Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Ein Besuch bei dem venezimüschen Marnwr- nnd Holzbildner Panciera-Besarel.

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Seine Hermen am Otto-Heinrichsbau sind dic bestcn
Beweisc dafür, und auf den erstcn Blick zeigt sich, daß
s>e in Holzausführung an jedcm Miibel verwendbar und
wahrscheinlich besser am Platze wären als in Steinaus-
fühning an der Hcidelbcrger Fayadc. Wenn in so weit
Theil der Mängel auf Rechnung des Meisters zn
verzeichnen ist, so sind die Gescllcn mit dcm anderen
Thcil zu belastcn. Lübke hat zum Beweis, daß dic
Ausführung durch dentsche Hände geschehen, auf die
zahlreichen an der Faxade vorfindlichen Steinmetzzeichcn
bcrwiescn (a. a7 O. S. 311). Es ist wohl nicht übcr-
flüssig zu bemerken, daß diese Zeichen sich geradc an
fkulptirlen Werkstücken vorfinden und vermöge ihrer
Sunzen Bildung auf deutsche Gesellcn schlicßen lassen;
^fv lag nicht blos die gewöhnliche Steinhaucrarbeit,
scndern auch dic Ausführung des architcktonischcn
Schiuuckes in ihren Händen. Nun war abcr die ganze
düchtung, in welchcr sich der Otto-Heinrichsban bcwcgt,
für unsere Kunsthandwcrker noch ziemlich ncn und wenn
^uch einzelne hervorragcnde Kräste dic antikisirendcn
üvrincn niit vollcm Vcrständniß beherrschten, so kann
°'cs keineswegs von dem Handwcrk im Ganzen gesagt
U'crden; im Gegenthcil schcn wir gerade svlche hand-
ü'erkliche Kräfte oft auf dic tief cingclebtcn Formen dcr
l^othik zurückgreifen, wo immer sic dazu die Freiheit
huben. So scheint dic eigenthümliche Durchführnng der
Uschttektonischen Ausschmückung am Otto-HeinrichSbau
l'ch erklären zu lassen. Colins' Mcistcrschaft lag offenbar
einer düftelndcn Ausführung im Kleinen und außer-
°u> übte die Erinnernng an flämische Holzmöbel auf
'loinposition wie Durchbildung seines Ornameuts ein
"ugünstiges Uebergewicht aus; — scine helfendcn Kräfte
'uuren aber weder gcwähltc Kunsthandwerker, noch auch
^u deni Charakter des Ornamcnts gcnügend cingclebt.
^uher die cigcnthümliche Trockenheit und Derbheit nebcn
ätzwrtcn Motiven, wclche dcr Stcinarchitektur frcmd sind.

^ drängt sjch dabei der Gcdanke auf, ob uicht etwa
Meister,

Lin Bcsuch bei dem vcnetianischcn Btarmor- und
Holzbildner jDancicra-Besarcl.

Zi. /-i---, wclcher die „Visirung" entwvrfen, übcr-
ob^usführung in Marmor vorgeschwebt, oder
sich^ wenigstens bei scincr Arbeit an Vorbildcr
r>id/"""^' Mcmuor ausgeführt waren. Ge-

hteiü ^ Zicrlichkeit dcr Anlage und der ausgesuchle
des Dctails, welchcr dabei nic in üppige
orsch^' fuudern stets in der maßvollsteu Verwcudung
»iit uuwillkürlich zu dcr Veriuuthuiig, daß

»on ^"^uuuien dcr italienischcn Renaissaucc auch das

Ent-

' dersclbcu verwcndetc edlc Material auf dcn

U-»rf der

8m,'-ade cinen tiefgehendcn Einfluß gcübt habe.
(Schluß folgt.)

Jn cinem kürzlich erschienenen Werk über die Ent-
wickelungSgeschichte der Holzschnitzcrci sagt der Vcrfasscr,
Graf Finochietti, im Hinblick auf die allgemeineu Kultur-
zustände des hcutigen Italicns: „Die Liebe zum Dolce-
Farniente ist cin Vorwurf, den der Frcmde von jeher
dcm Jtaliener in's Gesicht zu schlcudcrn liebtc; dcrsclbe
war nicht inimer unbegründet." — Und: „Es sei bcsser,
unsere Schwächen zu gestehcn, als mit Tugcnden prahlen
wollen, dic wir nicht bcsitzcn" sagen Viele Ler Unsrigcn.
Wir antwortcn ihnen: „Richtiger schcint es uns, nicht
zu gcstatten, daß man in dieser Behauptung zu wcit
gehe. Wenn die gcrügtc Thatenlosigkeit uns auch zu
Zeitcu bcherrscht hat, so trifft die Behauptung doch
heute nicht mehr zu." — So mancher durch eigene Be-
obachtung gcwoiincne Einblick in das wissenschaftliche
und künstlcrische Lcben Ztalicns veranlaßt mich, in folgen-
der Skizze einen Bcleg für dic Berechtigung der Bc-
hauptung zu liefern, mit welcher der ebcn erwähnte
Autor cincr allgcmein vcrbreiteten Unterschätzung der
Lcistungskraft des hcutigcn Jtalicns, bcsonders in Bczug
auf scinc künstlerische Thätigkeit, entgegcntritt.

Dcr Name des Manncs, der scinc zierlich schvncn
Produkte seit dcr Ausstellung des Jahres 1873 an allcr
Welt Enden vcrscndet, dürfte mancheni mcincr Lcser nicht
unbekannt scin. Um so mchr hoffe ich, daß niein Be-
such im Atelier Valentin Pancicra's (gcnannt „il Besarcl")
auf ciniges Jntcresse wird rcchncn dürfcn.

Jch wähle zu meiner Atclicrschau cine möglichst frühe
Morgenstundc, da ich sicher scin will, dcn Meistcr nicht
schon durch Frcmdcnbcsuch occupirt zu finden. Jm Nu
hat eincr dcr schwarzen Mecrcspfcilc, dic dcn Ponte di
Ferrv umlagern, mich über den Kanal zu dem Palazzo
am jcnseitigen Ufer getragcn, den Bcsarcl's Werkstatt
einnimmt.

Ein kleiner schlichter Mann, von jcnem cigcnthüm-
lichcn Kopfthpus, dcr eine charaktcristische Erscheinuug
Bcnedigö und dcs Friaul ist, von dem jüdischcn schwer
zn nnterschcideu: blondcs gekränscltes Haar, dunkle Augcn
von intcnsivcm, in's Rothc fallciidcm Brann — so tritt
Bcsarcl mir cntgcgcn, heißt mich mit eincm biedern
Druck seiner Rcchteu willkommen, und fordcrt mich auf,
in seincm Studio mich nmziisehn. Das ist nicht so
lcicht gethan bei der großen Anzahl einer eingehenden
Beobachtung nnd Prüfnng wcrther Gcgenständc, mit
denen vicr grvße Sälc angefüllt sind.

Der Künstler, der mein Bcdenken verstanden zu
habcn scheint, tritt mit den Worten: „Loeo 11 mw
xrimo lnvoro" frcundlich auf mich zu, „6 n riti-rrtto
äol puäro o innostro inlo." Es ist eine Portraitbüste
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