Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Ku»stliteratur.

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ebrncn Flächen beschäftigeii, das ziveite mit den
^'ütfclfvriiiigen Kvrpcrn, Säulen uiid Pfeilcrn vcrschie-
"»cr Art u. s. w. Das dritte Bnch endlich svll dcn
l'cispettivischen Bcrkiirznngcn des Kapitäls, der Bascn,
tuenschlichcn Hanptcs n. s. w. gewidniet scin. Jcdcin
^uizclnen Bnche gcht einc knrze Einlcitnng Vvrans; nnr
"»c zuni drittcn Bnchc, tvvrin dic schwierigstcn Prvblenie
llcitcllt Iverdcn, ist anSfiihrlichcr; ljicr sagt er anch, wie
cc cS „iir deshalb nnternvninien habc, dicsc Biicher
niedcrznschrciben, nni durch Bclchrnng dcr Kiinstler,
wclche diescr Diuge »nknndig sind, dic Knnst seincr Zeit
w uchnireicherc Bahncn zn lenken. — Dcr Gang der
Warstcllnng ist sv, daß Picrv das zn lvscnde pcrspek-
wische Prvblein in knrzcn Wvrten präeisirt nnd dann
"c l'vsnng dcsselbcn in svrgsain dnrchgefiihrtcr Zeich-
'""P mit Bnchstabcndcinvnstrativn fvlgen läßt.

Dvch nicht nin „zicnilich allgenicin gehaltcnc
Ouindregeln" handclt cs sich darin, ivie Harzcn incint,
wndcrn znmcist nin dic Lvsung ganz bcstininitcr Ans-
gaben — nanicntlich im 2. nnd 3. Bnchc. Z. B. anf
"»ei» Perspcktivisch verjiingten Plan ist cin Brnnnen vvn
I^chs (pcrspektivisch vcrsiingtcn) Seitcn zu zcichncn, zu
ü'clchen Stnfen hinanfiihrcn, ivclche in richtigeniVcrhält-
>us; Pcrspcktivisch vcrkiirzt sind (Kap. XXXVIII). Odcr
'ws eincin pcrspcktivisch vcrjiingtcn Plan ist in richtigcni
^cihältniß ein achtscitigcr Dempcl zn zeichncn (X6);
ssci, vvn cincni gegebcnen Pnnkte ans ist cin in bc-
ÜMiintcr Distanz anfgestclltcs Kapitäl in richtigem
, "hältniß zn verkiirzcn n. s. w. — Dic Zahl dcr gc-
o ten Prvbleine beträgt fiinfzig nnd zwar eutfallen
üü anf das erfte Buch, 12 auf das zivcitc und 8 anf
'as dritte. Bei Lesnng nnd Lösnng der Prvblcme stannt
dcn anßerordentlichen Fvrtschritt, ivelche dic
u»cnschaft der Perspcktive in dcr knrzen Spanne Zcit
"ucs halbcn Jahrhunderts, d. h. seit Erscheincn Vvn
" /'crti'S Traktat ckskln pittnrn (1435) gemacht, wo-
c> cinzig Enklid dcm glcich schvpfcrischen ivic griiblcri-
Ichci, Gojst der Zcit als Fiihrer gcdient hattc; nnd es ist
a»m zu sagen, welche Fvrdcrnng das Vcrständniß der
^»»itanschannng und des ivisscnschaftlichen Elemcntes in '
Knnstübung jcncr Zcit dnrch dic Pnblikativn dieses
^'aktates erhielt. Sicherlich abcr kvnnte cine iviirdige
fruchtbringcndc Lvsnng dicscr Anfgabe nnr dnrch die
»cmeinsanie Kraft und das gcincinsamc Wisscn des Hi-
»vrikcrs, des Mathcmatikers nnd dcs praktischen Künst-
f>s erzielt wcrdcn. — Schlicßlich habc ich nvch mit
^ȟgen Wvrten der Anklage zn gedenken, ivclche Vasari
»cgci, Luca Pacivli gerichtct. Anf Grnndlage dcs Vcr-
? cich's von Pacivli's Schriften mit Picro's Traktat
»>s Bvjsi „nd Harzen zu dcm Rcsnltat gekommcn,

