Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Entdeckungen s Institute und Vereine

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ENTDECKUNGEN

ENKHUIZEN

In der Suiderkerk, früher St. Pancraskerk,
sind wertvolle Deckengemälde, wahrscheinlich
aus dem Beginn des XV. Jahrhunderts entdeckt.
Die auf ihnen ruhende Farbschicht soll in zehn
Jahren entfernt werden können. Falls von den
hierzu nötigen Kosten von jährlich 1000 fl. der
Staat 600 fl. trägt, soll der Rest vom Rembrandt-
verein, der Oudheidkundig Genootschap und
den Kirchenältesten zusammen aufgebracht
werden. K. E.

s

FLORENZ . -

Berichten zufolge sind im Palast Davan-
zati nach seiner völligen Restauration wertvolle
Fresken aus demTrecento aufgedeckt wor-
den. Dieselben sind im Brautgemach des Pa-
lastes zum Vorschein gekommen und behandeln
eine Liebesnovelle ganz im Stile und Kostüm
des Boccaccio und dürften demnach auch kultur-
historisch ein wichtiges Dokument für das Flo-
rentiner Leben des XIV. Jahrhunderts bedeuten.
Nähere Mitteilungen werden folgen.

s

PETERSBURG — ■ . -

Oberst P. Kosloff ist unlängst von seiner
Ende 1907 im Aufträge der Kaiserl. Russischen
Geographischen Gesellschaft unternommenen
Expedition nach der Mongolei und Westchina
mit reichen naturwissenschaftlichen und kultur-
historischen Sammlungen zurückgekehrt. Be-
sonders erfolgreich waren die Ausgrabungen
der ehemaligen Stadt Chara-Choto. Unter den
■dort aufgefundenen, vorzüglich erhaltenen Schrift-
denkmälern aus dem XI.—XIII. Jahrhundert —
über 1000 Bände — sollen sich zahlreiche indo-
persische Miniaturen von hohem künstlerischen
Wert befinden. Die Geographische Gesellschaft
wird im Laufe des Winters die Kosloffschen
Sammlungen dem Publikum zugänglich machen.

P. E.

s

ROM .—

Der Direktor des Museums in Sassari, Prof.

A. Taramelli, hat vor kurzem eine große prä-
historische Ansiedelung im Zentrum der Barbagia
auf Sardinien entdeckt. Eine zyklopische Stadt-

mauer, 'Häuser, Straßen und Tempel sind kon- /
statiert worden. Die Ausgrabungen sind eben
von Prof. P. Orsi aus Syracus und Dr. Mackenzie
von der britischen Schule in Rom besucht und
gewürdigt worden. L. P-

8

WÄRSCHÄU :

In der Wochenzeitschrift „Tygednik Illustro-
wany“ (Nr. 30) veröffentlicht Herr Ludwig
Stasiak die Reproduktion einer bisher unbe-
kannten polychromierten Holzskulptur, die heilige
Familie in Viertelgröße darstellend, welche er
dem Veit Stoss zuschreibt. Die Gruppe wurde
von Herrn S. unlängst im Diocösialmuseum zu
Teschen entdeckt, wohin sie aus der Kirche in
Koscielec in Schlesien 1906 gebracht wurde.
Das ist bis auf die fehlende Figur des heiligen
Josef recht gut erhalten. P- E.

INSTITUTE und VEREINE

BERLIN

In der Sitzung der Kunstgeschichtlichen
Gesellschaft vom 8. ds.Mts. sprach Herr Prof.
M. Friedländer über die Anfänge der Tafel-
malerei in Köln. Er unterscheidet zwei Gruppen
von Kunstwerken, von denen die erste (um
1350) durch den zeichnerischen, typisierenden
Charakter und die schweren Umrisse der Figuren
und durch eine harte, glasige Maltechnik auf-
fällt, während in der zweiten Periode eine
mehr persönliche Auffassung, größere Verhält-
nisse, sanftere Übergänge, und ein tupfender,
breiter Farbenauftrag durchdringen. Als die
schöpferische Persönlichkeit, die diesen neuen
Stil brachte, wird der Meister der Madonna mit
der Wicke und der ihr nahestehenden Gemälde
bezeichnet und die Frage seiner Identität mit
dem Meister Wilhelm bzw. mit Hermann Winrich
von Wesel behandelt. Dann schilderte der Vor-
tragende kurz die Entstehung der Frage von
der Echtheit der Wickenmadonna und der ihr
verwandten Bilder, und kommt auf Grund seiner
genauen Untersuchungen zu dem Schluß, daß
die Hypothese von einer Fälschung Kölner Bilder
im Anfang des XIX. Jahrhunderts völlig unhalt-
bar sei. Die Möglichkeit späterer gründlicher
Übermalungen wird nur für den Clarenaltar
zugegeben. Über diesen fügte Herr Prof. Gold-
schmidt einige ergänzende Bedenken hinzu, und
im weiteren Verlaufe der Diskussion nahmen
noch die Herren Schweitzer, Jolles und Kern
das Wort zu kurzen Bemerkungen.
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