggcblicben. Dcr Tod im Holz-
schnitt stützt sich auf einen Krückstock und höhnt dadurch
den greisen Kirchcnfürsten, indem er ihn fortschleppt.
Diese Feinheit hat der Nachahmer nicht verstanden, er
läßt den Stock fort und giebt dem Tod cine Sanduhr
in die erhobene Hand. Jm Holzschnitt steht hinter dem
Cardinal ein Gerippc mit Hnt nnd Kreuzcsstab, das
dessen Haltung äfft. Anders im Wandbilde; da das selb-
ständigc Cardinalsbild ausfiel, mnß hier cin dramatisch
bcwegtes Gerippc dcn Cardinal packcn. Vögclin ergeht
sich in dcm Ausruf, wic sehr dies dcm Gerippc anf
dem Holzschnitt überlcgcn sei. Zu diescr snbjektiven
Mcinung komnit er durch den Jrrthum, ein dramati-
sches Motiv da verlangen zu wollen, wo es ungehvrig
wärc. Holbein empfand klar genug, um nie die Ein-
heit der Handlung zu störcn. Kam neben dem einen
agireuden Gerippe in einer Scene ein zweites vor, so
trat dies immer nur musicirend, vortanzend oder äffend
auf, wie hier.

Bei dem Kaiserbilde ist der Tod, der auf die
Krone des Kaisers drückt, etwas hcrabgerückt, weil obcn
nicht Platz ist. Aber aus dcr freien Wahl dcs Malers
ist eine andcre Abwcichung hervorgegangen. Auf dem
Holzschnitt trägt der Kaiser die Züge Maximilian's, im
Wandbilde unverkcnnbar die Züge Karl's V., im Profil,
mit dcr charakteristischen Habsburger Untcrlippe, dem stark
vorgeschobenen Kinn, offcnbar aus den vierziger Jahren
und nach ciner Münze oder Medaille gcarbeitet. Diescr
Umstand allein hätte hinreichen kvunen, um Vögelin's
Auffassung abzuschneidcn. Daß er denselben nicht wahr-
genommen hat, ist fast unbegreiflich, da cr ganz richtig
angibt, daß in dcr Figur dcs Kaisers sich das Wand-
bild und die Kölner Kopie (l555) begcgncn, und da
bereits Matzmann in dem Kaiser der Kölner Nachschnitte
Karl V. erkannt hatte. Und mm haltc man sich vor

Augen, daß auch im Weglassen der Teuscl beim Pap>>
späte Kölner Ausgabc mit den Wandgemälden Z»'
lanimcntrifft. Beide Werke habcn in so fern nichts»"t-
emander zu thun, als jedcs selbständig aus Holbcin's

^ngmalansgabe gcschöpft ist; aber zu diesen zwci Acndcn

u-'gcn fuhrte sie dic Wandlung dcr Zeit und dcr Vcr-

hältnisse. Als Holbcin zeichnete, war Karl V- »o^ c

ß

behiclt

st-ng und zu wenig volksthümlich; der Maler
das wurdevolle Bild des theuren Kaisers Max bci.
-e a'cr trat die regiercnde Majcstät an dic Stcllc.

^utlich verkündigt das Bild dcs Königsd"'
a e »äitjtehnng. Dem Naum über der Thüre zuliel^
. . "u Breitbild verwandelt, dabei mnßten bcidcr-
eits F.guren zugesetzt werdcn, nnd sie zeigen nicht »>»'
>-wacherc Haltung, sondcrn auch eine von den sonstigc»
10 unien dcr Todesbilder abweichende Tracht: ze-'
-mttene Oberschenkelhoscn, kurzen Schultcrmantel, dcr

Jahrhuu

derts

S-

allerchn^

153b

etwa in dcn vierziger Iahren des 16.
aufkommenden Mode entsprechend. Man vcrgleichc z
Stiche von Aldcgrever. Außerdem ist cin Türke bcigc-
fugt. Der König war bcr König von Frankrc'ch'
Holbein hatte ihm die Züge Franz I. gegeben, auf du»
Wandbilde ist das nicht mehr kenntlich, abcr auch b'»
schinückcn Lilien den Baldachin. Den Tnrken zur Sci"
des Königs känn man auf das Bündniß des
lichsten Königs mit den Osmanen deuten,
hervortrat, 1541 und 1542 zu einem erneucrten sr»",
zösisch-osmanischen Kricge wider den Kaiser sührtc, -
dcm dicser Skändal durch die Lossagung Franz' ^
iZriedcn von Crespy (14. Septcmber 1544) sciu
fand. Hicr, wo er dem Format zuliebe ganz frcic Z"
sätze zu machen hatte, verräth sich der Nachahnicr »"
laßt nun keincn Zweifel übcr dcssen Zeit. Bögcll"'
der iu seiner erstcn Publikation in dem Königsbildc U>>'
Hanptstütze für seine Bchauptnng gefunden »nd a")'b-
führt hatte, als Brcitbild müsse die Königsscene »sst"
bar erfnnden scin, hat sich jetzt freilich der Wahrucb'
mnng nicht entziehen können, daß die Zuthatcn sp»''
sind, hilft sich aber durch die Annahme, dies einc Lä'
sei später als alle übrigen angebracht, dic Thiiru-iu'"^
mung unter ihm sei erst eine nachträglichc Aciidcr>'">!
und habe zu ciner Erneuerung dcs Bildcs gcs»^,'
Dennoch habe im Uebrigen das Wandbild, „wcun a» >
»ur in zweiter Hand, die nrsprüngliche Kompositio»
wahrt", dcr Holzschnitt aber cnthalte keine vollstäntE
Komposition, sondcrn nur dcn Theil eincr solchc»'

Lestehe kein Gleichgewicht zwischen den Gruppcn

(Pöge-

lin verlangt einc rein mcchanische Symmetrie!) »- 1-'
So zieht er gerade hieraus dcn Schluß, dic Bcar ^

the"

tung der Todcsbilder für den Holzschnitt sci »ur
weise Holbein's Werk. g

Die Wandbilder in Chur sind die Arbeit c> ^
geschickten Schweizer Malers, der unter guter S.
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