Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Der Cicerone

Heft 7

vorragende Erwerbung muß endlich ein wahr-
scheinlich für den Kurfürsten Max Emanuel von
Bagern in reichster Boulle-Arbeit gefertigter
Prunksdireibtisch bezeichnet werden, durch den
die Sammlung der Barock- und Rococo-Möbel,
deren Äusbau sich die Museumsleitung in den
letzten Jahren besonders hat angelegen sein
lassen, einen überaus wertvollen Zuwachs er-
fahren hat. — Für das Kupferstichkabinett
des Germanischen Museums konnten aus der
Sammlung Cichorius (94. Auktion Boerner in
Leipzig) eine Anzahl von Handzeichnungen
Adrian Ludwig Richters, Bonaventura Genellis,
Joh. Anton Kochs, Friedrich Prellers des älteren,
Karl Rottmanns und Julius Schnorrs von Carols-
feld erworben werden, die durch einige Ankäufe
der Stadt Nürnberg, Handzeichnungen Richters,
Johann Christoph Erhards, Johann Adam Kleins
und Hieronymus Hess’ (Landschaft bei Nürnberg
mit arbeitenden und ruhenden Schnittern, 1826)
eine willkommene Ergänzung fanden. Außer-
dem wären insbesondere noch Blätter von
Schongauer (B. 11 u. 63), Franz von Bocholt
(Pass. 41), H. L. Schäufeiein, Altdorfer, Älde-
grever, Brosamer, Binck, Jost Amman und vielen
andern zu erwähnen, während die Stadt wie-
derum einzelne Blätter von Barthel Beham, Hans
Sebald Lautensack, Wolf Traut u. a. erwarb.
Daneben erfuhr die Sammlung der namentlich
kulturgeschichtlich wertvollen Blätter ansehn-
liche Bereicherungen. Daß aus der Sammlung
Eduard Cichorius unter anderm auch die beiden
mit Wasserfarbenmalereien reich ausgestatteten
Manuskriptbände des Johann Wolf Freymann auf
Hohen-Randeck, dessen „Stammen-, Wappen-
und Freundschaftsbuch“ und seine „Haus-Chro-
nica“, in den Besitz des Germanischen Museums
übergegangen sind, ist im ersten Jahrgange der
„Monatshefte für Kunstwissenschaft“ bereits
kurz berichtet worden. Im übrigen sind unter
den Erwerbungen für die Bibliothek vor
allem noch eine Reihe weiterer Handschriften
vom XIV.—XIX. Jahrhundert, namentlich hübsch
ausgestattete Stammbücher, sowie zahlreiche
Holzschnittwerke des XVI. Jahrhunderts, darunter
ein auf das reizvollste aüsgemalter „Psalter
teutsch“ (Nürnberg, Petrejus, 1525) hervorzu-
heben. Theodor Hampe.

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PARIS —. -

Die keramische Sammlung der Porzellan-
manufaktur in Sevres ist durch eine höchst
wertvolle Schenkung bereichert worden. Die
Marquise de Grollier hat dem Museum zu Sevres
eine ungefähr 2000 Nummern umfassende Samm-

lung europäischen Porzellans überwiesen, welche
von dem Marquis de Grollier angelegt worden
war. Dieselbe will einen möglichst vollständigen
Überblick über die Geschichte des Porzellans in
Europa geben, sie dient also in erster Linie den
Zwecken der Wissenschaft. Sie soll in Sevres
nicht mit den übrigen Sammlungen vermengt
werden, sondern wird ihrem kunstwissenschaft-
lichen Zwecke entsprechend für sich bestehen
bleiben.

AUSSTELLUNGEN

DIE FRÜHJÄHRSAUSSTELLUNG DER
MÜNCHENER SEZESSION

Der erste Saal gibt die Skizzen und Original-
zeichnungen Rudolf Wilkes, der letzte eine An-
zahl Cezannes; was dazwischen liegt, gibt die
Sezession selbst und das ist zum großen Teil
vom Übel. Nach den letztjährigen Durchschnitts-
leistungen wird niemand mehr den Anspruch
der Sezession anerkennen, einen wichtigen und
für dieZukunft entscheidendenTeil der Münchener
Kunst zu repräsentieren. Auch ist die künstlerische
Existenzberechtigung einer „Sezession“ nicht
mehr gegeben; der Name haftet nur noch am
Lokal, nicht mehr an dem Dargebotenen. Aus
der Kampfgenossenschaft ist längst eine wohl-
konsolidierte Interessengemeinschaft geworden,
die nur durch ihr eignes Beharrungsvermögen
ohne künstlerische Notwendigkeit ihre Stellung
im Münchener Kunstleben behauptet.

Das abfällige Urteil über die Gesamter-
scheinung, das in erster Linie durch die präten-
tiöse Stellung der Sezession und durch die Er-
innerung an frühere weitaus reichere Ausstel-
lungen provoziert wird, schließt die Änerkennug
für eine Anzahl guter Leistungen nicht aus.
Neben dem vielen Flauen, Routinierten oder
Fragwürdigen fallen diese respektablen Arbeiten
doppelt angenehm auf. Bezeichnend ist, daß
die Landschaften diesmal bei weitem mehr
Qualität haben als die figürlichen Bilder. Das
beweist, daß die gute Münchener Landschafts-
Tradition noch in Kraft ist. Was Crodel, Gärtner,
Hayek, Hummel, Lamm, Lehmann, Oßwald und
Reiser ausstellen, ist durchschnittlich sehr er-
freulich und künstlerisch solide, wenn auch ohne
verheißungsvolle Entwicklungskeime. Unter den
figürlichen Bildern ist nur Weniges im künst-
lerischen Sinne reizvoll. Unter dieses Wenige
rechne ich die Arbeiten von Gailhof, Habermann,
Haß, Heß, Krain, Seyler, Witte und die schönen
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