Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Ein Bildniß Lessing's von Anton Grasf.

lichste Original- und Hauptbildniß, auf ivelches säinmt-
liche mehr oder weniger gelungene Kopien, wie z. B.
das in der Galerie des Herrn I. M. Ziegler im Palm-
garten in Winterthur befindliche und das aus dem
Nachlasse von Matthias Claudius stammende, vvn
Herrn A. Perthes in Gotha geerbte.Gemälde zurück-
zuführen sein dürften, ist höchst wahrscheinlich das
Hamburger Exemplar.

Graff pslegte nach dem Hauptbilde berühmter
Persvnlichkeiten enttveder selbst oder auch durch seine
Schüler mit eigenhändiger Nachhilfe theils freiere theils
genaue Wiederholungen anzusertigen, und so erklärt es ^
sich, daß er, von Natur produktiv und schnellfertig im >
Maleu, in knrzer Zeit zwei ausgezeichnete Bildnisse
Lessing's geschaffen, die im Wescntlichen des geistigen
Ansdrucks übereinstimmen und nur in äußerlichen
Dingen Vvn einander abweichen. Das zuerst gemalte
und daher wichtigere Bild scheint das erwähnte Ham-
burger, das zweite, gleichfalls eine Vvrtreffliche Arbeit
Graff's, das Leipziger Porträt zu sein, welches der vor
kurzem verstorbene Bnchhändl'er Härtel besaß. Der
nur in Jsücksicht der Aehnlichkeit unvollkvmmene Kupfer-
stich vvn I. F. Bause (1772) entspricht im llebrigen
genau dem Hamburger Bilde, weicht jedvch in an sich
unerheblichen Einzelheiten der Frisur und Stickcrei von
dem Leipziger Excmplare ab, wclches treu, wenn auch
etwas verflacht, von L. Sichling reprvdueirt ist. Lange
Zeit blieb das vortreffliche Hamburger Original-Por-
trät Lessing's in weiteren Kreisen unbeachtet, bis Geh.
Rath Or. A. Soetbeer mit klarem, scharfsinnigen Ur-
theile in einem Bvrtrage'), deu tvir mit gütiger Ge-
nehmignug deS Verfassers uusereu Angabeu zu Gruude
gelegt, den Werth desselben beleuchtete nud durch
gäuzlich uuretvuchirte Phvtvgraphien aus der Werkstatt
Vvn Frl. E. Bieber und später äus dem Atelier von
Gcorg Wvlf in Hamburg znr allgemeinen Kenntniß-
nahme brachte.

Es ist ein Brustbild in Lebensgröße, jedvch vhne
Häude. Die Farbe ist srisch »nd lebendig, sowie im
Allgemeinen gnt erhalten. Kleineu, durch den Einflnß
der Sonue eutstandenen Rissen wird dnrch Rentviliren
abgehvlfen werden können. Die Höhe beträgt 56»/),
die Breite 47 Centimeter. Der Maler hat sich „icht
nur als Phpsiognom, sondern auch als Pspcholvg
erwieseu. Das Bild enthüllt ganz das Wesen des
kühuen und besonnenen, bahnbrechenden nnd klaren

1) Das in Hambnrg befindliche von Anton Graff im
September 1771 gsmalte Bildniß Gotthold Ephraim Les-
sing's. Vortrag im Hambnrger nüssenschaftlichen Verein
am 12. Februar 1808 von Adolf Soetbeer. (Als Manuscript
sür Freunde gedruckt. Nebst einer Photographie dieses
Bildes.) — Nachtragliche Notizen. Quartblatt. 2 Seiten
im Drucl.

Geistes und bestätigt durchaus den Eindrnck, welcki'»
Dr. Schiller nach Mittheilnngen aus dem Munde dtt
Stiefkinder Lessing's über dessen Persönlichkeit in eu>cr
lebenssrischen Charakteristik >) geschilderti - Der 6''
sammteindruck war wegen der harmvnischen Zusan»»cu
wirkung ein wvhlthnender. Das Schvnste an ihw u'»)
das Haupt, welches er auf dem gedrungenen Hal>c
natürlich und frei emporzurichten pstegte. Abcr
allem waltete auf dem geistvollen Antlitze von bliihc»-
der, nicht gerade rvther Gesichtsfarbe das offenc, klanr
tiefdunkelblaue Auge. Der Blick war nicht stechend^
nicht herausfordernd, aber entschieden und unbefangc»'
gleichsam ein uugetrübter Spiegel, der seinen Gegc»
stand rein und scharf auffaßt. Rascher Gedanke»st»g'
schalkhaste Grnzie nud ein herzgewinneudes Wohkwc'^''
sprühtcn auS seinem Blicke ihre siegreichen Gesch»>0'
Dieses Auge war aber von um so gewaltigerer Wu'k'
ung, als dasselbe in leuchtender Milde schon aus
ter Ferne seineu Gegeustand zu fipiren vernwchte.. -

Die Herkunft und Authcnticität des Bildcs
Vvn unserem Gewährsmanuc überzeugcnd dnrch
ausfilhrliche Dartegung der früheren äußeren
desselben bis zu seinem llrsprungc uachgewiesen.
nach war das zwischen dem 20. und 29. Septcwk»'
1771 im Sulzer'scheu Hause in Bcrlin genialtc Mw
zuerst Lesiing's Eigenthum, wnrde bald nach Ha»>k'»sO
gebracht und 1770 Eigenthum des dvrtigcn knnstsi»»^
gen Kaufmannes August Gottfried Schwab, e>»ec
jvvialeu und geistreicheu Freuudes Lessing's. 3»>

1840 erstand es der Seuatvr Pehmvller in Ha>»b»'0'

Somit gehört daö Gemälde in seiner e>gc»e>'
Gischichte der gcnaunteii Stadt an, und daher >I> »s
sv mehr der Wiinsch und die Bitte gerechtfcrtigt, dab
eö derselben zur Erinuerung an Lessiiig, der >>> H'""'
burg die heitereu und produktivcn Lebensjahrc »>'"
1767—09 zubrachte, verbleiben mvchte.

Das Bild ist scit dein 12. April d. Ä.
Kuusthalle zu Hainburg öffeutlich ausgestellt »nd s»
Z»»> Preise von 2000 Mark veräußert werden. Ebc>h
dvrt ist eiu schvn gemnltes Selbstporträt (70 Ee»l>
»'eter hvch und 56 V2 Centiiueter breit) von A'-W"
Graff zum Betrage Vvu 700 Mark t'änflich- H)'"
Arnold Ottv Aleycr in Hamburg (Griniin 15)
zu Gunsteu dcr Erben den Berkauf und erledigt bries
Uche Aufragen und Aufträge.

Weimar, 12. April 1878. Lioin-l von Don-I''

1) Hsrrig's Nrchiv für neuere Sprachen nnd Literal'"
3- Bd. 1848.
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