Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Zwei unbekannte Bilder von Änton Graff in Bremen

Äuf der Ausstellung in der Bremer Kunst-
halle im Oktober „Niedersachsen in vier Jahr-
hunderten“ waren neben einer Unmenge von
vornehmlich kulturhistorischem und historischem
Material (Bildnisse und Städteansichten), auch
einige kunsthistorisch interessante Stücke, be-
sonders unter den gemalten Bildnissen. Aus
dem XVII. Jahrhundert einige Werke
von Tilman gen. Schenck (1601 bis
ca. 1670), der anfangs in den Hanse-
städten malte, dann aber an den
Wiener Hof ging, ferner von Franz
Wulffhagen, einem bremischen Nach-
fahr Rembrandts, der aber 'nur bei
allerengster Anlehnung an sein großes
Vorbild etwas Geschicktes leistete.

Ferner war Wolfgang Heimbach (f nach
1675) aus Ovelgönne in Oldenburg
außer mit drei Bildnissen vom Jahre
1635 noch mit einem kleinen, jetzt der
Kunsthalle in Bremen gehörigen Genre-
bild vertreten, das ihn ganz auf den
Spuren der Harlemer Gesellschafts-
maler zeigt und in seine Frühzeit
gehört. Unter den Porträten des
XVIII. Jahrhunderts interessierten zwei
Bildnisse von H. W. Tischbein (1751
bis 1829), Pendants, deren eines 1769
datiert ist und die demnach zu den
frühesten Tischbeins aus seiner ersten
Hamburger Zeit gehören. (S. Katalog
der Ausstellung historischer Gemälde
aus bremischem Privatbesitz 1904,

Nr. 349 und 350.) Die Malweise ist
noch ein wenig trocken und kalt. Am
interessantesten und schönsten aber
waren zwei Bildnisse von Änton Graff
(siehe Katalog derselben Ausstellung,

Nr. 182 und 183), die hier mit gütiger
Erlaubnis des Besitzers, Herrn Bürger-
meister Dr. Pauli in Bremen, zum ersten iWale
abgebildet werden.

1. Bildnis des Herrn Weneman Platz-
mann aus Berlin. 75:61 cm.

Brustbild nach links gewendet, dunkelblauer
Samtrock, weißes Tabot, Haarbeutelfrisur mit
schwarzer Nackenschleife. Grund dunkeloliv-
braun. Leinwand. Unbezeichnet.

, 2. Bildnis der 84jährigen Frau Platz-

mann, der Mutter des eben Genannten. 79:
641/2 cm.

Dreiviertelfigur, etwas nach links gewendet
in einem Lehnstuhl am Nähtisch, auf dem ein
Strickzeug liegt. Perlgraues Seidenkleid, weißes
Fichu, weiße Haube, schwarzer Spitzenschleier
darüber. Lehnstuhl hell tabakbraunes Holz mit
sattem dunkelolivgrünem Bezug. Hintergrund
olivgrau. Leinwand. Unbezeichnet.

Äuf der Rückseite in alter Schrift:

„Paint (!) a Tage de 84 ans
par Mr. Graf l’annee 1773.“

Das Damenbildnis ist von vorzüglicher Quali-
tät, breit und pastös gemalt, mit sehr ernsthafter
Durchdringung im Technischen. Die Pinsel-
führung offen und locker, geistreich mit ihrem
An- und Absetzen des Pinsels und der Beweg-
lichkeit, die sehr gut zu dem offenbar sehr
lebendigen Charakter der Dargestellten paßt.
Der Fleischton ist zart gelbrosa, nur sind die,

ÄNTON GRAFF, Bildnis des Herrn Weneman Platzmann
(Besitzer Bürgermeister Dr. Pauli, Bremen)
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