Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Heft 3

101

Ausstellungen s Entdeckungen

Schöpfungen auf dem Kunstmarkte niedriger
gewertet werden als etwa eine Zeichnung
Menzels. * *

*

Der Kunstverein brachte im Januar eine
Ausstellung fast des gesamten Werkes von
Erich Erler. Die gediegene, sicher fortschrei-
tende Weise dieses mit feinstem Gefühl nicht
nur für die landschaftliche Stimmung, sondern
auch für farbige Werte begabten Münchener
Künstlers fand gebührende Anerkennung.

WEIMAR - . ==-

Im neuen Museum für Kunst und Kunst-
gewerbe wird am 7. Februar eine Ausstellung
von Bildern und Werken der Edelschmiedekunst
von W. L. von Cranadh und H. L. von Cranadi
eröffnet werden.

s

ZÜRICH -- - ■ . - -

Im „Künstlerhaus“ hatte während
des Monats Januar eine Gruppe von Düssel-
dorfer Künstlern ausgestellt. Die Maler Bretz,
Clarenbach, Deusser, Opheg, Schmurr sowie
Alfred und Otto Sohn-Rethel. Am stärksten
vertreten mit Gemälden und Zeichnungen, aber
auch wohl von eindruckstärkster Wirkung war
August Deusser, dessen frische, mit erstaun-
licher Sicherheit festgehaltene Bewegungsschilde-
rungen vor allem anerkennende Bewunderung
fanden.

Im st ädtischen Kunstgewerbe-Museum,
dessen Bedeutung für das Künstierleben der
Schweiz unter der umsichtigen Leitung des der-
zeitigen Direktors Professor de Praetere mehr
und mehr zunimmt, haben die schweizerischen
Graphiker, die sich unter dem Namen „Die Walze“
zusammengeschlossen haben, eine überraschend
vielseitige und interessante Ausstellung veran-
anstaltet. Unter den Ausstellern seien, um nur
einige Namen hervorzuheben, C. Th. Meyer-
Basel, Emil Anner, Kreidolf, Würtenberger,
O. Gampert, Tröndle und namentlich Martha
Kunz wegen ihrer geradezu meisterhaften Farben-
holzschnitte besonders genannt.

Zu gleicher Zeit führt der Bund schweize-
rischer Architekten (B. S. Ä.) in den übrigen
Sälen des Museums eine sorgfältig zusammen-
gestellte Auswahl von Arbeiten seiner Mitglieder
vor, die in Modellen, Photographien Gemälden
und Zeichnungen ein erschöpfendes Bild des
derzeitigen schweizerischen Bauschaffens gewährt.

C. H. B.

ENTDECKUNGEN

MAILAND

In der Frankfurter Zeitung wurde berichtet
über die Auffindung eines bisher unbekannten
Bildes von Lionardo. Das Werk, das Herr
Pisoni besitzt, zeigt einen weiblichen Halbakt.
Man sieht den Erklärungen der Fachgelehrten,
von denen bereits Prof. Cavennaghi, der als
Restaurator das Bild gereinigt hat, sich ab-
lehnend äußerte, mit Interesse entgegen. B.

S

VENEDIG ======-

Vor kurzem las man in den Tagesblättern
eine Drahtmeldung aus Italien, man habe im
Palazzo Grassi zu Venedig ein Deckenbild ent-
deckt, das keinem geringeren als G. B. Tiepolo
zugeschrieben worden wäre. Jeden in der
Dogenstadt bewanderten Kunstkenner über-
raschte die sogenannte „Entdeckung“ nicht min-
der, denn man wußte nur über prächtige Freskos
Pietro Longhis Bescheid, die das Treppenhaus
des Palastes schmücken, sowie auch über ein
belangloses Deckenbild, das sich auf der Man-
sarde befand und kaum zugänglich war. Nach
langem Zögern, bekam ich vom neuen Besitzer
die Erlaubnis den Fund, der eben von der
Mauer auf Leinwand übertragen wurde, prüfend
in Augenschein zu nehmen. Das Deckengemälde
stellt eine symbolische Verherrlichung der Fa-
milie Grassi dar. Im Zentrum tront ein bärtiger,
lorbeergekrönter Mann im reifen Alter, in weißer
Kleidung mit breitem Faltenwurf und einen Szep-
ter in der Hand. Zu seiner Seite ein Krieger
mit Lanze, dessen Gesicht jedoch von einem
Helm mit dichtem Federbusch bedeckt wird,
während im Hintergründe das Antlitz eines
Weibes sichtbar ist. Unter diesen Figuren befindet
sich die Gestalt eines beflügelten Greises mit Sense
und Sanduhr. Darüber schweben drei Figuren:
Die Gerechtigkeit, die Vorsicht und die Weisheit.
Auch an Putten, beflügelten Frauen und Wolken
mangelt es in dieser Komposition nicht. Palazzo
Grassi wurde von Giorgio Massari erbaut, war
1766 noch unvollendet und es frägt sich zu-
förderst: wie konnte darin Tiepolo malen, der
1762 mit seinen Söhnen nach Madrid über-
siedelte, wo er acht Jahre später starb? Nicht
nur diese Tatsache spricht gegen die Annahme,
Tiepolo sei der Autor dieses Freskos gewesen,
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