Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Der Cicerone

Heft 1

ten, sehr zugunsten der Gesamtwirkung. Das
von dem herkömmlichen Denkmalschema sich
völlig fernhaltende Werk darf eine der schönsten
Eingebungen des Leipziger Meisters genannt
werden. D.

London. Werke aller Mitglieder der Ward-
familie vom großen Tiermaler James Ward an
bis zu seinem Urenkel waren bei Messrs. Grundy,
Mountstr. 89, zu sehen. —

In der Carfax Gallery stellte Mr. Cayley
Robinson, ein bei den Quattrocentisten und
Puvis in die Lehre gegangener feinfühliger
Primitiver aus. — In den Leicester Galeries
findet nun eine Ausstellung zur Geschichte des
berühmten Witzblattes „Punch“ statt. F.

Paris. Än modernen Ausstellungen fand eine
höchst bemerkenswerteRetrospektive desWerkes
von Georges Seurat bei Bernheim statt. Georges
Seurat war am 2. Dezember 1859 geboren und
ward mit Paul Signac der Begründer der Divi-
sionstechnik des Neoimpressionismus. Die Aus-
stellung bei Bernheim bringt fast alle hervor-
ragenden Werke des 1891 gestorbenen Künstlers
zusammen. Man ersieht aus ihnen deutlich, wie
Seurat von einer analytischen Auffassung der
Erscheinung ausgehend allmählich zu einer monu-
mentalen Synthese gelangt ist, die leider niemals
die ihr gebührenden monumentalen Aufgaben
finden sollte. Die „Baignade“, die „Grande
Jatte“ sind große Staffeleibilder, welche diesen
Ausfall ersetzen sollten. Wenn Seurat mit
seiner monumentalen Kunst, deren Stil oft an
die hieratische Strenge ägyptischer Bildwerke
erinnert, heute noch hie und da auf Widerstand
stößt, so dürfte seine Zeichenkunst mit ihrer
ungeheuren Valeurbeobachtung schon heute un-
angefochten sein. Diese Retrospektive leitet
eines der bemerkenswertesten Kapitel der jüng-
sten Kunstgeschichte ein.

In Herzogenbusch wurde nach dem „N. Rott.
Cour.“ am zweiten Weihnachtstage eine Aus-
stellung von Gemälden aus Herzogenbuscher
Privatbesitz eröffnet. Äußer modernen holl.
Gemälden sind u. a. ausgestellt zwei kapitale
Gemälde von Salomon van Ruysdael, drei Bilder
von Wouwerman, ein Stilleben von Pieter
Claesz, Landschaften von Jan van Goyen, ein
merkwürdiges Bild von Dirdc Bleecker und zwei
Porträts von Greuze. K. F.

s

DENKMALPFLEGE

DÄS ÄLTE HISTORISCHF MUSEUM
IN BERN

Obwohl der Kanton Bern seit dem 20. März
1902 ein Gesetz besitzt, das den Staat zur Pflege
und Wahrung des alten Kunstgutes verpflichtet
und verlangt, es sollten die Inventare der zu
schützenden Denkmäler „alle drei Jahre einer
einläßlichen Revision“ unterzogen werden, er-
eignet es sich hier doch nicht weniger häufig
als in anderen, gesetzlich minder geschützten
Teilen der Schweiz, daß wertvolle Bauwerke
eingebildeten Verkehrsbedürfnissen schonungs-
los geopfert werden. So konnte es geschehen,
daß im Frühjahr 1906 der so reizvolle, als
Straßenabschluß unersetzliche Torturm von
Büren a. d. Ä. niedergerissen wurde; so hat
vor kurzem, am 25. Oktober 1908, die Gemeinde
der Stadt Bern, den beschlossenen Abbruch der
einzigartigen Fassade des sogenannten alten
historischen Museums gutgeheißen, nur um da-
durch ungehinderten Ausblick auf einen in der
Silhouette verunglückten und auch sonst nicht
einwandfreien Kasinoneubau zu schaffen und
den niemals vorhaneenen Verkehrsströmen der
stillen, ganz kurzen Hotelgasse eine weite Aus-
mündung zu gewähren. Untersuchungen dar-
über, was denn eigentlich in das Inventar der
Berner Kunstdenkmäler aufgenommen worden
ist und warum das doch unzweifelhaft vorhan-
dene bernische Denkmalschutz - Gesetz nie in
Kraft tritt, erscheinen nach solchen Vorkomm-
nissen dringend nötig.

Von der mächtigen Entfaltung des politi-
schen, wie des gesellschaftlichen und geistigen
Lebens im alten Bern des XVIII. Jahrhunderts
erzählen noch heute zahlreiche, vornehm und
gediegen ausgestattete Privathäuser, vor allem
aber überraschend viele überaus würdige öffent-
liche Gebäude, so u. a. das mächtige Kornhaus
(1711—1716), das Inselspital (1718—1724), das
Bürgerspital mit seinen reizvollen Höfen (1734
bis 1739), das Knaben-Waisenhaus (1783—1786),
die durch ihre Anlage für die Entwicklung des
protestantischen Kirchenbaus so wichtige Heilig-
geist-Kirche (1726 —1729), das Rathaus des
äußeren Standes (1728—1730), das Stiftgebäude
(1744-1748), die Münze (1789—1792), die Haupt-
wache und dann das in seinen beiden Fassaden
gleich elegante Theater (1768—1770) sowie die
„Bibliothekgalerie“, das heutige alte historische
Museum.
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