Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Die Zerstörung Messinas

Von Hermann Voss

Die beispiellose Katastrophe, der in den letzten Tagen des verflossenen Jahres
Messina, die Warte Siziliens gegen das Festland, zum Opfer fiel, hat in der ganzen
Welt ein Echo von Entsetzen und tiefem Mitempfinden geweckt. Bei jedem war es
zunächst der Gedanke an die unerhört große Zahl vernichteter Menschenleben, der
alle anderen Empfindungen weit in den Hintergrund drängte; und was in den Tages-
blättern über den plötzlichen Abrutsch von Dörfern mit Tausenden von Bewohnern in
das Meer und ähnliche momentane Katastrophen mitgeteilt ward, mahnte an das
furchtbare Wort Giacomo Leopardis: die Natur achte den Samen des Menschen nicht
mehr als die Ameisen. — 1

Anders aber als etwa bei den Erdbeben in Mittel- und Südamerika, ist die un-
geheure Größe des Unglücks mit dem Verlust an Menschenleben und an materiellen
Werten durchaus noch nicht erschöpft. Gegenden mit alter Kultur waren es, deren
sich die Wut der Elemente diesmal bemächtigt hat; und wenn auch vorhergehende
Beben bereits beklagenswerte Lücken in ihren Besitzstand an kulturellen Gütern ge-
rissen hatten, so war doch noch genug übrig geblieben, um einen tiefen Eindruck in
denjenigen Beschauern hervorzurufen, die sich mit liebevollem Eingehen in all die
zahlreichen, aber zerstreuten Überreste vertiefen wollten.

Was von alledem der Vernichtung anheimgefallen ist, wissen wir bis jetzt noch
nicht. Allein alle Nachrichten lassen leider befürchten, daß die Einbuße diesmal eine
noch entsetzlichere gewesen ist als jene von früheren Erdbeben her. Lassen wir kurz
an uns vorüberziehen, von welchen Monumenten und Kunstwerken in Messina wir zu
besorgen haben, daß sie den vereinten Mächten des Erd- und Seebebens wie des
Feuers zum Opfer gefallen seien. Über den Dom, das bedeutendste kirchliche Gebäude
der Stadt, teilte der Telegraph bereits mit, daß er durch Einsturz des Daches in eine
Ruine verwandelt sei. Damit dürfte die Geschichte dieses ehrwürdigen, unter Roger II.
vollendeten, dann vielfach zerstörten und veränderten Baues ihr letztes, traurigstes
Stadium erreicht haben.

Vor der Domfassade steht einer der beiden prachtvollen Brunnen des Mon-
torsoli, von dem man vielleicht nicht mehr annehmen muß, daß er infolge der
Wucht der Erschütterung zusammengefallen ist, nachdem es erfreuliche Gewißheit ge-
worden ist, daß der an der Palazzata stehende Neptunbrunnen den Elementen wider-
standen hat. Dagegen hat man Grund für das Schicksal der kleinen Normannenkirche
S. Maria dei Catalani und von S. Maria Alemanna (die das Original von
Montorsolis Neptun beherbergte) zu fürchten.

Was Messina sonst an älteren Monumenten besaß, ist geringfügig; zu erwähnen
ist die 1251 gegründete, 1884 abgebrannte Kirche S. Francesco d'Assissi, die mit
großer Sorgfalt und Verständnis wiederhergestellt war, und etwa noch das riesige
Ospedale Civico vom Ende des XVI. Jahrhunderts.

Auch die Renaissance hat in Messina wenige Spuren hinterlassen; die nennens-
wertesten dekorativen und plastischen Arbeiten befinden sich im Dom, u. a. die
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