Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Der Cicerone

Heft 6

Alwin Schultz +. Mit Professor Älwin
Schultz, der am 10. März in München einem
Schlaganfall im 71. Lebensjahre erlag, ist
einer der hervorragendsten Kunst- und Kul-
turhistoriker, wohl der beste Kenner des
deutschen Mittelalters, dahin gegangen. Ge-
boren 1838 in Muskau, studierte er Archäolo-
gie und germanische Philologie in Breslau,
besuchte dann zwei Jahre lang die Bau-
akademie in Berlin, habilitierte sich 1866 an der
Universität Breslau für Kunstgeschichte und
wurde daselbst 1872 außerordentlicher Professor.
Im Jahre 1882 nahm er einen Ruf als ordent-
licher Professor an die deutsche Universität in
Prag an, trat 1903 in den Ruhestand und lebte
seitdem in München.

Von seinen zahlreichen Schriften sind auf
kunsthistorischem Gebiete besonders die über
die Kunst Schlesiens zu nennen: Geschichte der
Breslauer Malerinnung, das Rathaus zu Breslau,
Schlesiens Kunstleben im XIII. und XIV. Jahrhun-
dert, Schlesische Kunstdenkmale usw. Fernergab
er 1888 den Weißkunig im Jahrbuch des Ä. h.
Kaiserhauses heraus und seit 1896 eine Allge-
meine Geschichte der bildenden Künste.

Grundlegendes und sein Leben weit Über-
dauerndes schuf Schultz auf kulturhistorischem
Gebiete. Hier verhalt er den bisher von den
Historikern mit Geringschätzung übergangenen
Privataltertümern zu ihrem Rechte. Von der
zutreffenden Erwägung ausgehend, daß die
Chronisten und Historiographen zumeist nur
deshalb eine Tatsache notieren, weil sie eben
außergewöhnlich ist, durcharbeitete er besonders
die deutsche und französische Poesie um aus
den dort niedergelegten Skizzen des täglichen
Lebens, der Sitten, Gebräuche, Wohnungs- und
Nahrungsweise usw., das Zuständliche und Nor-
male zu abstrahieren. So entstanden sein „Höfi-
sches Leben zur Zeit der Minnesänger“, sein
„Deutsches Leben im XIV. und XV. Jahrhundert“
und sein „Häusliches Leben“, von denen zumal
die beiden erstgenannten Werke, in denen die
Fülle des erstmalig publizierten Abbildungs-
materiales Schritt hält mit der vortrefflichen
Darstellung, zum Besten gehört, was bisher
überhaupt auf sittengeschichtlichen Gebiete ge-
schrieben wurde.

Wie wir hören hinterließ Schultz seine wert-
vollen Sammlungen dem Germanischen Museum,
dessen Verwaltungsausschuß er jahrzehntelang
als Mitglied angehört hatte.

Dr. Max Kemmerich.

PARIS —

Uns wird der Tod des bekannten Bild-
hauers und Medailleurs Alexandre Charpen-
tier gemeldet. Sein „Bogenschütze“ im Salon
von 1897 lenkte zuerst die Aufmerksamkeit auf
ihn, er schuf dann das Denkmal des Schlachten-
malers Charlet, sowie eine Anzahl anderer
Werke. Später wandte er sich der Medaille zu
und führte etwa zweihundert Bildnisse bedeuten-
der Zeitgenossen aus, die sich sämtlich durch
charakteristische, lebendige Auffassung und frap-
pante Ähnlichkeit auszeichnen. Um nur einige
zu nennen seien Banville, Coppee, Puvis de
Chavannes, Pissarro, Zola, Mendes, Meu-
nier, Ysaye hervorgehoben. Charpentier war
niemandes Schüler, er übte auf die zeitgenössi-
schen Bildhauer einen günstigen Einfluß im
Sinne einer gesunden naturalistischen Auffassung.
Alle größeren Museen und Privatsammlungen
besitzen Stücke von ihm. F. M.

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WEIMAR —■ . -

Der Kabinettssekretär des Großherzogs Dr.
von Gabelentz-Linsingen, früher Privat-
dozent an der Universität in München, • ist an
Stelle des Hofrats Dr. Kötschau zum Direktor
der Großherzogi. Museen ernannt worden. Die
Ernennung des Direktors des Goethe-National-
museums steht noch aus.

VERMISCHTES

Krakau. Großes Aufsehen in Kunstkreisen
erregte ein Vortrag des Malers Ludwig Stasiak,
der die Resultate seiner jahrelangen Studien
über die Tätigkeit Veit Stoss und Peter Vischers
in Krakau kundgab. Stasiak behauptet, daß
die prächtigen Bronzegrabdenkmäler des Peter
Kmita, Peter Salomon, Kallimach usw. gar nicht
aus der Werkstatt Vischers hervorgegangen
sein können, und will dies durch stilistische und
chronologische Gründe beweisen. So starb
Kallimach 1496, während Vischer zu dieser Zeit
gar nicht mehr in Krakau anwesend War.
Lukasz Gorka starb 1475, als Vischer erst 15 Jahre
alt war. Stasiak wird diese sensationellen Be-
hauptungen in kurzem in Buchform mit allen
Details veröffentlichen. P. E.

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