»» Fra Luca Pacivli Vvn dcr Schuld dcs Plagiat's
^usprechen, der „langjährige Diffamativns-Prvzcß"
c»clich Gnnstcn Pacivli's erlcdigt sci, Bcrücksichtigt

inan bivß Pierv's Drei Bücher über Perspektive, sv
hat dies scine Nichtigkcit; da abcr ivcdcr Vasari nvch
Padrc Danti ausdrücklich dies Wcrk als Quellc des
Plagiat's bezeichnen, sv darf man ivvhl dieFragc stcllcn:
ob nicht in ciner andcren Schrist dcs Picrv dic
Onclle für die AnSsage der bcidcn Ankläger zu snchen
sci. Und einc svlche Schrist existirte. Jn
dem crstcn »nd ältestcn Jnvcntar der Bibiivthek des
Fcdcricv Vvn Urbinv, angefcrtigt Vvn Fcd. Vcterani,
findet sich nnter Nv. 272 fvlgende Angabe:

Uolri UiirAonnis plotori« InboUus cks giiingiic: oor-
pvribun roAniInribii8 nck iUiistrigtniniiin ckuauiii
b'ockorioiiin ol Enickonviii lUinin. >)

Svlltc Danti nicht dicse Schrift im Ange gchabi
habcn, als cr Pacivli's Abhandlnng übcr dic regnlärc»
Kvrper Entlid's als Plagiat bezeichnete'? — Dic Bc-
antivvrtung dicscr Frage ivird crst mvglich sein, ivenn
Pierv's Bnch Vvn dcn rcgclmäßigcn Kvrpcrn iviedcr an
das Licht gcbracht scin ivird; bis jctzt habe ich darnach
vcrgeblich gcsncht.

Dvch ivic auch das siicsultat dann attsfallen nivgc:
Basari'S Anklagc ist ungerecht, iveil sic zn allgemcin
ist. Wir brauchcn nicht cinmal ans jcnc wissenschast-
lichcn Lcistniigen hinznwcisen, dic als Pacivli's cigcnstcs
Gcistcsgnt angcschcn ivcrdcn niüsscn, nin dcm z» ividcr-
sprechcn, daß cr nnr Vvm Ranbe dcr Stndicnfrüchte
Andcrcr lcbte. Wir sagcn nns blvß, cr hat als
Jüngling dic Frcnndschaft Alberti's genvsscn; cr hat
in Picro scinen Lehrer gcehrt nnd er ivar cin Vcr-
tranter Livnardv's: durch nichts Andercs abcr gcwinnt
nian dic Frcnndschaft der Grvßen nnd Tüchtigcn als
dnrch cigene Grvße nnd cigcne Tüchtigkcit.

Hubcrt Janitschck.

Amistliteratur.

Muitcr nltdcntschcr Lcinciistickcrci, gcsainmclt vvn Julins
Lessing. Bcrlin, F, Lippcrhcide. 1878. 13 Tasf.
nnd 16 S. Text. 4.

ss Diescs Wcrk schließt sich den mannichsaltigcn
in nenerer Zeit cntstandcnen Pnblikativncn an, ivclchc
dcn Ziveck haben, dnrch Vcrbrcitnng der besten Vvr-
bilder alter Zeit das mvderne Kunstgeiverbe ncn zn
beleben. Es enthält kcineswcgs Wicderabdrücke altcr
Mnsterbüchcr, ivic die im llcbrigcn sehr vcrdienstlichen
ncncn Auflagcn Vvn Sibmachcr nnd anderen ältcrn
Büchcrn; die Mnstcr sind viclmehr aus den bcstcn
Originalarbeitcn frühcrer Zeit ansgcwählt, zum Theil
auch Darstcllnngcn auS altcn Gcmälden entlehnt, nnd

t) 6iornulo storieo cksFli Xrebivi 'lpüeuni, toin. VII.
puA- 5S.
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