Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Zur Berliner Pieta Böcklins

Von G. J. Kern

Die Klage um den Tod Christi hat Böcklin Jahrzehnte hindurch als künstlerisches
Problem beschäftigt. Das formale, kompositioneile und malerische Moment reizte ihn
nicht minder als das psychologische. In der Trauer der Magdalena schildert er den
Schmerz eines leidenschaftlichen Weibes um den Verlust des geliebten Mannes, in der
Trauer der Maria das Weh der Mutter um den hingemordeten Sohn. Der Entstehung
der beiden Zyklen, in denen die Motive variiert werden, liegt eine musikalische An-
regung des Meisters zugrunde. Näheres darüber erfahren wir durch seinen Freund
Rudolf Schick. Er schreibt unter dem 16. August 1866 in sein Tagebuch1): „Böcklin
war in letzter Zeit sehr entzückt von dem Miserere Allegris, das er auf seinem Har-
monium jetzt spielt. Als wir neulich in der Dämmerstunde durch die Straßen (S. M.
Maggiore) gingen und der Tagesschein oben an den Häusern schon mit dem Lampen-
reflex kämpfte, erzählte mir Böcklin, daß das Miserere ihm immer im Sinn wäre und
daß das nächste Bild, das er malen wolle, diesen Inhalt haben solle. Er erinnerte sich
dabei der Grabesausstellungen in den Kirchen und alter Bilder, wo der tote Christus
dargestellt ist, und gedenkt das Bild in diesem kämpfenden Zwielicht zu malen: Vorn
verlöschende Lichter, deren Dampf lang hinzieht“. Einige Tage darauf war schon ein
Entwurf in Arbeit. Schick notiert am 23. August: „Böcklin hat sein Miserere weiter
gebildet. Der erste Entwurf mit drei Lampen machte ihm zu sehr den Eindruck, wie
die Totenfeier eines Helden. Er hat jetzt nur eine Lampe beigegeben und das Ganze
fast ärmlich gehalten. Der Entwurf ist auf blaues Papier mit Kohle gezeichnet, die
bräunlich-violett darauf aussieht. Auch die obere Schattenfläche ist damit angerieben.
Die Lampe dunkel mit leuchtend roter Flamme, damit das Übrige matt wirkt. Den
Christuskörper hatte er von dem Leichentuch (mit etwas weißer Kreide) durch einen
gelbgrauen Ton gesondert. — Das Auge soll zuerst in die Flamme sehen und dann,
fast davon geblendet, auf den Kopf des Christus, der im Gegensatz dazu nur noch
leichenhafter aussehen wird.“ Zur Ausführung eines Bildes, das sich „in derselben
Weise entwickeln“ müsse, wie die Skizze,2 3) scheint es nicht gekommen zu sein. Das
ergreifende, 1868 entstandene Baseler Bild der trauernden Magdalena an der Leiche
Christi gibt die Szene im Tageslicht wieder. Die ursprüngliche Absicht des Künstlers,
die Gruppe in Lampenbeleuchtung darzustellen, geht aus der Ampel auf der größeren
der beiden Baseler Studien") hervor. Eine dritte Lösung des Beleuchtungsproblems für
die Darstellung des „Miserere“ versuchte Böcklin in der Berliner Pieta. Die erste
Fassung beschränkte sich auf die „ganz stille dunkle Szene der über der Leiche liegen-

l) Rudolf Schick, Tagebudiaufzeichnungen aus den Jahren 1866, 1868, 1869 über Arnold
Böcklin, Berlin 1901.

-) Daselbst, S. 109.

3) S. das Verzeichnis zu Bruckmanns Böcklinwerk von Prof. Dr. Ä. Schmid, unter Nr. 177.
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