Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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DERCICERONE

Hälbmonäts s chrift

FURrDIE-lNTERESS EN -DES

Kunstforschers & Sammlers

I. Jahrgang 1. Heft 1909

Kunstwissenschaft und Kunsthandel.

Ein programmatisches Vorwort.

Für die wissenschaftliche Erkenntnis des Kunsthistorikers, das heißt des forschenden
Geistes, der ebenso nach dem Verständnis einzelner künstlerischer Erscheinungen im
Leben der Vergangenheit wie nach den Zusammenhängen derselben mit der geschicht-
lichen Entwicklung selbst sucht, sind vor allem drei Dinge grundlegend: Das große
öffentliche Kunsterbe in Architektur, Plastik und Malerei, das jedem Suchenden, zumal
an Hand der immer fortschreitenden Inventarisationen, zugänglich ist, die großen
Sammlungen öffentlichen und privaten Charakters, die dem Forscher so gut wie gar-
nicht mehr verschlossen sind und zuletzt das bewegliche Gut an Schätzen alter Kunst,
die der Handel umschließt.

Wie wichtig und zugleich wie kostbar, reichhaltig, gerade das Letztere ist,
wissen alle die, die in der Nähe oder auch nur aus der Entfernung die großen
Auktionen des Jahres in London, Paris, Wien, Amsterdam, München, Berlin und
anderen Orten verfolgen. Man kann ohne Übertreibung behaupten, daß der Kunst-
handel mit seinen täglich neuen und immerzu im Fluß der Bewegung begriffenen Er-
scheinungen heute in mancher Beziehung einen der Brennpunkte unserer kunsthistorischen
Erkenntnis darstellt. Aber er erscheint vielfach noch als das stärkste Hemmnis, das sich
unserer Wissenschaft entgegenstellt. Denn einmal hat er keine Konzentration, wie sie
in gewissem Sinne ebenso die öffentlichen, an Ort und Stelle gebannten Denkmäler der
Vergangenheit, als auch die Galerien, große und kleine, darstellen, dann hütet er mit
eifersüchtigen Augen — und man begreift sehr wohl die Gründe — seine Schätze
vor den Blicken der Außenwelt. Ein psychologisches Moment spricht da vor allem
mit: Der Händler weiß genau die Entdeckerfreude des Amateurs und Sammlers zu be-
werten, weiß, daß die Heimlichkeit, das Mysterium des Besitzes auf die Lust zu er-
werben und zu besitzen am stärksten wirken. Das ist kein Vorwurf für den Kunst-
handel, im Gegenteil: gerade in unserer Wissenschaft, die so sehr auf eigenen Ent-
deckerpfaden wandelt, haben wir alle oft genug die starke Freude durchgekostet, die
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