Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Nochmals das „Frühwerk von Frans Hals“

Heft 4 des Cicerone brachte eine Erwiderung
von Bode auf meinen Ärtikel „Ein Frühwerk
von Frans Hals (eine Fälschung nach einem
Dirck Hals)“ in Heft 2 derselben Zeitschrift. Ich
bin durch diese Entgegnung nicht überzeugt
worden, sondern habe zur Sache folgendes zu
entgegnen, wobei ich den persönlichen Ton, in
dem jene abgefaßt ist, übersehe.

Zur Klarstellung: 1. Die Wiedergabe des
Ausschnittes aus dem Dirck Hals ist ohne mein
Wissen auf Grund einer durchaus selbständigen
Handlungsweise der Redaktion in meinen Auf-
satz aufgenommen worden.1) Davon, daß ich
die Leser auf diese Weise zu überzeugen suchte,
kann also nicht die Rede sein.

2. Die große Braunsche Photographie kenne
ich wohl (vergl. Heft 2, Seite 53, erste Spalte),
nur in meinem Besitze befindet sich keine; denn
sie ist nicht in den Handel gekommen, sondern
vom Hause Braun nur privatim angefertigt
worden (vergl. Heft 2, Seite 52, erste Spalte).
Diese Antwort habe ich wenigstens vom Hause
Braun erhalten, als ich die Photographie seiner-
zeit käuflich erwerben wollte.

Die Argumentation von Bode: Nach
Bode soll alles, was ich als Beweis gegen die
Echtheit vorbrachte: 1. die Fortlassung der Geige
des Mannes rechts, 2. die Fortlassung des Wein-
glases des Mannes links, 3. die gerade abge-
schnittenen Spitzenmanschetten der Dirne, 4. der
Kopf links in der Ecke, umgekehrt der „unum-
stößliche Beweis sein: 1. für die Echtheit des
Cocretschen Bildes, 2. für die unverstandene
Benutzung und „Verschlechtbesserung“
durch Dirck Hals. Begründung: Die Dar-
stellung geht auf ein Motiv zurück, das in den
Niederlanden im XVI. und XVII. Jahrhundert
sehr beliebt war, nämlich auf das des verlorenen
Sohnes, und das schließlich zur ungeschminkten
Bordellszene wurde. „Nichts anderes ist auch
die Darstellung im Cocretschen Bilde.“ Hier
„macht der alte weingerötete Galan, der sich an
die junge Dirne, mit der er zecht, eng an-
schmiegt, einen unflätigen Scherz, über den das
Mädchen einem der beiden Burschen hinter ihr
zulacht: einem Musiker, der bei solchem Schmaus
nicht fehlen durfte, und dem auf wartenden Koch
(daher der Löffel in der Mütze), die durch derbe
Mimik, der eine mit seiner Flöte, der andere
mit der Faust den Scherz kommentieren.

') Wird bestätigt. Die Red.

Nichts ist in diesem Bilde unzeitgemäß (selbst
die Herrn Erasmus störend „gerade abgeschnit-
tenen Manschetten“ nicht!) und alles nur zu
verständlich.“

Zur Begründung von Bode: 1. Daß
der Galan einen Scherz macht, ist nicht
deutlich ersichtlich, denn er lacht nicht, son-
dern singt augenscheinlich (vergl. seine Mi-
nen). 2. Sollte der Mann links in der Ecke
der Koch sein, so müßten in der holländischen
Malerei analoge Fälle zu finden sein, wo ein als
Koch schon auf andere Art und Weise unzwei-
deutig charakterisierter Mann als Zeichen seiner
Würde einen derartigen Hutschmuck trägt. Dies
kommt, meines Wissens, aber nicht vor. 3. Der
Mann rechts geht auf das Lachen der Dirne
nicht ein. Er müßte dann doch wenigstens
lachen. Den angenommenen Scherz des Galan
könnte er durch die „Flöte“, die übrigens
nur ein Stock ist, allerdings kommentieren.
Nebenbei bemerkt kann der Mann in seiner
Linken die „Flöte“ so überhaupt nicht halten,
da diese für die große Öffnung der Hand viel
zu klein ist. Dies kann man nur auf der Braun-
schen Photographie erkennen. Auf der Ab-
bildung in Heft 4 ist die „Flöte“ überhaupt nicht
sichtbar. 4. Der Mann links in der Ecke
macht allerdings eine Faust, die direkt über der
des alten Zechers als Komposition ziemlich
mangelhaft wirkt. Sonst geht er aber auf den
Scherz nicht ein, denn auch er lacht nicht, son-
dern seine Minen zeigen ein schreiendes Singen,
was aus den zusammengezogenen Augenbrauen
und den halb zugekniffenen Äugen deutlich her-
vorgeht. 5. Nichts soll unzeitgemäß sein, also
auch nicht die gerade abgeschnittenen
Spitzenmanschetten. (Ich habe nämlich
Spitzenmanschetten und nicht nur Manschetten
gesagt). Sie müßten somit auch sonst auf Ge-
mälden ihrer Zeit zu finden sein. Sie kommen
aber nirgends vor. Daß Spitzenmanschetten
gerade abgeschnitten werden, ist jedenfalls
etwas Widersinniges.

Das Cocretsche Bild soll Dirck Hals zweitens
mißverstanden und verschlechtbessert
haben. Mißverstanden kann Dirck Hals das
Bild wohl schwerlich haben, denn nach Bode ist
alles auf dem Gemälde für den verständlich, der
die Bilder dieses Genres und das Treiben der
holländischen Jugend in jener Zeit kennt. Min-
destens letzteres muß Dirck Hals aber noch besser
gekannt haben als wir heute. Angenommen nun,
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