Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Heft 8

Sammlungen s Ausstellungen

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bau wird eine Grundfläche von 40x60 m er-
halten, und man hofft, daß damit dauernd ein
genügender Platz für die ältere deutsche Kunst
geschaffen wird. Die Änlage ist in ihren Grund-
zügen vollkommen festgelegt. Den Änfang bildet
die primitive Kunst der deutschen Stämme im
Zeitalter der Völkerwanderung; von den Wer-
ken des Mittelalters werden besonders Äbgüsse
der sächsischen und fränkischen Plastik ein Bild
geben, ebenso einige originale Ärchitekturteile,
wie der Neumünster-Kreuzgang aus Würzburg
und das Langheimer Portal. Die bürgerliche
Kunst des XV. und XVI. Jahrhunderts verlangt
Ausstellungsräume von intimerer Gestaltung,
der Barock eine wirkungsvolle, einheitliche Auf-
stellung der einzelnen Werke, die bislang nur
hie und da als Dekorationen verwertet werden
konnten. Messels feinsinnige Kunst nahm auf
diese Erfordernisse in der Grundrißbildung sorg-
fältig Rücksicht; und wenn wir schmerzlich be-
klagen müssen, daß seine Hand nicht auch in
der Ausführung und genauen Durchgliederung
wirksam sein wird, so bürgen doch die Namen
Wilhelm Bode und Ludwig Hoffmann für einen
Abschluß dieser Bauten, der des weitausschauen-
den Planes würdig sein wird.

Die Lösung des linken Gebäudeflügels, der
die vorderasiatische und ägyptische Kunst auf-
nehmen soll, ist noch nicht bis in alle Einzel-
heiten entschieden. Es ist ein länglicher Bau-
trakt in Aussicht genommen, dessen Abschluß
nach Süden zu noch nicht genau feststeht. Wie
bei dem Deutschen Museum für eine Überleitung
nach der Gemäldegalerie, so wird hier für die
Verbindung mit den Sammlungen des Neuen
Museums gesorgt. Das Ganze der Museen
wird so gestaltet sein, daß alle einzelnen Ab-
teilungen unmittelbar miteinander verbunden
sein werden — mit einziger Ausnahme der
isoliert liegenden Nationalgalerie —, für den
ungefähren Mittelpunkt der ganzen Anlage ist
eine Restauration — nach dem Vorbilde einiger
weniger anderer Großstädte — vorgesehen, die
sich immer mehr als eine Notwendigkeit heraus-
gestellt hat. H. V.

S

PARIS =-

Nachrichten vom Louvre. Das Louvre
hat eine Anzahl von Neuerwerbungen und Ver-
mächtnissen zu verzeichnen. Mme. Auguste
Dufay hat dem Louvre zwei kleine Statuetten
vermacht, die eine gilt für ein Werk Falconets
und stellt eine sitzende lesende Frau dar, die
andere einen jungen Bacchus auf dem Panther.
Von Herrn Louis Bigot erhielt das Louvre ein

Kapital von 50000 Franken zur Erwerbung eines
Bildes der französischen Schule des XVIII. Jahr-
hunderts, sowie drei Gouachen aus der Zeit
Louis XIV.

Die wichtigste Bereicherung bildeten jeden-
falls die Stücke der Sammlung Victor Gay, über
die anderweitig berichtet werden wird. Eine
Gruppe von Freunden des Louvre hatten diese
Sammlung insgesamt erworben, überließ dem
Museum die Auswahl der hervorragendsten
Stücke und brachte schließlich den Rest unter
den Hammer. Der Ertrag dieser Versteigerung
deckte den ursprünglichen Ankaufspreis der
Sammlung vollkommen.

Umfassende Umstellungen wurden im Saale
Coysevox vorgenommen. Durch eine Verlegung
des Einganges gelang es, neuen Platz zu ge-
winnen und die wichtigsten Werke besser
herauszuheben. R. M.-R.

ÄUSSTELLUNGEN

DIE PILOTY-SCHULE BEI
HEINEMANN

Mit ihren retrospektiven Schulausstellungen
macht sich die Galerie Heinemann um die deutsche
Kunstgeschichte äüßerst verdient. Die über-
raschende Wirkung der Diezschule ist noch in
lebendiger Erinnerung. Ihr reiht sich nun eine
Ausstellung der Piloty-Schule an, die wieder
wie eine Jahrhundert-Ausstellung im kleinen
wirkt. Denn dem Bilde der deutschen Malerei
des XIX. Jahrhunderts, das von einer in Vor-
urteilen befangenen Geschichtsschreibung gründ-
lich verzeichnet war, fügt sie weitere sehr be-
deutsame Korrekturen zu. Man fragt sich
übrigens erstaunt, warum die wichtigsten dieser
Dokumente nicht zu finden waren, als man da-
mals das Material für die große deutsche Retro-
spektive zusammentrug.

Am Bilde Pilotys ändert die Ausstellung wenig.
Daß er ein guter solider Lehrer war, der seinen
Schülern ohne alle Engherzigkeit gegenüber-
stand, wußte man. Aber man darf andrerseits
den Begriff Schule hier nicht zu eng fassen.
Piloty war nicht nur Leiter einer Schule, nicht
nur Pädagoge, sondern er war vor allem der
maßgebende Repräsentant einer bestimmten
Metierauffassung, die das künstlerische Leben
Deutschlands ein Jahrzehnt lang beherrschte. Die
persönliche Wirkung wurde so zu einer un-
persönlichen Wirkung reduziert oder — wenn
man die Sache über die Person stellt — ge-
steigert. Nicht seine Schule, vielmehr der von

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