Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Nokrolog.

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tradition stand. Einige haben stark gclitten, manche sind
stellenweise übergangen, aber noch erkennt man die flotte
Behandlung, die Sicherheit im Erzielen dekorativer
Wirknng, das Geschick in der Vergrößerung der kleincn
^orlagen, wie in der Wiedergabc der Kostnme, der
landschaftlichcn Hintergründe, in denen vieles von den
^orbildern abweicht. Daß dabei auch manche Feinheit
Holbein's verlorcn ging, kann nns nicht wundern. Meist
^ber hat der Maler auch bei Aendcrungen sich im All-
gemeinen dem Holbein'schen Charakter glücklich anbe-
guenit. Nur sind die Köpfe überall stumpfer als auf
Holzschnitten. Wo der Maler einmal Holbein nicht
brauchcn konnte, machte er sich cin geläusiges Motiv
Dürer's zurecht. Die geänderten Bedingungen führten
'Ur Unterdrückung der von der Reformation inspirirten
Satire.

Die Zeit, in welcher die Nachbildungcn entstanden
stnd, läßt sich zicmlich genau nachweisen; allc Auzeichcn
stininien dahin Lberein, daß sie in die Jahre zwischen
lö42 und 1544 fallen. Daß die Ausgabe dcr Todcs-
b'lder von 1542 bcnutzt worden, setzt die Grenze nach
^r einen Seitc; nach der andern wird sie durch den
^rrinin des Friedens von Crespy bestimmt. Das
^lldniß Kaiser Karl's, die frei erfundenen Kostümfigurcn
auf dem Königsbild stimmcn dazu. Dazu ergibt sich
bics historisch als höchst wahrscheinlich. Seit 1525 war
bcr Bischof Paul Ziegler, nachdem er vor der Reforma-
l'°n geflohen, von seincm Sitze Chur abwcscnd Lis zu
stnicm Todc am 25. August 154l. Damals kann im
b'schöflichen Palast nichts gemalt wordcn sein. Danach
ü'ard aber Bischof Lucius (ch 1548) zum Wiederhersteller
bcs Bisthums. Jhn preisen gleichzeitige Dichtungen
Freund der Kunst (Iluno äsoorunt urtos ot ckootu.
^niorvu u. s. w.), sie feiern zugleich die Prächtigere
^crstellung des Bischofspalastes (^.rx .

ioo-

splsnäickn

1,^^ inotn nm^is, fubrioisgno uckoo oxornntn snpor-
H > aocknli ut in nnllu 8it purto Inboribn^ iinpnr. . . .
nckuotn vickos Loinnnu xulutia onoto).

. "ils der Biograph Holbein's wollte ich einer an-
jii.' ^ntdecküng ncuer Holbein'scher Originale gegcn-
sj'" '"cine abweichendc Ansicht nicht zurückhalten. Man
en ss', liegt klar und eiufach, und cs fehlt jeder

ich 4 ^'llaß zu der Behauptung Vögelin's. Weiter will
^ i-»i aber uicht auf den gewuudencn Pfaden seiner
U,"^iöführung folgen. Vögelin verfährt nicht flüchtig
L...„ cn Darlegnngen, im Gegentheil, er bringt eine

lich

^vn Material Lei und scheint im Einzelncn pein-

a,w knüpft "ber dabei einen Trugschluß an dcn
. ""b> erfüllt nicht sein am Eiugang der Schrift

^cvspvechen, daß er den Tharbestand unv die
. i'llse, zu denen er durch diesen geführt werde, aus-
ander halten wolle. Er geht vielmehr von vorn-
"» mit vorgcfaßter Meinung an die Vergleichung s

zwischcn Wandbildern und Holzschnitten. Man bedauert
die Mühe und Arbeit, die hier vergeblich aufgewendet
worden, und fragt sich, wie es möglich war, daß bei so
scharfem Eingchen auf jebes Detail ihm keiue Selbst-
kritik, kein Bedenken kam. Hat ihn dcr Lokalpatriotis-
mus zu dieser Selbsttäuschung geführt, dic Zustimmung
von Seitcn dcs Lokalpatriotisiuus ihn bestärki? Der
Baseler Bürger Holbein mußte in die Frcmde ziehen,
weil er daheim keine Nahrung fand. Jn der Schweiz
ist nur wcnig von ihm übrig, allc seine dortigen Werkc
der Wandmalerei sind untergegaugen, zum Theil uiuth-
willig zerstört worden. Doch während nun Vögelin
uns zum Ersatz dafür mit cinem unbekannten Werke
Holbcin's beschenken will, das uicht echt ist, gibt er sich
alle Mühe, seincrseits ein echtcs Meisterwerk Holbein's
zu zerstörcn, das längst unser Eigenthnm, unscr Schatz
ist: die Holzschnittfolge der Todesbildcr. Jahrhunderte
habcn in dieser unvcrgleichlichen Schöpfung die neue
Auffassung eines alten Stoffs aus besonderer Zcit-
stimniung heraus, die organische, planvollc Entwicklung
des ganzen Cyklus, die volleudete Zeichnuug beim klcin-
sten Maßstabe bewundert, dazu die vorzüglichc Ausfüh-
rung im Holzschnitt, wenn auch einzelne Blätter in
dicscr Beziehuug uicht auf der Höhe der übrigen stehen
und gewiß, wie bei jeder Reproduktion, die Jntention
des Künstlers nicht iiumer vollständig erreicht war. Es
kann nicht bezwcifelt werden, daß Holbcin alle Komposi-
tionen selbst auf dcu Holzstock gczeichnct. Vögclin aber
hat das Verständniß für dicse Kuiistschöpfuiig in sich
erstickt, gibt das, was ihre Seele ist, für gclegcntlichc
Zuthat aus, mäkelt an ihren Einzelhcitcn, will uns nach-
weisen, wie da oder dort die „Anordnung schwach", die
Kompositioii „in widerstrebenden Raum cingezwängt",
,,gepreßt", „verschnitten", oder „verstüiumelt" sei, iiiiumt
„gestörtcs Gleichgewicht, Veruuzierung mit lcerem Bei-
werk, Ansetzuug von Flickstücken" wahr, findet das oder
jenes „ungcschickt, in der Ausführung verpfuscht." Gvcthe
hat sich unter den Sprüchen in Prosa dcn angcblich
Rembrandt'scheii Ausspruch notirt: „An niciiien Bildern
müßt ihr nicht schnuffelii." Wenn übcr die Kritik des
Einzclnen die Aufsassung des Ganzen verloren geht,
wird die kmistwissenschaftliche Methode auf den Kopf
gestellt. . Alfred Woltmann.

Nekrolog.

Ananit Hövcmcycr-i-. Jst in neucrer Zeit die monu-
»icntale Kuust, wie sie Cornelms uud dckscn Schule
geschafsm uud gcpflegt. vou der S affeleimalerei m den
Hintcrgruud gedräugt wordcn, s° hat dafur die Wand-
malerei eiueu anderu Wcg gefunvcn, um ihrc unent-
bebrlicke Eristeuz wiedcr geltend zu machcn, nämlich den
Weg der Dckoration. Wer die Schöpfungen der Cor-
iielianischm Epoche kmnt, kann darüber nicht im Zwcifel
seiu daß sie an großer Einseitigkeit litt. Mußte man
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