Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Ausstellung von Bildnissen des XV. bis XVIII. Jahrhunderts
aus dem Privatbesitz der Mitglieder des
Kaiser Friedrich-Museum-Vereines zu Berlin

Von Hermann Voss

Nach der Schadow-Äusstellung haben die Räume der Akademie in dieser Saison
eine zweite Retrospektive dem Publikum gezeigt, die mit besonderer Spannung er-
wartet worden ist. Berlin hat bekanntlich an altem Kunstbesitz sehr wenig; faßt man
dies ins Äuge, so ist es um so bewundernswerter, wie viel innerhalb kurzer Frist, nur
dank der Sammeltätigkeit weniger, die durch Wilhelm Bode den entscheidenden
Antrieb erhielt, geleistet worden ist.

Bewundernswert ist vor allem die Vielseitigkeit der Ausstellung, die Nordisches
und Südliches, Primitives und Entwickeltes umspannt und Namen allerersten Ranges
und von großer Seltenheit, wie Raffael, Botticelli, Stephan von Calcar, in ihrem
Katalog aufführen darf. Nach Zahl der Werke sind die Niederländer am besten
vertreten. Schon aus dem Beginn des XVI. Jahrhunderts sind einige Bildnisse der
Schule vorhanden, vor allem ein feinsinniges männliches Porträt des Meisters der
Magdalenenlegende (Bes. Ed. Simon), ein weibliches Bildnis des Meisters mit
dem Papagei (Bes. C. v. Hollitscher); weiterhin finden wir Werke der Meister des
Überganges zum XVII. Jahrhundert: Frans Pourbus d. Ä„ Äntonis Mor (Bes. K.
von der Heydt) und ein besonders feines, von 1583 datiertes Brustbild eines Mannes
von Adr. Thom. Key (Bes. L. Koppel). Einem unbekannten Holländer um 1530
scheint ein ganz hervorragendes kleines Stück mit dem Brustbilde eines Mannes an-
zugehören (Bes. James Simon).

Von den vlämischen Hauptmeistern des XVII. Jahrhunderts ist Rubens haupt-
sächlich in dem Kniestück des Ritters Cornelius von Lantschot (Bes. O. Huldschinsky)
und einem männlichen Brustbild des Kaiser Friedrich-Museum-Vereines vertreten,
van Dyck durch zwei Bildnisse einer Marquesa Spinola (Bes. J. Simon und L. Koppel),
ein vornehmes, ebenfalls genuesisches Frauenporträt (Bes. M. Kappel) und ein lebens-
großes Dappelbild, ältere Dame mit Kind, aus dem Besitze des Herrn K. von der Heydt.

Besonders reich zeigen sich die holländischen Zeitgenossen Rembrandts. Es
ist natürlich, daß der Meister selber gerade in Berlin reichlich vertreten ist: in der Tat
umfaßt die Ausstellung neun Bildnisse seiner Hand, die ungefähr alle Perioden seines
Schaffens charakteristisch kennen lehren. Die frühe Zeit repräsentiert ein Damen-
bildnis in ganzer Figur, dessen Einfügung in ein wundervoll beleuchtetes Interieur
meisterlich gelungen ist (Bes. James Simon), die Amsterdamer Periode ist charakteristisch
vertreten durch das Brustbild einer Dame von 1635 (Bes. K. von der Heydt), spätere
Arbeiten sind das aus englischem Kunsthandel erworbene eindrucksvolle Kniestück
eines Herrn (Bes. L. Koppel), die flüssig gemalte Halbfigur der Hendrikje Stoffels (Bes.
R. v. Mendelssohn) und ein ausgezeichnetes Mädchenbrustbild (Bes. 0. Huldschinsky).
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