Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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DELCICERONE

Halbnvonät s s chrift

FÜRrDIE-lNTERES S EN -DES

Kunstforschers & Sammlers

I. Jahrgang 22. Heft 1909

Salvator Rosa auf dem Lande

Von Leandro Ozzola

Die Albertina in Wien hat kürzlich eine Zeichnung von Salvator Rosa er-
worben, die wegen der Darstellung und wegen eines auf der Rückseite des Blattes
befindlichen Begleitschreibens außerordentliches Interesse beansprucht. Leider fehlen
infolge kleiner Beschädigungen gerade Anfang und Ende des Briefes, so daß Absender
und Empfänger unbekannt bleiben. Man ersieht nur aus der Zeichnung (vgl. Abb.),
daß das Schreiben, das dort der eine der beiden Freunde verfaßt, an den „Ritter von
der Feder“ gerichtetet ist, eine bisher nicht zu identifizierende Persönlichkeit aus dem
Kreise des Rosa.

Aus dem Text (s. u.) erfährt man, daß sich der Schreiber in einer Villa der
Maffei’) befindet, in der Gesellschaft des Salvator Rosa, der sich bester Gesundheit
erfreue und auf dem Lande wie ein Einsiedler lebe („pare un Ilarione“), im Genuß
der Schönheiten der Natur, und beschäftigt mit Malerei und Poesie. Die Anspielung
auf die Malkunst ist nur ganz oberflächlich („qui, fra la Pittura e la poesia“), so daß
man vermuten kann, daß der Verfasser, der bezüglich der literarischen Tätigkeiten viel
ausführlicher ist, nicht selbst Künstler war. Es ist die Rede von der Lektüre alter
Moralschriftsteller, von Diskussionen über denselben Gegenstand, und von satirischen
Dichtungen: „doniamo le ore al genio che ci trasporta a far satire del mondo“. Der
ganze Brief, nicht nur der Hinweis auf die Laster der Stadt und die friedliche Ruhe
des Landes, scheint eine Paraphrase ähnlicher Schöpfungen Rosas.

Am Ende, gewissermaßen die vorangegangene Beschreibung ihrer Lebensführung
zusammenfassend, erwähnt der Schreiber die auf der anderen Seite befindliche
Zeichnung, deren Figuren er mit den Worten erklärt: „Interim contempli la nostra
religiosa effigie“. Die beiden Freunde sind da in ihrem Eremitendasein dargestellt.
In einer bewaldeten Landschaft sitzt Rosa in ländlicher Kleidung, und verzeichnet auf

i) über die Maffei und ihre Villen in Monterufoli und Barbaiano habe ich ausführlich ge-
handelt in meinem Buche über Salv. Rosa (Straßbg. Heitz. 1908).

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