Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Zu Waldmüllers Stierle-Holzmeister-Bildnissen

Von Ärthur Roessler

Meine bereits zwei Jahre vor der denkwürdigen Berliner Jahrhundert-Ausstellung
voller Zuversicht zum Ausdruck gebrachte Voraussage, daß Waldmüllers Name binnen
kurzem weitläufig würde, hat sich rasch erfüllt. In der Dresdener Retrospektiven
Kunstausstellung begann sich die künstlerische Wiederauferstehung des lange Zeit hin-
durch geschmähten, verkannten und schließlich vergessenen Meisters vorzubereiten.
Wie sich dann die Meinungswandlung im weiteren wirkungsvoll vollzog, berichtete ich
als nahe Beteiligter in meinen beiden Publikationen über Waldmüller.1) Des bieder-
meierischen Kunstrevoluzzers schönes Lebenswerk ist der Allgemeinheit wieder-
gewonnen, vortreffliche, ja einzigartige Arbeiten von ihm können heute in fast allen
bedeutenden Galerien Österreichs und Deutschlands genossen und studiert werden;
seine künstlerisch überragende Erscheinung ist allmählich so in Distanz gerückt, daß
sich die Perspektive für die historische Kunstforschung daraus ergab, und es dauert
vielleicht nicht mehr gar zu lange bis wir es erleben, daß er und sein Werk das Thema
zu einer Dissertation liefern werden.

Dem vorerst, wie nur natürlich, auf eine allgemeine Übersicht über sein Leben
und sein Schaffen gerichteten Bestreben, und dem Bemühen, die lange Reihe seiner
oft im unzugänglichsten Privatbesitz verborgenen Arbeiten in chronologischer Folge
möglichst lückenlos nachzuweisen, die überall hin verstreuten Stücke zu inventarisieren
und nach Möglichkeit ästhetisch zu analysieren, folgt nunmehr die bereits mit dem
Detail sich beschäftigende Forschung, der es um die Aufhellung einiger noch im Dunkel
liegenden Spezialfragen zu tun ist. Zu letzteren zählt die Frage nach dem Ursprung
seiner nachmals zur größten Meisterschaft gediehenen Bildnismalerei. Denn wenn auch
heute noch die meisten Kunstinteressenten bei dem Namen Waldmüller zunächst an
des Künstlers Genrebilder denken, da sie die dem allgemeinen Verständnis zugäng-
lichsten, populärsten seiner Arbeiten sind, haben tieferschürfende doch schon erkannt,
um wie viel künstlerisch wertgrädiger Waldmüllers Bildnis- und Landschaftsmalerei
ist. Um Waldmüllers heute schon von vielen Seiten laut ausgerufene Bedeutung für
die Entwicklung der modernen Malerei und der künstlerischen Naturanschauung kennen
und würdigen zu können, muß man nämlich ziemlich scharf unterscheiden zwischen
Waldmüller als Portätisten und Landschafter und Waldmüller als Genremaler. Als
Genremaler entspridit er unserem Empfinden nicht mehr ganz. Das Arrangement
seiner Figurenbilder ist uns in den meisten Fällen zu theatralisch, das Sujet zu anek-
dotisch, empfindsam. Ein Irrtum des Meisters war es, zu wähnen, daß es Werken
der Malerei zum Vorteil gereiche, wenn sie mit „moralischen“ und sonstigen sehsinn-
lich unanschaulichen Tendenzen verquickt sind, die mit bildender Kunst zwar nichts zu

) Verlag Karl Graeser & Co., Wien.
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