Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Hubertusburger Steingut

Von Wolfgang Roch

Zwar hatte der Hubertusburger Friede das Kurfürstentum Sachsen von unsäg-
lichen Drangsalen befreit, aber die öffentlichen wie die privaten Finanzkräfte waren
doch zu sehr erschöpft worden, um nicht noch längere Zeit in Handel und Wandel
deutliche Zeichen ihrer Schwäche merken zu lassen.

Durch Sparsamkeit und kluge Finanzpolitik suchte die Regierung die Kräfte
des Landes zu heben und so nahm sie sich mit großer Energie unter anderem auch
der Meißener Porzellanfabrik wieder an, die in den Kriegszeiten. durch verschiedene
Hände gegangen war und schwer gelitten hatte. Aber obgleich künstlerisch und
technisch bald voller Erfolg erzielt wurde, blieb dieser doch in geschäftlicher Hinsicht
aus. Das lag eben daran, daß die Bevölkerung durch den Krieg verarmt war. Wer
hatte denn damals Lust oder war auch nur in der Lage, sich Porzellan zu kaufen?
— Man sah sich nach billigerem Geschirr um und man fand es in der von aus-
wärts eingeführten Fayenceware.

Man kann bei solcher Lage der Dinge wohl annehmen, daß der Vorschlag des
Fayencetöpfers Joh. Sam. Friedrich Tännich, eine staatliche Fayencefabrik zu begründen,
der Regierung sehr gelegen kommen mußte. Aber der Prinzregent Xaver war doch
zu vorsichtig, um ohne weiteres auf den im Jahre 1768 gestellten Antrag Tännichs
einzugehen. T., wohl derselbe, der vorher in Kiel tätig gewesen war, erhielt zunächst
nur den Auftrag, Voruntersuchungen anzustellen und die Kosten ausführlich zu veran-
schlagen. Hierfür wurde ihm ein Gehalt aus der Meißener Fabrikkasse bewilligt.

Da die veranschlagte Summe zu hoch befunden und demgemäß der Antrag ab-
gelehnt wurde, erbot sich Tännich, das Unternehmen auf eigene Hand zu begründen —,
der Kurfürst könne es dann jederzeit gegen Ersatz der Kosten übernehmen. Er ver-
langte dafür Fortzahlung seines Gehaltes und die Überlassung einiger Räume in dem
Schlosse Hubertusburg. Unter diesen Bedingungen gestattete der Kurfürst am 31. Mai
1770 die Gründung der Fabrik.

Die Wahl des Ortes erklärt sich daraus, daß dem Unternehmer der in der Um-
gebung vorhandene Ton für seine Zwecke geeignet erschien. — Schon nach 1'/» Jahren
war das Lager — hauptsächlich Fayenceöfen — so groß, daß an Absatz gedacht
werden mußte, und die Zufriedenheit des Kurfürsten mit den Erzeugnissen verschaffte
der Fabrik volle Abgabenfreiheit.

Unterm 28. Januar 1774 überraschen uns die Akten3) mit der Enthüllung, daß
der energische und man kann wohl sagen selbstlose Unternehmer, der dem Lande um
jeden Preis, selbst auf eigene Gefahr die Fayencefabrik verschaffen und so dem Staate
neue Geldguellen erschließen wollte, gar nicht Tännich, sondern der Oberstallmeister

3) Deren Angaben in dem Buche „Die Fayence- und Steingutfabrik Hubertus-
burg. Ein Beitrag zur Geschichte der sächsischen Keramik von K. Berling. Dresden 1891“, ver-
arbeitet sind. Diesem Werke sind die hier wiedergegebenen Daten entnommen worden.
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