Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 13.1878

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Die Jahresausstellung im Wiener Künstlerhause.

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eine reiche Auswahl seiner Reisestudicn dem Publikum
zugänglich gemacht worden, welches auch eifrig von der
Gelegenheit Gebrauch machte, cine Fulle der schönsten
landschaftlichen Motive in meisterhafter Darstellung
kennen zn lernen. Da konnte man von dem agäischen ^
Meere bis an den Strand der Nvrdsee wandern und
hatte die Treue, Feinsühligkcit nnd Schärfe zu bewun-
dern, mit welchcr der Künstler oft durch die allcrein-
fachsten Mittel den dargcstelltcn Jlaturbildern gerecht
zu werden verstanden. Von den zwei Landschafts-
bildern Hoffmann's, die das Künstlerhaus enthielt,
sesselte uns insbesondere der „Urwald" durch die phan-
tasievolle Gestaltung und markige Durchführung des
Vorwurses. Der sehr begabte Wicner Landschafter E.
I. Schindler segelt immer mehr in sranzvsischcm
Fahrwasser; an poetischer Empfindnng und Phantasie-
sülle überragt er die meisten Franzosen seiner Richtung,
an technischer Bravour aber erreicht cr die wenigsten.
Ueber seiner Abend- nnd in höherem Grade noch übcr
seincr „Pratcrstudie" rnht der Zauber eincr tiefen nnd
eigcnartigen Naturempfindung; nur muß der Be-
schauer gar Vieles, was der Künstlcr nicht voll aus-
zudrücken vermochte, ergänzen, um ein vollwirkendes
Bild davonzutragen. Jmmerhin hat Schindler Be-
rechtigung, Schule zu bilden und wir schen es nicht
ungcrn, daß die talentvolle Tina Blau nnd der nicht
mindcr begabte Hugo Darnaut sich Schindlcr zum
Vorbilde nehmen; nnr sollte die Erstgcnannte, die ihre
Arbeiten seit Jahren ausstellt, jetzt schon mehr Selb-
ständigkeit an dcn Tag legen. Halauska hat ein
reizendcs Motiv „aus dem Wicner Walde" sehr an-
muthig dargestellt. Die Alpenlandschaft aus deni
Kaprunerthale von Munsch leidet untcr dcm Ein-
drucke der prächtigcn Hvchgebirgsbilder aus jener
Gegend, welchc Obermüllncr kürzlich für den Reichs-
minister Vvn Hvfmann ausgesührt hat und die jetzt in
Paris die AuSstellnng der Wiener Section dcs Alpen-
vereins zieren. Vvn Rcmi von Haanen findcn Ivir
eine sehr fein gestimmte und virtuos gemalte „hvllän-
'dische Canal-Landschaft", die sich vortheilhaft Vvn seinen
viclen fabriksmäßigen Bildern unterscheidct, welche nian
in der illcgcl zn schen bekömmt. Ednard Vvn Lichten-
fels hat im Anftrage des Fiirsten Liechtenstcin zlvei
Landschaftsbilder aus dessen Domäne Lnndenbnrg ge-
malt, dcnen Neiz dcr Stimmung nnd Virtnvsität dcr
Durchführnng gleichmäßig nachznrühmcu sind. Das
Gleiche gilt vvn dcr „Herbststimmung" Ludwig Will-
roider's, eines inMünchcn ansäßigen jungenKünstlers
aus Oesterreich, der anch die stiadirnadel gar Ivacker
sührt. Die „Lüneburger Haide" Vvn Engen Bracht
in Karlsrnhe wird dadurch, daß dcr Bialer sie mit
Franzvsen ans der Jnvasionszeit staffirt hat, weder
interessanter noch anmnthender. Gut gcstiinmt und

tnchtig diirchgeführt ist die große Abcndlandschast aus
"m ^ahnthale vvn Nvdde in Weimar.

'lnf dem Gebiete der Plastik ist bloß einc vor-

ue M aufgcfaßte, Ivirkungsvoll herausgearbeitete Portrat-

üjte von Viktor ->ilgner hervorzuhcben, dann dav
-Er-gmal-Modell eincs von Jos. Tautcnhayn iu'
c iilterreichischen Kaiscrs für die Pariß'

^ ^^"ung auSgeführten Schildcs. Aus dcinselben 'st
eer Kampf dcr Kcntauren niit den Lapithen bci der
Hochzeit des Peirithoos zur Darstellung gebracht und
w wobl erwogene, zweckinäßig disponirte Koiiipositio"
verdieiit nicht minder Anerkennnng, als die dcr Antike
gll-cklick, nachempfundene Bildung dcr Gestaltcn. Zwci
loeelle von ^tatucn, dic zum Schmnckc des nencn
-d'ener stkathhauscS bestimmt sind, beweisen lcider, daß
d-e Answahl keiiic besonders glückliche gcwcsen; als
llmtscknldignng kann das betreffende Kvmitö jcdoä'
geltend niacheii, daß das Rcsnltat der Koiikurreiiz niä't
uet trv,tlichcr ausgefaklen war, als die mcistcn ",o-
-.ernen PrcisaiiSschreibiiiigen für Arbeiten auf dcni Gc-
bwte der Plastik.

Unter den Agnarellen ragt Passini's „Bcnc-
lanyche Obstverküuferin" dnrck die sattsam bckanntcn
un,tleri,chen Qualitäten dieses Meisters der Wasscr-

- einfachcn

farbe hervor; es ist kaum möglich, einen ,o

Gcgenstaud anziehender zu gcstalten, als dics hici g'"
schchcn. Durch eine treffliche Vednte aus Nürnbc'8
und durch eine landsckaftliche Studie ist Nndolf Alt
vertreten. Jn vier Naturstndieu zeigt sich Gd. r-
Lichtenfels auch als tüchtiger Aguarcllist. E-nigr
Agnarelle ans Dalmatien vvn Perko vcrrathcn hübich'
Begabung. Grvßes Jnteresse ninimt eine Scric vi»
ötwa scchzig Agnarellcn in Anspruch, welche Edg»r
Meper, ein auö Tirol gcbiirtiger jungcr Künstlci,
seine knnstleriscke AuSbitdung der Düsseldvrfer Akadc"'»'
bcrdankt, ausgcstellt hat. Es sind dies thcilS architek-
tonische, theils landschaftliche Bcdnten aus Ztalien >"ü
llirol, welcke in gleich feincr Empfindung und tcck""
scher Meisterschaft zur Darstelluug gelaugtcn.
Künstler arbeitet seine Blätter in der Art Hildcbraiidt ^
vhue vicl zu konturircn, schreibt er das Natnrb'l^
"'it dem Pinsel breit nnd farbig hin. An Rci; dc'
Stimmung sind die Ausichten ans Vcncdig kani" st'
überbieten; die beiden Bilder ans Pästnm, daS ci"''
iu vvllem Abendlicht, das andere bei Niondschcii'bc^
lenchtung, ivirken durch grvßartige Auffassnng. Edg"'
Meyer scheint uns, nach diesen Proben scincr W-
gabung, cin bernfener N'achfolger Hildebrandt's z" sc""
»ivge er es ihm an rastlosem Streben und a" l'E'
reger Wanderlust gleichthnn! An zwei genrchastc»
Aguarellen vvn Stöckler in Wien sind die solide -rcä'
uik nnd das satte Kvlorit zu lvben; dem Snjet "»'b
können wir jedock nur d!e „Nähmädchen, die ei" Bra"t
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