Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Die Münchener kunstgeschichtlichen Ausstellungen
aus Anlaß des kunsthistorischen Kongresses 1909

DIE AUSSTELLUNG ALT-
MÜNCHENER KUNST

Zum 9. internationalen Kunsthistoriker-Kon-
greß hat Dr. Äug. Goldsdimidt im Kunstverein
eine ungemein instruktive Ausstellung vonWerken
Münchner Maler des XVIII. Jahrhunderts veran-
staltet. Selten daß man einem dieser Meister in
öffentlichen Sammlungen begegnet und nur wenige
wie z. B. der Porträtist Edlinger und der Land-
schafter Beich werden in den Kunstgeschichten
geführt. Selbst Sighart verschweigt Namen wie
de Marees und Kellerhoven. Es wäre wohl eine
dankenswerte Aufgabe die Geschichte der Münche-
ner Malerei dieses Zeitraumes darzustellen. Mate-
rial bietet sich in Hülle und Fülle, in allen Schlössern
und Kirchen des Landes, besonders aber im Besitz
erbsässiger Familien. Es ist ganz erstaunlich,
was in der bayrischen Residenz damals geschafft
wurde und welche Unmasse von Aufträgen den
Malern namentlich vom Hof und von den kirch-
lichen Würdenträgern zufloß. Kein Wunder, daß
sie nicht nur aus allen Gauen Deutschlands, son-
dern auch aus der Fremde, aus Österreich, Frank-
reich, Holland und Schweden herbeizogen, um
sich im Glanze der kurbagrischen Sonne zu er-
gehen. Die meisten starben denn auch als Hof-
maler, Akademieprofessoren, „Generalinspektoren
der kurfürstlichen Mahleregen“, oder in allen
diesen Eigenschaften zugleich. Freilich war die
Kunst, die sie übten, weder bagrisch noch über-
haupt deutsch. Italien, die Niederlande und
Frankreich lieferten die Vorbilder. So ruft denn
auch ein Gang durch die Ausstellung die Er-
innerung an Poussin, Claude, Nattier, Rigaud,
Dughet, Dujardin, Salvator, Rosa, Mieris, Dow
u. a. wach. Das trifft beim Porträt ebenso zu
wie bei der Landschaft. Und doch sind einige
da, die wie Edlinger und Kellerhoven, eigene
Wege gehen und sowohl durch scharfe Charak-
teristik wie durch Breite und kraftvolle Lebendig-
keit des Vortrags völlig außerhalb des Rahmens
zeitgenössischer Kunst treten. Es gibt kaum
einen größeren Unterschied als zwischen den
pompösen Rokoko-Repräsentationsbildern des
Georg de Marees und des absolut unbekannten
Goudreaux und jenen Bürger-Bildnissen, wie sie
die Vorgenannten mit so viel Können und tech-
nischer Solidität malten, so lange sie eben noch
nicht durch die Überfülle der Aufträge einem

flüchtigen Virtuosentum verfielen. Als Porträ-
tisten sind noch vertreten B. Ä. Älbrecht, C.
D. Asam, J. Hauber, M. Klotz, F. J. Oefele und
F. J. Winter. Als Landschafter beweist Fr
J. Beich die völlige Abhängigkeit von Salvator
Rosa und Kaspar Dughet, doch ist — wie Goid-
schmidt im einführenden Katalog betont, „ein
deutliches Streben nach Stimmungsgehalt unver-
kennbar.“ Während in der Porträtkunst und in
der Genremalerei, die sich wie die Arbeiten des
jüngeren Dorner zeigen, in den Bahnen der
Dow, Mieris und Schalcken bewegte, mehr und
mehr ein Stillstand und schließlich Verfall ein-
trat, erfuhr die Landschaftsmalerei eine stete
Weiterentwicklung. Ihre Hauptphasen sind in
einer Reihe von Werken veranschaulicht, die
von Wagenbauer, Kobell, Rottmann, Schleich,
Lier, Lugo u. a. bis in die neueste Zeit
herabführen. Auch das Bildnis des XIX. Jahr-
hunderts ist wie die übrigen Zweige der Malerei
durch charakteristische Werke anschaulich vor-
geführt. Besonderes Interesse beanspruchen
einige Porträts Lenbachs aus den 50er und 60er
Jahren. Zu dem sehr gut orientierenden Kata-
log sei bemerkt, daß der sehr interessante
Th. Ch. Wink (1738—97) auf einer allegorischen
Skizze in Augsburg, Christoph Winkh signiert
und daß das Geburtsjahr Beichs laut Signatur
auf der Rüdeseite des Porträts von' de Marees
(Äetatis 78 Georgius de Maresius pinxit 1744),
1666 ist. H. P.

S

DIE AUSSTELLUNG ZUR
GESCHICHTE DER MINIATUR-
MALEREI

welche der Unterzeichnete im Fürstensaale der
kgl. Hof- und Staatsbibliothek für die Teilnehmer
des Internationalen Kunsthistorischen Kongresses
arrangierte, sollte diesen zeigen, welch’ reiche
künstlerische Schätze die Münchener Bibliothek
ihr eigen nennt. Dabei sollte versucht wer-
den, durch die Gruppierung der ausgestellten
Stücke ein augenfälliges Bild der Entwick-
lungsgeschichte der Miniaturmalerei zu geben.
Trotz großer Schwierigkeiten, deren haupt-
sächlichste in dem Umstand liegt, daß von
jedem ausgestellten Handschriftenband doch nur
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