Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Der Cicerone

Heft 20

Äm Schluß der Sitzung wurde noch eine
von einer englischen Firma herausgegebene
graphische Karte der Geschichte der Malerei
vorgelegt, in der die Einflüsse und Schulver-
hältnisse durch Verbindungslinien sehr geschickt
dargestellt sind. K—1.

SPRECHSHÄL

Der im 16. Heft des „Cicerone“ (1909) er-
schienene Sprechsaalartikel von Anton Reichel
veranlaßt midi, eine Anregung, die ich schon
früher im Anschluß an Dr. P. Kutters Vor-
schläge in Heft 5 dieses Jahrganges niederschrieb,
nunmehr auch zu veröffentlichen.

Dr. P. Kutter wollte die Beschaffung von
brauchbaren Photographien nach Kunstwerken
durch Aufstellung einer möglichst vollzähligen
Liste von geeigneten Photographen erleichtern.
Anton Reichels Vorschlag zur Schaffung eines
„Corpus aller Kunstwerke“ geht viel weiter,
aber seiner Verwirklichung — so sehr sie zu
wünschen ist — dürften sich doch manche Hin-
dernisse in den Weg stellen; jedenfalls dürfte
es noch sehr lange dauern, bis wir so weit
sind, audi wenn die Sache wirklich in Angriff ge-
nommen werden sollte. Schon die Herausgabe
von Katalogen mit Illustrationen aller Kunst-
werke einer Sammlung, die Herr Reichel mit
vielen anderen wünscht, steht noch zu erwarten.
Jedenfalls scheint mir der Rahmen dieses Vor-
schlages vorläufig etwas zu weit gespannt.
Dr. Kutters Anregung dagegen ist bereits
jetzt durch den Herausgeber dieser Zeitschrift
in Gestalt der im „Cicerone“ gebrachten
Firmentafel von Photographen zum Teil rea-
lisiert worden. Aber doch nur erst zum
Teil. Diese Tafel wird für diejenigen, welche
Monumente aufzunehmen haben, die sich
an Orten befinden, wo es keine öffentlichen
Museen oder Galerien gibt, gewiß von größtem
Nutzen sein, auch für den, der großformatige
Aufnahmen zu besonderen Zwecken benötigt.
Aber wenn man eine kleinere Photographie
nach einem Gemälde, nach einer Skulptur oder
Zeichnung usw. in einer öffentlichen Sammlung
rasch braucht — etwa bei der Lektüre eines
Buches — so ist einem mit der Kenntnis eines
Photographen nur zum Teil gedient. Es bleibt
zu bedenken, daß bis zu dem Augenblicke, wo
man die gewünschte, meist schnell benötigte
Photographie in Händen hat, ein beträchtliches
Stück Zeit vergeht. Denn man hat sich erstens
brieflich mit der betreffenden Museumsverwaltung

(wegen der Erteilung der Erlaubnis zum Photo-
graphieren) und zweitens mit dem Photographen
(wegen der Preisabmachung undÄuftragerteilung):
in Verbindung zu setzen. Diese Korrespondenz
erfordert im besten Falle acht Tage Zeit,
wozu dann mindestens weitere acht Tage —
auch günstigsten Falles — für Anfertigung
der Aufnahme hinzukommen. In Summa zwei
Wochen, was schon zu lange Zeit ist. Außer-
dem wird die Sache noch dazu, wenn man
mehrere Photographien, und zwar an verschie-
denen Plätzen, nötig hat, viel zu kost-
spielig!

Solange nun unsere Museen noch keine
Kataloge haben, die in der von Herrn Reichel
angegebenen (aber lieber in noch etwas größerem
Maßstabe als ca. 2x3 cm!) Weise alle Kunst-
werke, die sie bewahren, abbilden und so die
Möglichkeit der sofortigen Beschaffung der grö-
ßeren Originalphotographien, nach denen die
Klischees angefertigt wurden, geben, solange
muß versucht werden, auf einem anderen Wege
zum Ziel zu gelangen.

Mein Vorschlag, dem eben skizzierten Übel-
stand abzuhelfen, geht nun dahin: jede öffent-
liche, staatliche oder städtische Sammlung möge
ihren ganzen Bestand an Kunstwerken selbst ein-
mal für sich photographieren lassen und die Ne-
gative als wertvolles Inventar *) aufbewahren. Die
Kosten einer solchen einmaligen photographi-
schen Inventarisierung sind im Vergleich zu an-
deren Ausgaben der Museen nicht zu groß, ja eher
gering zu nennen. Außerdem würden sie im Laufe
derZeit durch den Verkauf von Abzügen ganz oder
doch zum Teil Deckung finden. Denn der Zu-
spruch wird gewißlich sehr groß werden, wenn
es einmal bekannt ist, daß zur Erlangung,
der Photographie eines jeden noch nicht von
einer der großen photographischen Firmen auf-
genommenen Kunstwerkes ein einma-
liges Schreiben an den Direktor oder an
den mit der „photographischen Abteilung“ be-
trauten Museumsbeamten genügt; daß man dann
ohne weitere Schreibereien innerhalb kürzester
Frist und für einen geringen Preis (etwa 50 Pf. bis
1 Mark) die gewünschte Abbildung erhält. Ein
kleiner Betrag muß natürlich erhoben werden,,
nicht um dem Museum daraus eine Geldquelle
erwachsen zu lassen, sondern damit die Kosten
einigermaßen gedeckt werden. Aber auch mit
darum, daß man in Fällen, wo die Photogra-
phien von der Verwaltung — zu wissenschaft-
lichen Zwecken — gratis abgegeben würden,

J) Um für den Fall eines Diebstahles, oder wenn durch
Brand Kunstwerke unwiederbringlich verloren gehen, doch
einen für die Wissenschaft immerhin noch wertvollen.
Ersatz bezw. eine Hilfe zur Wiedererlangung zu besitzen.
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