Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Die neue städtische Galerie in Frankfurt a. M.1)

Von E. Ä. Benkard

Am 14. Oktober wurde durch den Oberbürgermeister Dr. Adickes die neue
städtische Kunstsammlung der Öffentlichkeit übergeben. Diese Tatsache bildet gleichsam
einen ersten Merkstein einer nunmehr bald drei- bis vierjährigen Entwicklung und
und fordert einen kleinen Rückblick. Die künstlerischen Kulturfragen sind in Frankfurt
erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit in das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit ge-
rückt. Erst als im Jahre 1905 das bedeutende Pfungstsche Kunstvermächtnis an die
Stadt Frankfurt fiel, faßte ihre Verwaltung den Plan, neben dieser Stiftung sich auch
aus eigener Kraft in der Kunstpflege zu betätigen. Daß bei der Realisierung dieses
Gedankens etwas systematisch Klares zutage getreten ist, muß als eines der Haupt-
verdienste der leitenden Intelligenzen bezeichnet werden.

Da die Pfungstsche Stiftung in sich die Bestimmung trug, im wesentlichen zum
Ankauf von Werken moderner, speziell Frankfurter Meister, insoweit diese auf eine
weitere Bedeutung Anspruch erheben können, Verwendung zu finden, konnte sie von
vornherein neben der altangesehenen Galerie des Städelschen Kunstinstitutes nicht nur
ohne dessen Beeinträchtigung existieren, vielmehr entlastete sie dessen Etat nach der
Seite der modernen Kunst. Hierdurch bekam das Städelsche Kunstinstitut die Mög-
lichkeit, sich noch mehr nach der Richtung auszubreiten, der es seinen großen Ruf
verdankt, nämlich der Pflege der alten Meister.

Als sich nun die Stadt entschloß, aus eignen Mitteln bedeutendere Summen für
Kunstzwecke herzugeben, war deren Verwendung zur Schaffung einer Skulpturen-
sammlung, die fast notwendige Ergänzung des bis dahin Existierenden. Es wurde
ein klares Programm aufgestellt; das Städelsche Institut blieb als freiverwaltete Stiftung
natürlich unvereint mit den neuen städtischen Unternehmungen, schloß aber mit ihnen,
wie das schon die Personalunion der Direktion an die Hand gab, einen ideellen Pakt.
Man wollte sich keine Konkurrenz machen, sondern durch gegenseitige systematische
Beschränkung umso kräftiger werden.

Das ist im wesentlichen die Vorgeschichte, die in der nunmehr eröffneten
Galerie einen vorläufigen Abschluß gefunden hat. Den Lesern dieser Zeitschrift sind
die orientierenden Nachridhten über Neuerwerbungen und Ankäufe der Stadt, die das
Werden und sich Gestalten eines neuen Museumskörpers in Frankfurt ankündigten,
nicht unbekannt. Im Januar 1908 war der große Boehle-Ankauf, im Mai desselben
Jahres sicherte die rastlose Tätigkeit der Direktion die Sammlung des verstorbenen
Archäologen Adolf Furtwängler; im Oktober desselben Jahres trafen die Funde der
Menas-Expedition, die Monsignore C. M. Kaufmann mit Unterstützung der Stadt
unternommen, ein, und um die gleiche Zeit trat man dem Gedanken eines festeren

') Zugleich als Ergänzung unserer kurzen Notiz unter Sammlungen im letzten Hefte dieser
Zeitschrift. Die Red.
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