Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Worauf stützt sich unsere Kenntnis der Geschichte
des chinesischen Porzellans?

Von Ernst Zimmermann

Es ist keine Übertreibung, es gibt heute kein Gebiet wirklich bedeutender Kunst,
über das wir so wenig Positives wissen, wie über das der chinesischen Kunst. Was
wir hierüber bisher wirklich erfahren haben, sind meist nur Fragmente, denen oft
genug die Bindeglieder fehlen; was wir von dieser Kunst selber gesehen, meist nur
Einzelbeispiele, von denen wir oft nidit sagen können, ob sie wirklich typische sind.
So kann hier ein jeder Tag die seltsamsten vielsagendsten Überraschungen bringen,
wie es z. B. vor kurzem durch die so merkwürdigen Tonarbeiten aus der Zeit um
Christi Geburt, die mit den sonstigen derartigen Arbeiten der Chinesen in fast gar
keiner Verbindung stehen, geschah, wie es zurzeit geschieht durch die jetzt eben in
London aufgetauchten chinesischen Seidenteppiche, von denen früher wohl nie etwas
gesehen worden ist. Hier ist kein Ende abzusehen.

Von dieser Regel macht nur ein Gebiet eine starke Ausnahme: das des Por-
zellans. Wir wissen bisher vom chinesischen Porzellan und seiner Geschichte soviel,
wie von keinem anderen Gebiet der chinesischen Kunst und kennen auch von keinem
anderen soviel Erzeugnisse, wie von diesem: hier liegt schon wirklich eine völlig klare
historische Entwicklung vor uns bis zur Gegenwart hinauf, hier gibt es Gegenstände
genug, die dieser sich mit voller Sicherheit eingliedern lassen. Und so werden wir
auf diesem Gebiete wohl keine allzu großen Überraschungen mehr zu vergegenwärtigen
und auch wohl keine allzu großen Irrtümer zu verbessern haben. Das eigentliche
Gerüst, um das sich dann die Einzelheiten ansetzen können, steht hier schon fertig
vor uns.

Der Grund für diese Ausnahme ist einmal der, daß von Anfang an, d. h. von
dem Augenblick an, da unser Weltteil mit dem fernen Osten in Verbindung trat, wir
uns immer ganz besonders für dieses so interessante und reizvolle Erzeugnis inter-
essiert und in den Besitz desselben zu setzen gesucht haben. In immer steigendem
Maße hat es ja dann bekanntlich zu uns seinen Weg gefunden und nicht in seinen
schlechtesten Exemplaren, so daß wir jetzt wohl in der Tat in Europa und Amerika
größere Quantitäten und selbst bessere Qualitäten von ihm aufzuweisen haben, als
in China selber noch vorhanden oder sich dort würden aufbringen lassen. Das hat
erst kürzlich der Mund eines Chinesen, der alle unsere Sammlungen gesehen, selber
bekunden müssen. Wir aber haben damit China eines großen Teils seiner schönsten
Kunst beraubt.

Dann aber ist auf keinem Gebiete der chinesischen Kunst die Kunstgeschichte
so sehr von den Sinologen unterstützt worden, wie auf diesem: Bewogen durch die
gute Literatur, die die Chinesen selber über dies Gebiet schon von Alters her besitzen,
haben sie uns das, was ihnen als das Wichtigste hier erschien, übersetzt, so daß wir
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