Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Die Madonna mit der Wickenblüte

Frisch auf zum siegreichen Rückzug!

Die neue Kunstzeitschrift „Original und Re-
produktion“ enthält an der Spitze des 2. Heftes
einen „auf Wunsch der Redaktion erstatteten
Bericht“ von Professor Karl Voll über den Stand
der (nicht mehr sehr originellen!) „Frage der
Echtheit der Madonna mit der Wickenblüte.“
Seine kurze Erklärung beschränkt sich im wesent-
lichen darauf, daß Herr Voll „feststellt“, er sei
jetzt mit mir einig über die Hilfsfrage, ob das
Bild gut erhalten sei, was ich früher geleugnet
haben soll, (ich habe midi zwar vorher nie dar-
über ausgesprochen!); ich solle aber jetzt nach-
weisen, daß es ähnliche Gemälde der Kölnischen
Schule gäbe, dann würde es leicht sein, auf
Grund des Vergleichs, die Wahrheit festzustellen.
„Einstweilen lehne er aber die Madonna mit
der Wickenblüte hauptsächlich aus stilistischen
Gründen ab; sie sei für ihn ein Mixtum com-
positum, in dem sich Typen der Bewegungs-
motive vom frühesten Anfang des 15. Jahr-
hunderts mit der Öltechnik und mit der Form
von späteren, zum Teil sehr späten Zeiten
mischen. Er kenne kein Bild aus jener Zeit,
das in tedinischer Ausführung und in der künst-
lerisdien Behandlung zu der Madonna mit der
Wickenblüte passe.“

Ich bekenne, daß ich mich über die „moder-
nen“ altkölnischen Bilder an dieser Stelle zunächst
(im Mai) aus allgemeinen Gründen und mit Rück-
sicht auf gleichzeitige Bilder in unserer Samm-
lung, sowie später (im Juli) insbesondere über
„die Madonna mit der Wickenblüte“ in Köln
nach einer Prüfung dieses Bildes an Ort und
Stelle ausgesprochen habe, ohne die Gründe der
Herren, die in diesen Bildern Fälschungen des
19. Jahrhunderts erblicken, anders als nach den
kurzen sensationellen Notizen Berliner Zeitungen
zu kennen. Die Überzeugung, die ich durch wieder-
holte eingehende Prüfung, auch unter Zuziehung
unseres Restaurators Prof. Hauser und meines
Kollegen Max Friedlaender, gewonnen habe,
hätte durch die ausführlichste „Begründung“ der
entgegengesetzten Ansicht nicht wankend ge-
macht werden können, da nicht das geringste
Anzeichen einer Fälschung zu entdecken ist.
Ein energischer öffentlicher Protest gegen
jene Anfechtungen schien mir daher dringend
angezeigt, um so mehr als die Verdächtigung
alter Kunstwerke als Fälschungen eine Mode-
krankheit der Kunsthistoriker zu werden droht.
Wagt man doch jetzt schon ungesehen Meister-

werke eines Frans Hals als Fälschungen an den
Pranger zu stellen, und Professor A. Venturi
hat den Rekord erreicht, indem er in dem
neuesten Band seiner Storia dell' Arte Italiana
so ziemlich alles, was an italienischen Bildwerken
des Quattrocento in den Museen zu Paris, Lon-
don und Berlin enthalten ist, als Fälschung oder
Kopie an den Pranger stellt, nachdem er eben
erst mit seiner Entdeckung der gefälschten Ma-
donna Jacopo Bellini’s in den Uffizien sich eine
so schlimme Blöße gegeben hatte! In dem
Kölner Falle galt es aber zugleich jene ver-
dächtigten Bilder vor dem Schicksal schlimmer
Experimente bei etwaiger Prüfung oder vor der
Verbannung in die Magazine, wie solche der
„Madonna mit der Wickenblüte“ schon bevor-
stand, zu bewahren. Zu dem Zwecke machte
ich auch mein Gebot auf das Bild. Wie dies
Gebot erfreulicherweise seine Schuldigkeit getan
hat, so hat der Protest auch auf die „wissen-
schaftlichen“ Vertreter der Unechtheit jener alt-
kölner Gemälde augenscheinlich seine gute Wir-
kung gezeitigt. Denn Volls neue Erklärung ist
so zurückhaltend, läßt seinen getragenen Stil so
sehr vermissen, beschränkt seine „Ablehnung“,
entgegen seinen früheren Ausführungen, nur auf
die „Madonna mit der Wickenblüte“ und auch
auf diese nur „einstweilen“, so daß seine jetzige
Erklärung offenbar die Vorbereitung zum Rück-
zug ist. Wie dieser angetreten werden soll, und
daß er unter der nötigen Deckung aller Hilfs-
truppen von Nord und Süd erfolgen wird, ver-
rät jene Erklärung und verraten gelegentliche
Notizen der Genossen. Müssen die Waffen
schließlich gestreckt werden, so wird es heißen:
ja, das verdankt ihr unseren tiefsinnigen For-
schungen; früher duselte man so hin in stupider
Begeisterung für die „Madonna mit der Wicken-
blüte“, aber erst jetzt ist gerade durch die Zweifel
des eminentesten Kenners und Forschers ihre
Echtheit evident erwiesen worden; ihm ver-
danken wir, daß wir sie jetzt mit Verständnis
ansehen und bewundern! —

Wie steht es denn aber mit dieser „wissen-
schaftlichen Begründung“ der Zweifel an der
Echtheit durch Herrn Professor Voll? Jetzt, wo
er von mir die Gründe für die Echtheit verlangt,
habe ich mir seine Aufsätze in der Kölner
Volkszeitung und in den Südd. Monatsheften
verschafft: nun, ich bin erstaunt, wie man da
von „wissenschaftlicher Begründung“ sprechen
kann. Der Aufsatz der „Südd. Mon.“ ist nichts
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