Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Ausstellungen s Institute und Vereine

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Societe Nouvelle. Bei Georges Petit fand
die alljährliche Ausstellung der Societe des
peintres et sculpteurs (der früheren
Societe Nouvelle) statt. Sie bildet eine
Art Präludium zum Salon der Societe Na-
tionale, da in ihr die hervorragendsten Künstler
dieser Gesellschaft sich zu einer kleinen intimen
Ausstellung vereinigen. So finden sich denn
auch hier Vorzüge und Fehler jener größeren
Körperschaft nebeneinander: eine große Kultur,
ein großes Können und vielfach daraus resul-
tierend ein virtuosenhaftes Streifen an der Ober-
fläche, ein Vermeiden der Probleme, an denen
man die Independants scheitern sieht. In zwei
großen Leinwänden reproduziert Besnard das
Flimmern einer von den tausend Spiegeln eines
Gebirgssees reflektierten Sonne auf nackten
Frauenleibern. Blinkend und leuchtend wie die
Wirklichkeit, kapriziös im Aufbau wie Tiepolo,
vermag diese Kunst das Staunen des Beschauers
nicht in warme Sympathie zu verwandeln. Eine
gleiche kalte Virtuosität zeigt sich in den Por-
träts und Stilleben von ). E. Blanche; Aman
Jeans weiche Lyrik, Gaston Latouches graziöse
Szenen im Stile eines modernen Dixhuitieme
haben diese warme Menschlichkeit, die man bei
den anderen vermißt. Cottet hat als Porträtist
eleganter Frauen ebensowenig Glück wie in
früheren Jahren; eine glänzend heruntergemalte
Bluse vermag für ein ausdrucksloses Antlitz
nicht zu entschädigen. In der Bretagne dagegen
zeigt er sich zu Hause, schwere Zusammenklänge
von schwarz und grün geben die Dominante
dieser ernsten bretonischen Studienköpfe, seiner
schwermütigen Meeresstimmungen ab, die heute
die Kritik als Schwarzmalerei zu verketzern liebt.
Menard bringt neben neuklassischen Idyllen, die
man strenger wünschte, ein kleines Meisterwerk:
einen Sonnenuntergang in seinem flimmernden
flutenden Licht: eine Intensität der Stimmung,
die man vergeblich in den großen bretonischen
Küstenlandschaften Dauchez’ oder bei den ba-
denden Bretoninnen Lucien Simons sucht, deren
Körper übrigens eher an Pariser Korsetts und
Atelierbeleuchtung als an die urwüchsige Bre-
tagne erinnern. Rodin bringt zwei wundervolle
Arbeiten: zwei riesenhafte verschlungene Hände,
die als „morceau“ zum erstaunlichsten gehören,
was man je von ihm sah, und eine köstliche
Frauengruppe, in der sich ein Streben nach
Vereinfachung der Form eigentümlich bemerkbar
macht. — Alles in allem eine Ausstellung, die
viel gute Arbeiten, aber keine neuen Gesichts-
punkte zeigt. * *

Die Galerie Bernheim veranstaltete eine sehr
bemerkenswerte Ausstellung von 32 Werken

Gustave Courbets, dem sich neuerdings das
Interesse der Liebhaber und Sammler wieder
lebhaft zuwendet. Unter den ausgestellten
Werken sind die audi in Deutschland wohl-
bekannten Ringkämpfer hervorzuheben, ein aus-
gezeichnetes Blumenstilleben, zwei Varianten
der „Welle“, von der das Louvre eine dritte
Version besitzt, und ein Porträt von Berlioz,
das wir bereits im vorigen Jahre auf der
Theaterausstellung im Musee des Ärts De-
coratifs sahen. R. M.-R.

INSTITUTE und VEREINE

FLORENZ

Im Kunsthistorischen Institut hat die
jährliche Äusschußsitzung des „Vereins zur Er-
haltung des Kunsthistorischen Instituts“ statt-
gefunden, unter dem Vorsitz des Botschafters z.D.,
Freiherrn v. Stumm, und Teilnahme der Herren
Wirkl. Geheimrat Bode, Prinz Franz von und
zu Liechtenstein, F. v. Marcuard, Geheimrat
Schmarsow, des bayrischen Gesandten in Wien,
Frhrn. v. Tücher, Prof. Wölfflin und des Instituts-
direktors Prof. Brockhaus. Als Vereinsveröffent-
lichung konnte nach jahrelanger Vorbereitung
der demnächst erscheinende zweite Band der
„Italienischen Forschungen“ vorgelegt werden,
enthaltend ein grundlegendes Werk des Mu-
seumsdirektors Dr. Poggi über den Florentiner
Dom. Mit Befriedigung konnte auch auf die
zum erstenmal hier veranstalteten Vorträge und
Führungen geblickt werden, die das Institut so-
eben unter freundlicher Mitwirkung der Herren
Dr. Bombe, Dr. Gottschewski, Dr. Gronau, Dr.
Waetzoldt, Dr. Willich und Prof. Brockhaus vier
Wochen lang unter reger Beteiligung im Institut,
sowie in Kirchen und Museen vorgenommen hat.

S

ROM— = -

Archäologisches Institut. Sitzung vom
5. Februar. Dr. Dölger sprach über altchristliche
Baptisterien und antike Bäder. Der Vortragende
ging von dem Begriffe der Taufe als richtiges
Bad in fließendem Wasser aus. Erst zwischen
250—300 n. Chr. erfolgte der Wechsel zum festen
Baptisterium. Was uns von solchen Bauten
erhalten blieb, geht aber nur bis zum IV. bis
VI. Jahrhundert zurück. Solche Bauten sind
heute hauptsächlich in Nordafrika in verhältnis-
mäßiger Menge konserviert. Die Form der
Anlage ist gewöhnlich rund oder oktagonal,
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