Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Eiseiimenger's Theatervorhang für Augsburg.

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«mm Normalkohf dmch starke Betonung fe emes Oe-

sichtstheils in der Weise Lionardo da "

worden sind, halte ich ebenfalls für keme Arbci e

Mcisters. Dic Art nnd Weise der Federfuhrung s ,

">ir stir Diirer zu roh und ungeschlacht. Sle^erttmcr

cher an Sebald Beham, in desscn Lehrbuch dcr er

Aorinalkops übrigens ganz gcnau wie auf der 2"'

vorkommt. Eine ähuliche Karikaturenre.he s'"d-t 'UY

"us der Rückseite einer Silberstistzcichnung des H

Baldnnz Grien in der Hausmann'schen Sainmluug.

-bnifalls dem königlichcn Kupferstichkabmet Uc

w°rden ist. Hier ist der physioguoiuische ^ '

K°i>se mit größter Fcinheit uud Schärfe wiedcrg gc ^

Dagegen erscheiut die angcblich Dürer'sche Arbeit plump
uiid

flach.

Unter

eines, dem em altes, nicht nachweisbarcs tü-iigina zu
Grnnde liegt. Es trägt die Jahreszahl 1523 uuv zcig

den sicher unechten Blättern besindet sich

e>n

iiur

noch mit wenigen Fleischrcsten be-ttttcs ^
bem das rechte Bein und der K°pf fehlt, " 3 l ,
ber Naturwahrheit dargcstellt. Der Katatog rc
bas Jinhos'sche Jnventar, in welchcm em ...
udes Albrecht Dürer's Schweer Contrafäct a er
'ag schon in, grab gelegcn von wasscrfarb,

"usgesührt wird. Merkwürdiger Weise stimmt das Datu
ber Kopie mit dcm Todestage Hans Frcy o,

" 1523 starb. Jndessen ist eine derartige

schsi^' Une six das Aquarcll iu graueiierrcgender Weise

im

K "" eiuem Leichuam, der nur „etliche tag
"'ube getegcn, nicht anzuuehmen. Das Original ver-
uukt seine Entstehung jedenfalls ver bekannten Rcigung
^'üers für Kuriosilälcn jeglicher Art.

Die Saminlung von Dürerzeichnungen in Berlin
U't durch diescn Ankanf, dcn ich nur kurz charaklerisirt
^be, da die Zeichnungen zum Theile bereits publicirt,
größten Theile jedenfalls allgemein bekannl siud,
"""" so werthvollen Zuwachs erhaklcn, daß sie fortan
bedcutendste Dürersammlung nach der Albertina ge-
"""i't werden niuß. D..

's Theatervorhang für Augsburg.

E'seninenger

Bvr Kurzem ist im Atelier des Prof. August Eisen-
^ ^"3er in der Wiener Kuustakademie der große Vor-
"ullendet worden, welchen dcr geschätzte Künstler
das neue Stadttheater zu Augsburg angeferligt hat.
der beispiellos raschen Bewältigung dcr riesigen
^ 3vbe .— der Vorhang, welcher sammt der Bordüre
keter breit und 10,75 Metcr hoch ist, wurde nach
l/v Aquarellskizze des Meisters ohne vor-

"s'öe Anfertigung von Kartons in etwa drei Mouaten
- 'üestellt— jst die Ausführung cine durchaus gediegene,
" baß gegenwärtig, von der Wiener imd Berliner Hof-

oper abgesehen, kein Theater in Deutschland sich eines
gleich werthvollen künstlerischen Schmuckcs rühnien känn.
Die Disposition des Ganzen ist derart gctroffen, daß
sich an ein, von einem schwarzen, goldvcrzierten Streifen
eingerahmtes, 8,75 Meter breitcs und 6,50 Meter hohes
Mittelbild, ringsilin 1,25 Meter breite Bordüren schlicßen.
Das Mittelbild soll uns die Fabeldichtung als Ans-
gangspunkt der erzählenden und dramatischen Kunst, die
Fabel als Urzclle des Dramas, zeigcn, und dicscn sinnigcn
Gedanken hat Eisemneiiger, bckanntlich einer der hcrvor-
ragendstcn Schüler Rahl's, mit jenem feincn Form-
gcfühl und jencr glücklichcn Nachempsindnng dcs hellcni-
schen Kulturlebens zu gestalten vcrstandcn, wclche seincn
verstorbenen Lehrer so sehr auszeichncte. Jn der natür-
! lichsten, der Wirklichkeit entsprcchendsten Wcise ist der
volkversammelnde Wasserqucll— uPraron —

zum räunilichcn, Acsop, dcr erste und berühmtcste aller
Fabcldichter, zum geistigen Mitselpunkte des Bildes ge-
schaffen worden. Mittcn in einer bcrgigen Landschaft,
unter dcm vollbelaubten, weithin schattendcn Gipfcl eincr
uiächtigen Eiche, hart am Wege, der vom Gebirge herab-
führt, steht ein prächtiger Steinbrunncu, welchcr so recht
beschaffen ist, den niüdcn Wanderer nicht minder anzu-
ziehen, als dcn müssigen Neuigkeitskrämcr. Den eigent-
lichcn Brnnncn bildet ein massiger, aus Qnadern ge-
fügter Block, tii welchen cinc Bronzegruppe, die Amor
auf einem Delphin reitend darstellt, zicrlich eingcsetzt
ist; aus dcm Mnnde des poetischen Symbvls dcs feuchten
Elcmentes fällt der klare Quell in eine rothe Marmor-
schale nieder und strömt, überfließcnd, in ein weites,
wohlgerundetes Wasserbeckcn, das in's Erdreich selbst
eingemauert ist. Vom Wege her führen mehrere Absätze
zum Wasserspicgel, so daß ein Borbild der amphithea-
tralischcn Anordnnng des Zuhörcr-Raumes sich von sclbst
ergibt. Auf der breiten Steinplattc, die dcn Brunncn
bekrönt, sitzt, dic ganze Uingebung beherrschend, der Er-
zählcr; der Künstler hat ihm die geistvollen, kräftigen Züge
Rahl's, der bekanntlich nicht bloß am Malen, sondern
auch am Fabuliren und Dociren seine Lust hatte, pietät-
voll geliehen und dic Figur in eine Stcllung gebracht,
daß man den wcnig beglanbigtcn Buckcl Acsops nicht
zu sehcn bckommt. Die volle Aufincrksainkeit des Be-
schauers wendet sich sofort bcni Dichter zu, dcr mit
klugcm Blick scinc Zuhörerschaft niustcrt, mn dcn Ein-
druck der Erzählung zu crmessen; denn offenbar ist er
schon bei der Moral scincr Fabcl angclangt. Wir er-
sehen dies nicht bloß aus dem Ausbrucke der höchsten
Spannung in allcn Gesichtern, sondern auch an dem
überlegenen und verständnißvollen Lächeln der Kenner
welche die Pointe bereits errathen haben und an der
Bcwcgung der Enthusiasten, die nüt weit erhobenen
HLnden athemlos lauschen, um nach dem letzten Worle
des Dichters dankbar Beifall zu klatschen. Die Anord-
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